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Finale Das letzte Jahr der DDR von Bahrmann, Hannes (eBook)

  • Verlag: Ch. Links Verlag
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Finale

Das 41. Jahr ist zugleich das spannendste der gesamten DDR-Geschichte. Zwischen dem 7. Oktober 1989 und dem 3. Oktober 1990 überschlagen sich die Ereignisse: Das Volk stürzt die alte SED-Führung und erzwingt die Öffnung der Mauer, am Runden Tisch entsteht eine Parallelregierung, die demokratische Wahlen durchsetzt. Dabei siegt die konservative Parteienallianz für eine schnelle deutsche Einheit, die unter wirtschaftlichen Zwängen in nur wenigen Monaten vollzogen wird - mit Unterstützung der früheren Siegermächte.
All diese Vorgänge schildern die Autoren in kompakter Form und geben dabei zugleich mit Dokumenten, Hintergrundmaterial, Zeitzeugenberichten und Porträts Einblicke in das langjährige Funktionieren des ostdeutschen Staates.

Jahrgang 1952, Studium der Geschichte und Lateinamerikawissenschaften in Rostock; danach Journalist bei Rundfunk, Zeitungen und Nachrichtenagenturen; Autor zahlreicher Sachbücher zur Geschichte Mittelamerikas und der DDR-Politik, darunter '6 mal Mittelamerika', Berlin 1985; 'Piraten der Karibik', Berlin 1989; 'Chronik der Wende', Berlin 1994/1999 und 'Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit - eine Zwischenbilanz' (gemeinsam mit Christoph Links), zuletzt erschienen drei Bücher zu den gescheiterten Revolutionen in Kuba (2016), Nicaragua (2017) und Venezuela (2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 272
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783862844647
    Verlag: Ch. Links Verlag
    Größe: 8270 kBytes
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Finale

Um 17 Uhr waren Tausende Menschen in den vier großen Kirchen der Leipziger Innenstadt versammelt. Doch als das wahre Ausmaß der Demonstration erkennbar wurde, erwies sich das Handlungskonzept der Bezirkseinsatzgruppe als obsolet. Später wurde anhand von Filmaufnahmen rekonstruiert, dass 70 000 Menschen auf der Straße waren, um die politischen Verhältnisse in der DDR zu ändern. Es war das Vielfache der angenommenen Menge. Einsatzleiter Hackenberg rief Erich Honecker an, der war nicht zu sprechen. Krenz bat um Bedenkzeit.

Während die Demonstranten über den Georgiring zum Hauptbahnhof liefen, ertönte plötzlich die Erkennungsmelodie des Stadtrundfunks. Nach 1945 hatte die Sowjetische Militäradministration an allen zentralen Plätzen Lautsprecher anbringen lassen, um ihre Befehle zu verkünden. Die Stadtverwaltung hatte diese Kommunikationsform beibehalten. Zehntausende von Demonstranten hörten die Stimme von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur. Der verlas einen Aufruf, den der Theologe Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und drei lokale SED-Funktionäre verfasst hatten: »Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung.« Masur verlangte einen »freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land«, der »auch mit unserer Regierung geführt« werden müsse. »Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.«

Die Demonstration verlief ohne Zwischenfälle. Um 18.35 Uhr verzeichnete das Protokoll der Bezirksverwaltung des MfS: »Vorbereitete Maßnahmen zur Verhinderung / Auflösung kamen entsprechend der Lageentwicklung nicht zur Anwendung.« Schon am Abend sendeten die Westsender ARD und ZDF Berichte von der Leipziger Großdemonstration. Die Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski waren trotz mancher Hindernisse von Ost-Berlin nach Leipzig gekommen, hatten sich im Turm der evangelisch-reformierten Kirche am Tröndlinring postiert und die Demonstration mit der Kamera dokumentiert. Spiegel-Korrespondent Ulrich Schwarz brachte die Kassetten nach West-Berlin, wo sie der aus der DDR ausgewiesene Dissident Roland Jahn in der Redaktion der Sendung Kontraste aufbereitete. Nun wurde die Ohnmacht der DDR-Führung für die ganze Welt sichtbar. Eine Woche später versammelten sich in Leipzig 120 000 Demonstranten, und am 23. Oktober waren es schon etwa 300 000.

Z - Hans-Joachim Hanewinckel über den Gewalteinsatz in Halle

»Für den 9. Oktober 1989 um 17 Uhr hatten wir zur ersten Demonstration in Halle an der Marktkirche eingeladen. Sitzend, mit Blumen und Kerzen, wollten wir schweigend für das Hierbleiben eintreten, Reformen anmahnen und die Freilassung der zu Unrecht Inhaftierten fordern. Die Kirche sollte für den Notfall geöffnet sein. Als wir ein Transparent aus der Kirche trugen, um es draußen auszubreiten, sahen wir, dass ein Polizeikessel um uns gebildet wurde. Bis 17 Uhr konnte man noch bis zur Kirche gelangen, aber nicht mehr zurück. Einige der Pfarrer (in Talar) suchten daraufhin das Gespräch mit den Sicherheitskräften, von der Bereitschaftspolizei bis zur Stasi war ja alles vertreten. Auch ich bin ich auf die Polizeikette zugegangen und habe gebeten, den Kessel wieder zu öffnen, damit jene, die noch draußen waren, zu uns reinkommen konnten. Als das an einer Stelle gelang, hat es großen Applaus gegeben. Sofort stürzten Offiziere dazwischen und haben die Polizeikette wieder geschlossen. Mir wurde verboten, mit den Uniformierten weiterhin zu sprechen.

In der Zwischenzeit hatten sich viele Bürger und Bürgerinnen in die Kirche zu einem spontanen Friedensgebet zurückgezogen. Mit Polizei und Staatssicherheit konnte dann ausgehandelt werden, dass alle, die in der Kirche am Gebet teilgenommen hatt

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