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Hans Rothfels Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert von Eckel, Jan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.11.2013
  • Verlag: Wallstein Verlag
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Hans Rothfels

Hans Rothfels (1891-1976) war einer der einflußreichsten Historiker der frühen Bundesrepublik. Seine geschichtswissenschaftliche Tätigkeit erstreckte sich vom Ersten Weltkrieg bis in die sechziger Jahre. Dabei vollzog sie sich unter verschiedenen politischen Systemen und aus unterschiedlichen akademischen wie biographischen Positionen heraus. In der Weimarer Republik machte er als nationaler Junghistoriker eine aufstrebende Karriere, bis er nach dem Januar 1933 aus rassistischen Motiven ausgegrenzt wurde. Im amerikanischen Exil führte er seine Beschäftigung mit der deutschen Geschichte fort und kehrte 1951 mit einer hohen moralischen Reputation nach Deutschland zurück. Die vielfachen politischen und lebensgeschichtlichen Brüche, die Rothfels erlebte, führten dazu, daß er in seiner Historiographie immer wieder neue historische Anschlüsse herzustellen versuchte, um den Verlauf der jüngsten Geschichte jeweils sinnvoll deuten zu können. An Rothfels' Beispiel wird damit eine spezifische wissenschaftliche Reaktion auf den historischen Wandel des 20. Jahrhunderts greifbar. Jan Eckel analysiert in einem diachronen Längsschnitt die Bedingungsfaktoren von Rothfels' wissenschaftlicher Produktion und verortet seine Geschichtsschreibung im Fachzusammenhang. Vor diesem Hintergrund wird seine Historiographie als eine Form der intellektuellen Verarbeitung von gegenwärtigen Beobachtungen und Erfahrungen interpretiert.

Jan Eckel, geb. 1973, Studium der Geschichte, Germanistik und Hispanistik an den Universitäten Passau, Salamanca und Freiburg. Wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: Historiographie- und Wissenschaftsgeschichte. Hans Rothfels (1891-1976), war Professor in Königsberg, Chicago und Tübingen. Seine wichtigsten Themenfelder waren Bismarck, die Nationalitätenprobleme Ostmitteleuropas und der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er zahlreiche wichtige Funktionen im Wissenschaftsbetrieb inne, u. a. am Institut für Zeitgeschichte und als Vorsitzender des Historikerverbandes.

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Hans Rothfels

5. Politisches Denken in der Zwischenkriegszeit (S. 160-161)

Das Selbstverständnis, daß die Beschäftigung mit der Geschichte eine nationalpolitisch relevante und verantwortliche Tätigkeit sei, hatte die deutsche Geschichtswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert ausgezeichnet und war in der Weimarer Republik (und lange darüber hinaus) ungebrochen. Auch für Hans Rothfels war diese Selbstkonzeption verbindlich, und somit basierte auch seine Historiographie auf der Beobachtung, Deutung und intellektuellen Mitgestaltung des aktuellen nationalen Geschehens.

Anders als viele seiner Kollegen betätigte er sich jedoch nicht als politischer Publizist und engagierte sich auch nicht in politischen Organisationen. Die konkreten politischen Vorstellungen des Historikers lassen sich als eine eigenständige Äußerung seiner intellektuellen Biographie verstehen; daher ist zunächst die Variante der politischen Ausrichtung unter den Bedingungen der Weimarer Republik zu bestimmen, für die Rothfels steht und die insbesondere in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre Berührungsflächen mit der Ideenwelt der Weimarer Rechten zeigte.

Sein politisches Denken wies aber auch eine spezifische Verbindung zu seiner wissenschaftlichen Produktion auf, die im Anschluß daran aufgezeigt werden kann. Auf dieser Grundlage wird dann in einem zweiten Schritt deutlich, in welchem Verhältnis Rothfels' politisch- wissenschaftliches Profil zum Nationalsozialismus stand. Dieses ist von den Dispositionen aus zu untersuchen, die sich bereits zur Zeit der Weimarer Republik ausgebildet hatten.

Rechtsintellektualismus in der Weimarer Republik

In den Forschungen zur politischen Geistesgeschichte der Weimarer Republik sind die politischen Intentionen und Konzeptionen des rechtsintellektuellen Spektrums, die auf die Überwindung der staatlichen Verfaßtheit Weimars zielten, seit den sechziger Jahren breit rekonstruiert worden.1 Der methodisch-interpretatorische Fokus dieses Forschungsstrangs richtete sich auf eine Wirkungsgeschichte der Ideen, bei der auf den Beitrag abgehoben wurde, den das rechte Denken zur Delegitimierung und Schwächung der ersten deutschen Demokratie leistete, und damit auf die Rolle, die ihm bei der Wegbereitung des "Dritten Reiches" zukam.

Die Perspektive verschiebt sich dagegen, wenn man zunächst die Genese und den allgemeineren historischen Ort der rechten Entwürfe in den Blick nimmt. Dann zeigen sich diese zuerst einmal als Reaktionen auf eine durchgreifende Modernisierungsdynamik, die in Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern beim Übergang in die hochindustrialisierte Gesellschaft seit dem letzten Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende eingesetzt hatte.

Die rapiden sozioökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen – Bevölkerungswachstum und steigende Mobilität, Urbanisierung, Expansion und qualitativer Wandel des Industriesektors, Technisierung der Lebenswelten, Entstehung eines politischen Massenmarktes mit einem sich differenzierenden Panorama von Parteien, Verbänden und Interessengruppen – brachten neuartige Herausforderungen für die überkommenen Formen politischer Steuerung mit sich. Diese Ausgangskonstellation wurde in der Folgezeit durch den Weltkrieg und die schwierigen Rekonstruktionsprozesse der Nachkriegszeit verschärft.

Dabei hatte die Weimarer Republik durch den verlorenen Krieg, den abrupten Systemwechsel, die territorialen Verluste und die Reparationsverpflichtungen besonders große Vorbelastungen zu tragen. Doch war die politisch-gesellschaftliche Krise der Zwischenkriegszeit auch ein gemeineuropäischer Trend.

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