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Kosovo Geschichte eines Konflikts von Rathfelder, Erich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.10.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Kosovo

Kosovo, die zwischen Albanern und Serben umstrittene autonome Provinz des früheren Jugoslawiens, hat sich gegen den Widerstand Serbiens 2008 für unabhängig erklärt. Erich Rathfelder, seit 1987 immer wieder als Korrespondent vor Ort, hat den Konflikt zwischen Serben und der albanischen Bevölkerungsmehrheit hautnah verfolgt: die Aufhebung des Autonomiestatuts 1989, den gewaltlosen Widerstand der Albaner, den bewaffneten Kampf der UÇK, die Intervention der NATO im Jahr 1999, anschließend die Phase der zivilen Übergangsverwaltung. Im Zentrum seines Buches steht das Schicksal der Menschen. Die wichtigsten lokalen und internationalen Akteure reflektieren, durchaus selbstkritisch, die politische Entwicklung und ihr eigenes Handeln.

Erich Rathfelder, 1947 geboren, war in den achtziger Jahren Osteuroparedakteur der taz und lebt seit 1992 als freier Journalist in Sarajevo und Split. Veröffentlichungen u.a. Krieg in Europa (Hg.), Reinbek 1992; Sarajevo und danach , München 1998; Schnittpunkt Sarajevo , Berlin 2006.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 459
    Erscheinungsdatum: 22.10.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518796207
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1661 kBytes
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Kosovo

1 Freudenfeier

Am 17. Februar 2008 war das Zentrum von Prishtina (Priština), der Hauptstadt der "Republik Kosovo", für den Autoverkehr gesperrt. Die vor wenigen Monaten ins Amt gewählte Regierung hatte für den Tag, an dem die Unabhängigkeit der ehemaligen serbischen Provinz ausgerufen werden sollte, die Anweisung gegeben, möglichst geordnet zu feiern. Die auf dem südlichen Balkan üblichen Schüsse in die Luft waren untersagt, Feuerwerk sollte in möglichst weiter Entfernung von serbischen Siedlungen abgehalten werden. Den internationalen Organisationen, der UN-Mission im Kosovo, der EU-Polizei und den internationalen KFOR-Truppen wurde versprochen, daß es von seiten der Kosovoalbaner keine Provokationen geben würde.

Und die Menschen hielten sich daran. Fast neun Jahre nach dem Einmarsch der NATO-Truppen im Kosovo und dem Aufbau eines UN-Protektorates wähnten sich endlich alle, die schon seit Jahrzehnten die Unabhängigkeit des Landes von Serbien herbeigesehnt hatten, am Ziel. Tausende defilierten bei klirrender Kälte und im Kampf gegen die Windböen über den neugepflasterten Mutter-Teresa-Boulevard im Zentrum der Stadt. Die Flaniermeile entlang der früheren Tito-Straße endet am Hotel Grand Prishtina, dort war das überdimensionierte Wandgemälde des ersten Präsidenten der Albaner Kosovos, Ibrahim Rugova, zu bestaunen.

Manche hatte es schon am Morgen zum Grab des "Vaters der Nation" gezogen, der im Januar 2006 an Krebs gestorben war. Ausgerechnet er, der Mann mit dem Schal, Initiator eines langen und gewaltlosen Kampfes für die Unabhängigkeit, durfte diesen Tag, für den er so beharrlich gekämpft hatte, nicht mehr erleben. Tausende verharrten auf dem Friedhof oberhalb der Stadt in Schweigen, sie unterdrückten ihre Tränen nicht. Es war eine Gelegenheit, würdig und in stiller Andacht der mehr als 13 000 Toten des letzten Krieges und der eigenen Familienmitglieder zu gedenken, die im Kampf getötet worden waren oder während der Flucht oder in serbischen Gefängnissen gelitten hatten.

Später traf man sich in den zahllosen Cafés der Innenstadt, lachte und schwatzte mit den vor Jahren ins Ausland geflüchteten Familienmitgliedern und Freunden aus alter Zeit. Erst als am Nachmittag die Zeremonie im Parlament auf allen Fernsehkanälen übertragen wurde, kehrte wieder etwas Ruhe ein.

Hashim Thaçi, der einstige politische Führer der "Kosova Befreiungsarmee" UÇK und gegenwärtige Ministerpräsident, traf den Ton, der die Stimmung des Tages zum Ausdruck brachte. Der neue Staat sei für alle seine Bürger da, erklärte er und erinnerte an die Opfer der jahrzehntelangen Unterdrükkung. Er fand versöhnliche Worte für die Serben im Lande. In serbischer Sprache forderte er sie auf, teilzuhaben an der Zukunft des neuen, demokratischen und multiethnischen Staates. "Von heute an ist Kosova stolz, unabhängig und frei." Die Menschen im Lande hätten "nie den Glauben an den Traum verloren, daß wir eines Tages zu den freien Nationen dieser Welt gehören werden", rief er aus. "Nie wieder wird Kosova von Belgrad beherrscht werden." Diese Worte trafen die aufgewühlten Kosovoalbaner ins Herz.

Nach der Zeremonie wurde die neue Fahne gehißt. Die Flagge zeigt sechs Sterne in einem Bogen über den Umrissen des neuen Staates, gold auf blauem Grund. Die Sterne stehen für die ethnischen Gruppen der Albaner, Roma, Serben, Türken, Bosniaken und der Goranen (beides muslimische Slawen). Um diese Flagge war ein heftiger Streit entbrannt, hatte sie doch mit den traditionellen Farben der Albaner nichts gemein. Das traditionelle Weinrot mit dem schwarzen, doppelköpfigen

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