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Mao und seine verlorenen Kinder Chinas Kulturrevolution von Dikötter, Frank (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2017
  • Verlag: wbg Theiss
eBook (ePUB)
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Mao und seine verlorenen Kinder

Für die einen war Mao Zedong ein Monster, für die anderen der verehrte Führer. Doch was hat dieser Mao mit hoffnungsvollen Menschen angestellt, als er 1967 die Kulturrevolution ausrufen ließ? Was ging in Studenten und Bauern vor, als sie auf dem Acker aufeinandertrafen? Und was blieb dem ?Großen Vorsitzenden?, als ihm auf dem Sterbebett die Macht über sein Leben entglitt, wie ihm die Macht über sein Volk - von endlosen Anklagen, falschen Geständnissen und wiederkehrenden Säuberungen zermürbt - lange vorher entglitten war? In seiner brillanten Darstellung der Chinesischen Kulturrevolution geht der Historiker und Sinologe Frank Dikötter besonders den Auswirkungen auf die Menschen nach: von den politischen Führungskräften bis zu den verarmten Dorfbewohnern. Dikötter durfte als einer der ersten westlichen Wissenschaftler vormals verschlossene Parteiarchive besuchen. Hunderte von Dokumenten erzählen eine aufrüttelnd neue Geschichte über Mao und die Kinder seiner Revolution. Frank Dikötter, geb. 1961, niederländischer Historiker und Sinologe. Zählt zu den neuen Koryphäen der modernen Geschichte Asiens und vor allem Chinas. Dikötter hat inzwischen neun Bücher über China geschrieben. Der im Jahr 2014 erschienene Band "Maos Hunger" erhielt vorher den "BBC Samuel Johnson Prize for Nonfiction".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 01.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783806235463
    Verlag: wbg Theiss
    Originaltitel: The Cultural Revolution
    Größe: 3426 kBytes
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Mao und seine verlorenen Kinder

Vorwort

Im August 1963 empfing der Vorsitzende Mao eine Gruppe afrikanischer Guerillakämpfer in der Versammlungshalle des Staatsrats, einem eleganten holzgetäfelten Saal im Herzen des Regierungsviertels in Beijing. Einer der jungen Besucher, ein kräftiger, breitschultriger Mann aus Südrhodesien, hatte eine Frage. Er glaubte, der rote Stern, der über dem Kreml geleuchtet hatte, sei verschwunden. Die Sowjets, die früher die Revolutionäre unterstützt hatten, verkauften jetzt Waffen an ihre Feinde. "Worüber ich mir Sorgen mache, ist Folgendes:", sagte er, "Wird der rote Stern über dem Tiananmen-Platz in China ebenfalls erlöschen? Werdet ihr uns ebenfalls im Stich lassen und Waffen an unsere Unterdrücker verkaufen?" Mao nahm nachdenklich ein paar Züge aus seiner Zigarette. "Ich verstehe deine Frage", sagte er. "Es ist so: Die UdSSR hat sich dem Revisionismus zugewandt und die Revolution verraten. Kann ich dir garantieren, dass China die Revolution nicht verraten wird? Eine solche Garantie kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt nicht geben. Aber wir versuchen mit allen Mitteln, China davor zu bewahren, korrupt, bürokratisch und revisionistisch zu werden." 1

Drei Jahre später, am 1. Juni 1966, rief ein agitatorischer Leitartikel in der Renmin Ribao, der Volks-Tageszeitung, die Leser auf: "Alle Monster und Dämonen wegfegen!". Das war der Startschuss für die Kulturrevolution, die Bevölkerung wurde aufgefordert, Repräsentanten der Bourgeoisie zu denunzieren, die es darauf abgesehen hätten, "die Werktätigen zu täuschen, zu betrügen und zu betäuben, um ihre reaktionäre staatliche Macht zu festigen". Als wäre das noch nicht genug, kam bald ans Licht, dass vier der obersten Parteiführer unter Arrest gestellt worden waren, angeklagt, ein Komplott gegen den Vorsitzenden geschmiedet zu haben. Unter ihnen der Bürgermeister von Beijing. Er hatte vor den Augen des Volkes versucht, die Hauptstadt in eine Hochburg des Revisionismus zu verwandeln. Konterrevolutionäre hatten sich in die Partei, in die Regierung und die Armee eingeschlichen und versuchten, das Land auf den kapitalistischen Weg zu führen. Jetzt begann eine neue Revolution in China. Das Volk wurde ermutigt, sich zu erheben und diejenigen aufzuspüren, die versuchten, die Diktatur des Proletariats in eine Diktatur der Bourgeoisie zu verwandeln.

Wer genau diese Konterrevolutionäre waren und wie sie es geschafft hatten, ins Innere der Partei einzudringen, war unklar. Der Hauptvertreter des modernen Revisionismus war jedoch Nikita Chruschtschow, der sowjetische Staats- und Parteichef. In einer Geheimrede, die 1956 das sozialistische Lager bis ins Innerste erschütterte, hatte Chruschtschow die Reputation seines Vorgängers Josef Stalin zerstört, indem er Details seiner Schreckensherrschaft aufzählte und den Personenkult attackierte. Zwei Jahre später schlug Chruschtschow eine "friedliche Koexistenz" mit dem Westen vor. Dieses Konzept verstanden die wahren Gläubigen auf der ganzen Welt, einschließlich des jungen Guerillakämpfers aus Südrhodesien, als Verrat an den Prinzipien des revolutionären Kommunismus.

Mao, der sich an Stalin orientiert hatte, fühlte sich durch die Entstalinisierung persönlich bedroht. Er musste sich fragen, wie Chruschtschow in der mächtigen Sowjetunion, dem ersten sozialistischen Land der Welt, im Alleingang eine solch völlige Umkehr der Politik hatte bewirken können. Immerhin hatte Wladimir Lenin, ihr Gründer, nach der Machtergreifung der Bolschewiki 1917 konzertierte Angriffe fremder Mächte erfolgreich abgewehrt und Stalin ein Vierteljahrhundert später den Überfall durch Nazideutschland überlebt. Die Antwort auf diese Frage war, dass zu wenig unternommen worden war, um das Denken der Menschen zu verändern. Die Bourgeoisie war verschwunden, doch die bourgeoise Ideologie war immer noch vorherrschend und ermöglichte es einigen wenigen ganz oben, das gesamte System zu untergraben und schließlich zu

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