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Organisierte Gewalt in der europäischen Expansion Gestalt und Logik des Imperialkrieges von Walter, Dierk (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2014
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
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Organisierte Gewalt in der europäischen Expansion

Die aktuellen Interventionen westlicher Mächte in Drittweltländern haben vieles gemeinsam mit den unzähligen Gewaltkonflikten an der Peripherie seit der Eroberung Amerikas im 16. Jahrhundert. Wie ihre Vorgänger sind die modernen Imperialkriege vor allem von den Gegebenheiten des Raums und der ausgeprägten Asymmetrie von Militärorganisation, Ressourcen, Kriegführungsstilen und Gewaltkulturen der Konfliktparteien geprägt. Sie sind im Kern lokale Bürgerkriege, in denen die westlichen Mächte nur ein dominanter Machtfaktor unter vielen sind. Sie haben keine klaren Fronten, keinen Anfang und kein Ende. Regeln zur Gewalteinhegung spielen nur eine geringe Rolle. Die westliche Militärmaschinerie erweist sich auch heute noch als unfähig, einen politischen Konflikt militärisch zu entscheiden, einen Gegner zur Schlacht zu stellen, der keinen Grund hat, sie anzunehmen, und sich auf Guerillakrieg und Terrorismus verlässt. Den Preis zahlt letztlich, früher wie heute, die Bevölkerung vor Ort. Dierk Walter unternimmt erstmals den Versuch, die Logik der Gewaltkonflikte im Rahmen der europäischen Expansion schlüssig zu erklären. Er untersucht Konfliktmuster, die Bedingungen der Gewaltentgrenzung und die Dynamik des Zusammenstoßes gegensätzlicher Gewaltkulturen. Dabei werden Parallelen zwischen verschiedenen Imperien und Kontinuitäten über die Epochengrenzen hinweg deutlich, die eines ganz klarmachen: Die jüngsten Militäreinsätze westlicher Streitkräfte in Drittweltländern wie Afghanistan, Irak oder Mali sind keine 'neuen Kriege'. Vielmehr stehen sie in einer 500-jährigen Tradition transkultureller Gewaltkonflikte unter den spezifischen Bedingungen der 'kolonialen Situation'.

Dierk Walter, PD Dr. phil., Historiker; seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und seit 2005 Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg; im Wintersemester 2012/2013 Vertretung der Professur für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Universität zu Köln. 1995 bis 2001 war er Assistent für Neueste allgemeine Geschichte am Historischen Institut der Universität Bern, wo er 2001 promoviert und 2008 habilitiert wurde und seitdem als Privatdozent lehrt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 414
    Erscheinungsdatum: 17.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868546309
    Verlag: Hamburger Edition HIS
    Größe: 1291kBytes
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Organisierte Gewalt in der europäischen Expansion

1. Krieg an der Peripherie

"Der Krieg in Afrika hatte einen ganz anderen Charakter. Er war durchaus ein Krieg, ein echter Krieg, sehr hart, sehr mühsam, sehr schwierig, aber sui generis ." 1 Was eine populäre Memoirengeschichte des französischen Algerienkrieges hier schon in der Einleitung postuliert, ist signifikant. Organisierte Gewalt in der europäischen Expansion – der Imperialkrieg, Kolonialkrieg, kleine Krieg – funktioniert anerkanntermaßen anders als der konventionelle Großkrieg zwischen westlichen Mächten, ist geradezu als sein strukturelles Gegenteil beschreibbar. 2 Die Definition ex negativo ist seit Langem der charakteristische Einstieg für jede Analyse des Imperialkrieges, wie einige einschlägige Stellungnahmen aus den letzten gut hundert Jahren illustrieren:

"Das vergleichende Studium von Kolonialkriegen erfordert zwei Prämissen. Die erste ist, dass Kolonialkriege eine separate Kategorie bilden. Das bedeutet, dass sie etwas gemeinsam haben, was sie von anderen Kriegen unterscheidet – kurz: dass sie sui generis sind." (Hendrik Wesseling) 3

"Kolonialkrieg ist ganz anders als das, was gemeinhin als konventioneller Krieg bekannt ist." (Jean Gottmann) 4

"Der Kolonialkrieg unterscheidet sich vom gewöhnlich in Europa praktizierten Krieg durch eine Anzahl besonderer Bedingungen seiner Ausführung [...]." (Albert Ditte) 5

"Kleiner Krieg ist ein Begriff, der in den letzten Jahren sehr in Gebrauch gekommen ist und der zugegebenermaßen etwas schwierig zu definieren ist. Praktischerweise kann man sagen, dass er alle Feldzüge einschließt außer denen, in denen beide gegnerische Seiten aus regulären Truppen bestehen. [...] Die Lehren der großen Meister der Kriegskunst und die Erfahrungen, die aus jüngsten Feldzügen in Amerika und auf dem europäischen Kontinent gewonnen worden sind, haben bestimmte Prinzipien und Präzedenzfälle etabliert, die das Fundament des gegenwärtigen Systems regulärer Kriegführung bilden. [...] Aber die Bedingungen der kleinen Kriege sind so unterschiedlich, die Kampfweise des Feindes oft so eigentümlich und die Kriegsschauplätze weisen so einmalige Eigenschaften auf, dass irreguläre Kriegführung allgemein nach einer vom formelhaften System völlig abweichenden Methode betrieben werden muss." (Charles Callwell) 6

Worin bestehen diese "besonderen Bedingungen", durch die der Krieg im Rahmen der europäischen Expansion zum diametralen Gegenteil des Großkriegs der abendländischen Moderne wird? Gottmann verwies diesbezüglich recht klassisch auf ferne Länder, große, unbekannte Räume, numerisch überlegene, landeskundige Feinde, ein großes Zivilisationsgefälle zwischen den Gegnern sowie auf gänzlich anders geartete Kriegsziele, 7 und die anderen drei zitierten Autoritäten führten im Prinzip Ähnliches aus. Neuere Definitionen des Phänomens Kolonialkrieg lehnen sich daran an. 8 Allen gemeinsam ist allerdings, dass sie sich zumindest vorrangig auf die klassische Epoche der jüngeren europäischen Kolonialreiche und ihrer Expansionskriege in Übersee beziehen, also auf den Zeitraum vom mittleren 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Tatsächlich aber sind viele der "besonderen Bedingungen" verallgemeinerbar für die Gesamtgeschichte der gewaltsamen Etablierung und Aufrechterhaltung der Vorherrschaft der westlichen Imperien in der übrigen Welt.

Wie also gestalteten sich diese "besonderen Bedin

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