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Phantome des Kalten Krieges Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes 'Rote Kapelle' von Sälter, Gerhard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2016
  • Verlag: Ch. Links Verlag
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Phantome des Kalten Krieges

Die Organisation Gehlen übernahm mit dem Personal aus Gestapo und anderen NS-Behörden einige ihrer Feindbilder. Neu formiert unter den Vorzeichen des Kalten Krieges, führte sie bis in die sechziger Jahre hinein ausgedehnte Ermittlungen gegen eine nicht existierende kommunistische Spionageorganisation: die neu erstandene 'Rote Kapelle'. Tatsächlich ermittelte sie gegen Überlebende aus dem Widerstand, die aus den Lagern und Zuchthäusern der Nationalsozialisten oder dem Exil zurückgekehrt waren und es ernst meinten mit dem demokratischen Neuanfang. Den Männern, die sich aus verantwortlichen Positionen des NS-Regimes in den Gehlen-Dienst gerettet hatten, diente die Wiederbelebung des Gestapo-Mythos dazu, die NS-Gegner zu denunzieren, um sie vom öffentlichen Leben fernzuhalten und die Furcht vor kommunistischer Unterwanderung zu schüren, um so ihr eigenes institutionelles Überleben abzusichern. (Band 2 der Edition der unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968) Jahrgang 1962, Historiker, 2000 Promotion; bis 2011 Leiter des Arbeitsbereichs Forschung und Dokumentation an der Gedenkstätte Berliner Mauer; seit 2012 Mitarbeiter der Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des BND; zahlreiche Veröffentlichungen, u. a. zum Ministerium für Staatssicherheit und zur Berliner Mauer, zur Geschichte der Geheimdienste und des BND.

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Phantome des Kalten Krieges

Einleitung

Die Chefs staatlicher Nachrichtendienste - mit einem Geheimbudget ausgestattet und oft in der Lage oder verpflichtet, nicht allzu legale Mittel anzuwenden - werden leicht zu Hinterzimmerpotentaten. Das ist schon in der Natur ihrer Aufgaben begründet. Solange sie und ihre Untergebenen keine Böcke schießen, die sich nicht mehr verbergen lassen, sind sie gegen jede öffentliche Kritik immun. Das Geheimhaltungs-Tamtam und der allgemeine Glaube daran, dass man informiert sein müsse, erwiesen sich immer wieder als schier unüberwindliche Bollwerke.

Eric Ambler 1

Im Oktober 1954 schickte James H. Critchfield, Leiter des CIA-Stabs, der in Pullach die Aktivitäten der Organisation Gehlen zu lenken versuchte, eine alarmierende Nachricht an seine Vorgesetzten in Langley: Es gebe Hinweise, dass Hans Globke ein sowjetischer Spion sei, der für das Agentennetz "Rote Kapelle" arbeite. Diese Nachricht war so beunruhigend wie überraschend, insbesondere, nachdem der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) Otto John in Ost-Berlin aufgetaucht und die Öffentlichkeit ohnehin alarmiert war. Globke, seit 1949 leitender Beamter im Bundeskanzleramt und seit Herbst 1953 in der Nachfolge von Otto Lenz als Staatssekretär Chef des Kanzleramts, war einer der engsten Vertrauten Konrad Adenauers. 2 Einen besseren Platz für einen sowjetischen Spion und Einflussagenten gab es überhaupt nicht.

Der Hinweis auf Globke stammte vom Chef der Organisation Gehlen selbst, vom "Doktor" oder "Professor", wie Reinhard Gehlen sich von seinen Mitarbeitern nennen ließ, bzw. von "Utility", wie er bezeichnenderweise bei der CIA hieß. Globke hatte, als er 1949 im Bundeskanzleramt eingestellt werden wollte, Gehlen gebeten, für ihn bei den Amerikanern um Unterstützung zu werben. Globke, der in der Nachkriegszeit eher als Erfüllungsgehilfe der Nationalsozialisten berüchtigt als für eine Gegnerschaft bekannt war, hatte seine Bewerbung mit Bescheinigungen von Verfolgten und Angehörigen des Widerstands gepolstert. Critchfield glaubte, seine Vorgesetzten in den Staaten auf die seltsamen Zeitumstände der direkten Nachkriegszeit hinweisen zu müssen: "During that period, it will be recalled, the main criterion for holders of public offices under the occupation was an anti-Nazi record." Critchfield hatte das Material seinerzeit in den richtigen "channel" geleitet und es dann vergessen. Gehlen jedoch mit seiner Neigung, Papier zu horten, behielt eine Kopie zurück und hatte sie nicht vergessen.

Im Juni 1954 machte er Critchfield - "to our surprise" - auf die Zeugnisse aufmerksam. Otto Lenz, Jakob Kaiser und Josef Müller (der "Ochsensepp" genannt) hatten Globke 1949 bescheinigt, er sei einer der Männer des 20. Juli gewesen. Herbert Engelsing und seine Frau Ingeborg hatten ihm attestiert, er habe sie vor drohender Verhaftung und vor Hausdurchsuchungen gewarnt, und sie wüssten von zahlreichen nächtlichen Sitzungen, dass Globke "one of the most clever participants of the 20 July revolt" gewesen sei. Seit 1949 hatte der Wind sich jedoch gedreht. Josef Müller war unterdessen in den Medien von einem Widerstandskämpfer zu einem "Kryptokommunisten" geworden, der vielleicht heimlich mit den Russen paktiere, und als Verräter galt er vielen ohnehin. Die Beziehung zu Engelsing war noch belastender, denn dieser wurde in den Akten der meisten westlichen Sicherheitsdienste mittlerweile als möglicher kommunistischer Agent der Roten Kapelle geführt. Ironischerweise hatten die Persilscheine Globke wenig genützt. Critchfield hatte in den Personalunterlagen des amerikanischen Hochkommissars gefunden, dass man seinen Widerstandsaktivitäten kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Deutsche und Amerikaner hätten sich allein mit der Frage beschäftigt, ob Globkes Position im Reichsinnenministerium und seine Autorschaft an den Kommentaren zu den Nürnberger R

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