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Richard Wadani. Eine politische Biografie 'Da habe ich gesprochen als Deserteur' von Rettl, Lisa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.12.2015
  • Verlag: Milena Verlag
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Richard Wadani. Eine politische Biografie

Richard Wadani - Leben und politische Arbeit eines Wehrmachtsdeserteurs. Kritik und Widerstand als Lebensprinzip, bei dem es immer wieder um eines ging: die Frage der Solidarität. 2007 wurde Richard Wadani als erstem österreichischen Wehrmachtsdeserteur das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs verliehen. Ein mühsam erkämpfter Schritt, dem noch andere wichtige Etappen folgen sollten: 2009 das sogenannte Anerkennungs- und Rehabilitierungsgesetz für die Verfolgten der NS-Militärjustiz, 2014 schließlich die Enthüllung eines Deserteursdenkmals am Wiener Ballhausplatz. Immer mittendrin im politischen Geschehen: Der mittlerweile über 90jährige Richard Wadani, dessen scharfsinniger Humor ebenso besticht wie seine zeitlebens konsequente politische Haltung. Aufgewachsen als Sohn österreichischer Eltern im revolutionären Prag der 1920er und 30er Jahre, führt sein Weg 1938 unfreiwillig nach Wien, ebenso widerwillig in die Wehrmacht. Im Oktober 1944 läuft er an der Westfront zu den Alliierten über. In der Uniform der Briten kehrt er 1945 nach Wien zurück. Anfeindungen, Neubeginn im Nichts, mit nichts. Pionier beim Aufbau des österreichischen Volleyballs als Profisport; Engagement und Arbeit in der KPÖ. Schmerzhafte Zäsur, Parteiaustritt nach dem Prager Frühling 1968. Als Konstante über die Jahrzehnte hinweg: Die politische Auseinandersetzung.

Lisa Rettl, geb. 1972, lebt und arbeitet als freie Zeithistorikerin, Biografin und Ausstellungskuratorin in Wien. Richtungsweisende Arbeiten im Kontext der österreichischen Erinnerungskultur und NS-Täterforschung, ferner zahlreiche Arbeiten zu den Themen Widerstand und Minderheitenpolitik. Theodor-Körner-Preis für Wissenschaft, Kunst und Kultur (2002), Theodor-Körner-Preis für Kuratorentätigkeit (2008), Förderungspreis für Geistes- und Sozialwissenschaften des Landes Kärnten (2012). Magnus Koch, geb. 1967, freier Historiker und Kurator, lebt in Hamburg, u.a. wissenschaftlicher Berater der Städte Hamburg und Wien für die dort geplanten bzw. umgesetzten Deserteursdenkmäler; Veröffentlichungen zu ungehorsamen Soldaten der Wehrmacht; Mitglied des Ausstellungsteams 'Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944' am Hamburger Institut für Sozialforschung (2000/2002). Mitglied des Kuratorenteams der Wanderausstellung 'Was damals Recht war'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 300
    Erscheinungsdatum: 15.12.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783902950802
    Verlag: Milena Verlag
    Größe: 10467 kBytes
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Richard Wadani. Eine politische Biografie

"Goldenes, hunderttürmiges Mütterchen Prag"

Familiärer Hintergrund

Richard (links) und sein Bruder Alois Wedenig im Vrchlického sady, einem Park nahe dem Hauptbahnhof, Prag, um 1926.

Es gibt Fotografien, die das Gefühl vermitteln, als würden sie alles über einen Menschen offenbaren - als wäre das Wesen, die Seele, der Charakter in dem einen, winzigen Bruchteil einer Sekunde eingefangen worden. Eine solche Aufnahme gibt es auch von Richard Wadani und seinem Bruder - eine der wenigen Fotografien aus Kindheitstagen, die den Krieg überdauert haben. Die Aufnahme entstand im Vrchlického sady, einem Park nahe dem heutigen Prager Hauptbahnhof. Sie zeigt den etwa vierjährigen Richard und seinen um zwei Jahre älteren Bruder Alois während eines sonntäglichen Spaziergangs im Jahr 1926. Die Szenerie auf den ersten Blick: bürgerlich, geordnete Verhältnisse. Fein gekämmte Buben in gebügelten Matrosenanzügen, wie sie damals in ganz Europa in Mode waren.

Alois, der Ältere, lächelt in die Kamera. Kokett, ein bisschen verschämt vielleicht, doch freundlich. Richard hingegen - Risa, wie er von Mutter und Bruder gerufen wird - in einer leicht abgewandten, seitlichen Pose: Skeptisch, die Situation kritisch taxierend, schaut er in die Kamera. Ein bisschen aufmüpfig, kämpferisch. Ich brauche das alles nicht, scheint sein Blick zu sagen. Das Naturell der beiden Buben im Schnappschuss erfasst: Alois, der Weichere und Strebsame, der später einmal in einem Büro arbeitet, politisch in der Angestelltengewerkschaft organisiert ist, Krawatten und Anzüge trägt, gerne mit den Mädchen tanzen und ins Kaffeehaus geht. Der sein Soldatendasein in der Kriegsmarine der Wehrmacht nicht überleben wird. Richard, der Robuste. Der sich nichts gefallen lässt, der früh beginnt, sich politisch zu interessieren, der Demonstrationen liebt und illegale Plakate klebt. Dessen Schule die Straße ist. Der alle Kämpfe austrägt, die Obrigkeit austrickst und schneller laufen kann als die Polizei. Der sich auf Sportplätzen und in Werkstätten zu Hause fühlt und mit den Mädchen lieber am Lagerfeuer als im Kaffeehaus sitzt. Der der Wehrmacht mit Schwejk'scher Schlauheit Paroli bietet und im Oktober 1944 zu den Alliierten desertiert.

Die charakterliche Unterschiedlichkeit der Brüder wird in Richards Erinnerungen immer wieder deutlich. Dabei beschreiben diese Erzählungen und Geschichten freilich nicht nur den Bruder, sondern auch sich selbst:

"Mein Bruder war ein sehr anständiger Mensch. Er war erst bei der Sozialistischen Jugend, dann bei der Gewerkschaftsjugend und Angestelltengewerkschaft. Selbstverständlich immer noch links. Aber wie sie mich von der Universitätsklinik verletzt nach Hause gebracht haben, weil mein Auge eingeschlagen war - weil wir uns mit den Faschisten geprügelt haben -, da hat er gesagt: Ich würde an deiner Stelle da nicht mitmachen. Das war halt der Unterschied! Er hat mich unterstützt, aber selbst mitgegangen ist er nicht. Er hat wohl plakatiert für die Gewerkschaftsjugend, aber so wie wir, wo wir uns gegenseitig mit den gegnerischen Gruppen aufgelauert haben - also das nicht."

Als Richard sich diese Verletzung zuzieht, ist er ungefähr sechzehn Jahre alt. Die Straßen Prags kennt er wie seine Westentasche. Hier, in der pulsierenden Hauptstadt der jungen Tschechoslowakei, ist er groß geworden: "Reingewachsen in eine Jugend" , die, wie er selbst sagt, geprägt war "von der damaligen revolutionären Entwicklung" , in der sich die zeitgenössische politische Lage auf allen Ebenen - auch der familiären - widerspiegelt.

Vrchlického sady, wo die eingangs beschriebene Aufnahme der beiden Buben entstand, lag in unmittelbarer Nachbarschaft zur Wohnadresse der Wedenigs. Eine kleine, beengte Wohnung in der Rubesova: "Fünf Minuten zum Z

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