text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Srebrenica Chronologie eines Völkermords oder Was geschah mit Mirnes Osmanovi? von Fink, Matthias (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.07.2015
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
eBook (PDF)
35,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Srebrenica

Der Name Srebrenica steht für das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs: mehr als 8.000 ermordete bosnisch muslimische Männer und Jugendliche; über 25.000 Vertriebene, vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen. Aber auch dafür, dass eine noch immer unbekannte Anzahl von Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten aus der Armee der bosnischen Serben im Juli 1995 zu Kriegsverbrechern wurde. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien stufte das Verbrechen in Srebrenica als Völkermord ein - noch heute wird gegen mutmaßliche Verantwortliche und ihre Untergebenen verhandelt. Am 11. Juli 1995 hatte die Armee der bosnischen Serben die ostbosnische Bezirksstadt Srebrenica, Zentrum einer Sicherheitszone der Vereinten Nationen erobert. Armeebefehlshaber General Ratko Mladi? erklärte vor laufender Kamera, er überreiche die Stadt dem serbischen Volk als Geschenk. Die Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen vor Ort sahen den Vorgängen hilflos zu. Anhand von Beweisdokumenten und Zeugenaussagen des Internationalen Strafgerichtshofs erzählt Matthias Fink die Vorgeschichte und den Ablauf des Dramas von Srebrenica. Seine Darstellung zeigt, warum die 'ethnische Säuberung' des Bezirks Srebrenica am Ende in den Völkermord geführt hat und warum die bosnische Regierung und ihre Armee sowie die Weltgemeinschaft und ihre Schutztruppe diesem Geschehen tatenlos zusahen. Es gelingt dem Autor, das gesellschaftliche Konstrukt hinter dem Konflikt aufzudecken. Eindrücklich werden Aussagen der Überlebenden, aber auch der Täter und der 'Zuschauer' dargestellt, sodass die Gewalteskalation wie auch die Erfahrungswelten der Beteiligten bestechend, erschreckend und auch berührend anschaulich werden. Dr. phil., studierte Amerikanistik, Politikwissenschaften und Zeitgeschichte in Tübingen und München. Er ist Journalist, Autor und Produzent politischer Reportagen und Dokumentationen für verschiedene ARD-Rundfunkanstalten. 1998 wurde Matthias Fink mit dem Robert-Geisendörfer-Preis der Evangelischen Kirche Deutschlands ausgezeichnet, 2004 mit der World Silver Medal des New York Festivals. Matthias Fink unternahm jahrelang zahlreiche Recherchereisen an die Orte des Geschehens in Bosnien-Herzegowina und war seit Beginn der Verhandlungen vor dem Internationalen Gerichtshof für das ehemalige Jugoslawien als Prozessbeobachter dabei.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 978
    Erscheinungsdatum: 20.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868546453
    Verlag: Hamburger Edition HIS
    Größe: 11799 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Srebrenica

Prolog: Davor

Menschen, die zu Opfern gemacht werden, haben zwei Leben - davor und danach.

Das "Leben davor" war für die Familie Osmanovic aus dem Dorf Zgunja, Opcina 1 Srebrenica, ein bescheidenes Leben. 2

Die Osmanovics waren nicht reich, aber auch nicht so arm wie viele Leute rings um sie herum. Jugoslawien wurde Ende der 1980er Jahre von einer schweren Wirtschaftskrise erschüttert, die drohte, Staat und Gesellschaft zu zerreißen. 3 Viele Nachbarn standen vor dem Nichts, weil sie ihre Arbeit verloren hatten. Azem und Zuhra Osmanovic aber hatten Glück gehabt. Sie hatten ihre Arbeit noch, und das war in diesen unsicheren Zeiten viel wert. Azem, Jahrgang 1959, war Verkäufer in einem Lebensmittelgeschäft und machte eine Fortbildung zum Einzelhandelskaufmann; Zuhra, Jahrgang 1960, arbeitete in der Küche eines Grillrestaurants - ein junges Paar mit zwei gesunden Kindern: Mirnes, der Sohn, Jahrgang 1980, und Mersa, seine Schwester, Jahrgang 1982, gingen in die Schule.

Eine jugoslawische Familie, Bosniaken, 4 also bosnische Muslime. Damals hat sich fast niemand dafür interessiert, welcher Volksgruppe man zugehörte. In Titos Staat war es ein Tabu gewesen, nach der Religion eines Menschen zu fragen. In Zgunja, ihrem Dorf, lebten Bosniaken und bosnische Serben Haus an Haus, waren befreundet oder waren sich egal oder konnten sich nicht leiden. Wie das Leben in Zgunja und überall sonst auf der Welt eben so ist. Die Kuma, die Patin von Zuhra Osmanovic, war Serbin und lebte gleich nebenan. In Bosnien-Herzegowina ist die Beziehung zwischen der Kuma und dem Patenkind sehr nah, nicht selten so eng wie zwischen Kind und leiblichen Eltern. Dass Nerandza Vujic, die Kuma von Zuhra Osmanovic, Serbin war, hatte nie irgendeine Bedeutung gehabt. Selbst als das östliche Bosnien 1991/92 in einer politischen Explosion der Gewalt unterging, waren die beiden so vertraut miteinander wie in den Jahrzehnten zuvor.

Azem und Zuhra Osmanovic waren in ihrer kleinen Welt ganz zufrieden, als die 1990er Jahre begannen. Sie besaßen ein Auto, einen kleinen Zastava Fica, die jugoslawische Ausgabe des Fiat 600. Sie hatten sich gerade ein Haus gebaut, im gehörigen Abstand zum Fluss Drina, dessen smaragdgrünes Wasser hinter einem Spalier von Pappeln vorbeirauschte. Am jenseitigen Ufer lag Serbien. Mirnes, der Sohn, war dort im Krankenhaus von Bajina Basta zur Welt gekommen. Nema problema - kein Problem. Warum auch? Es war das Jahr 1980 gewesen, das Jahr, in dem Tito starb und das gemeinsame Land noch Jugoslawien hieß.

Als im Sommer 1991 erste Bilder vom Krieg in Kroatien im Fernsehen auftauchten, schien das ganz weit weg zu sein. Nicht bei uns, sagten die Leute in Zgunja. Und: Kommt auch nicht zu uns. Doch das Unheil kam auch in Bosnien-Herzegowina näher und näher. Plötzlich fingen im Herbst 1991 Bosniaken und Serben öffentlich zu streiten an. Im Städtchen Skelani, das von Zgunja vier, fünf Kilometer entfernt ist, riefen im April 1992 die örtlichen Serben einen "Serbischen Gemeindebezirk Skelani" ( Srpska Opstina Skelani ) aus. Es gab Schießereien, Tote.

Azem Osmanovic drängte, die Gegend zu verlassen. Aber seine Eltern, die nebenan lebten, und die Familien seiner Brüder, die ebenfalls ihre Häuser ganz in der Nähe hatten, wollten nicht fort. Zuhra, seine Frau, sagte, wenn alle bleiben, will sie auch nicht weg. Also packten sie zwar Taschen mit dem Nötigsten, stellten sie aber beiseite, bereit für den Tag, an dem ihnen keine Wahl mehr bleiben würde und sie doch fortgehen müssten.

Anfang Mai 1992 wurde die Lage immer bedrohlicher. Auch die Osmanovics bekamen nun richtig Angst. Marko, ein Nachbar, Serbe, der bei der Polizei war, sagte zwar noch am 6. Mai, sie sollten sich keine Sorgen machen, es würde nichts passieren. Doch schon zwei Tage d

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen