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Vererbte Schatten Was folgt den (Frauen)Vorbildern in zukünftigen Generationen?

  • Erscheinungsdatum: 11.07.2015
  • Verlag: Osteuropazentrum Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Vererbte Schatten

Frauen und Kinder aus der Kriegs- und Nachkriegszeit mussten mit verlustreichen Erfahrungen fertig werden: Heimat, Eigentum und die Geborgenheit im gewohnten Umfeld - fast alles fehlte oder war zusammengebrochen. Ob die Ankunft in der Fremde und der Neuanfang auf Trümmern gelungen sind - trotz Selbstverleugnung und Ver drängung - ist eine immer wiederkehrende Frage. Die persönlichen Erlebnisse und Ereignisse unserer Mütter (und Väter) und unserer Großeltern haben starken Einfluss gehabt auf die nächsten Genera tionen.
Die Schatten der Vergangenheit haben den Bewohnern Deutschlands und Europas einen Stempel aufgedrückt, der immer wieder sichtbar wird. Deshalb wurde für eine Tagung des Frauenverbandes im BdV e. V. dieses Thema gewählt: AUS SCHULD UND SCHAM - ANGST VOR DER ZUKUNFT? Auf die Fragen nach der Prägung mehrerer Generationen seit der NS-Zeit, dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit wurde auf der Tagung eingegangen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 154
    Erscheinungsdatum: 11.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783942437844
    Verlag: Osteuropazentrum Berlin Verlag
    Größe: 1191 kBytes
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Vererbte Schatten

Wie haben wir unsere Mütter erlebt? Frau stellt sich ihrem Vorbild

Was hat mein Vorbild (Mutter) mit mir gemacht und was habe ich aus dem Vorbild gemacht?

Sibylle Dreher

Ich habe gerne zugestimmt, dieses Vorbildliche einmal vortragen zu dürfen. Ich will hier ein ganz persönliches Beispiel bringen, wie ich meine Mutter als Vorbild erlebt habe. Leider konnte ich das nicht mit ihr selbst abstimmen, denn sie starb schon im Alter von 55 Jahren; da war ich erst 25 Jahre alt und befand mich in den USA, wohin ich ein Jahr zuvor ausgewandert war. Beim Abschied am Zug in Bremen sah ich sie zum letzten Mal als sie zu mir sagte: "Du hast es gewollt. Nun mach etwas draus!" Mit diesen markanten Worten behielt ich sie in Erinnerung.

Ich stelle ihren Lebensweg hier kurz vor: Sie hatte ihren Vater nie erlebt. Er fiel im Okt. 1914 und sie wurde im April 1915 geboren. Sie wuchs im sog. polnischen Korridor auf - die Heimat ihrer Mutter (ein großer Teil Westpreußens) wurde nach dem Versailler Vertrag polnisch. Meine Mutter lernte die Sprache in der Schule und in der Lehre. Sie musste die deutsche (Privat)Schule nach der 10. Klasse verlassen, weil ihre Mutter als Kriegerwitwe in Polen das Schulgeld nicht weiter aufbringen konnte. Meine Mutter wurde Lehrling bei einer polnischen Schneiderin in Graudenz und legte dort ihre Gesellenprüfung ab. Zur Belohnung erhielt sie eine Reise an den Rhein geschenkt. Dort verliebte sie sich in meinen Vater, der für sein bestandenes Landwirtschaftsdiplom als Belohnung ebenso eine Reise an den Rhein machen durfte. Bei der Rückfahrt im gleichen Zug verlobten sie sich und heirateten 1938 in Berlin-Dahlem. Meine Mutter hatte 4 Kinder, 2 Söhne geb. 1939 und 1940 und 2 Töchter geb. 1942 und 1945. Unsere Familie lebte in Schönlanke, Netzekreis, Grenzmark Posen-Westpreußen.

Auch ich habe meinen Vater nie erlebt. Er fiel am 17. Januar, kurz nachdem er erfahren hatte, dass ich am 5. 1. 45 geboren war. Zur Erinnerung: Am 12. 1. 45 (7 Tage nach meiner Geburt) begann der Angriff der Roten Armee an der Weichsel Richtung Westen. Meine Großmutter und ihr Bruder planten, am 19. Januar von ihrem Gutshof in Pien, Kreis Kulm, per Treck über die zugefrorene Weichsel gen Westen auf die Flucht zu gehen.

Meine Mutter war hochschwanger zum Weihnachtsfest 1944 zu ihrer Mutter gefahren. Was aber sollte sie tun, nachdem ich auf dem Gutshof meines Großonkels geboren war? (Ich war "das letzte Pienner Kind" wie ich immer wieder in meiner Kinderzeit hörte) Meine Mutter ging nicht auf die Flucht, sondern fuhr mit nun 4 Kindern zurück in ihre Wohnung in Schönlanke, südlich von Schneidemühl. Dort erlebten wir das Kriegsende. Da sie gut polnisch sprach, konnte sie sich mit den sowjetischen Soldaten ausreichend verständigen. Sie wurde verpflichtet, in der örtlichen Kommandantur der Roten Armee zu arbeiten. Die wenigen Männer wurden verschleppt oder getötet. Die Frauen (und ihre Kinder) hatten ein besonders schweres Schicksal zu ertragen. Sie waren der Besatzungsmacht ausgeliefert und erlebten eine schreckliche Zeit, die sie irgendwie bewältigen mussten.

Alles, was meine Mutter gelernt hatte, warf sie auf die Waage des Lebens, um unser Überleben zu sichern. Sie stillte mich etwa ein Jahr lang. Zusätzlich flößte sie mir das Wasser ein, das durch das Auskochen von Kartoffelschalen noch einige Nährstoffe enthielt. Sie schickte meinen 5-jährigen Bruder täglich zum Milchholen in das 4 km entfernte nächste Dorf, in dem ihre Freundin mit 3 Kindern lebte und noch eine Kuh besaß. Meine Mutter organisierte für sich und ihre Nachbarn Nahrung und gegenseitige Hilfe.

Sie wartete nicht auf die Vertreibung durch die polnische Verwaltung, sondern plante im September 1945

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