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Weltbrand, "Urkatastrophe" und linke Scheidewege Fragen an den "Großen Krieg" von Bollinger, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.07.2014
  • Verlag: Verlag am Park
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Weltbrand, "Urkatastrophe" und linke Scheidewege

Vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg, jener Völkermord, dem rund 17 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die Publizistik läuft auf Hochtouren. Über 150 Untersuchungen sind auf dem Markt, kaum eine marxistische ist darunter. Nicht wenige buhlen um Aufmerksamkeit mit abstrusen Theorien, fast alle ignorieren, was auf diesem Felde Historiker der DDR an Substantiellem vorgelegt haben, und selbst die bislang als gesichert geltende Erkenntnis des Hamburger Historikers Fritz Fischer aus den 60er Jahren, Berlins "Griff nach der Weltmacht" sei die Hauptursache des großen Sterbens gewesen, wird in Abrede gestellt. Stefan Bollinger dringt, was die meisten seiner Zunftkollegen unterlassen, zu Ursprung und Wesen dieses (wie aller) Kriege vor. Er beschäftigt sich aber auch mit der verhängnisvollen Rolle der Sozialdemokratie, die ihren Burgfrieden schloss mit den Kriegstreibern ihrer Länder und mit der herrschenden Klasse, was zwangsläufig zur Zerreißprobe für die linken Kräfte wurde und zur Gründung neuer Parteien führte. Nein, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber Fehler können zweimal gemacht werden. Stefan Bollinger, Jahrgang 1954, Studium der Philosophie, Politikwissenschaften und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, Hochschuldozent, seit 1990 in der Erwachsenenbildung tätig, Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, Mitglied der Leibniz-Sozietät und der Historischen Kommission beim Parteivorstand der Partei Die Linke, ehrenamtlicher Stellvertretender Vorsitzender Helle Panke e.V. und Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. Dr. sc. Stefan Bollinger arbeitet zur Geschichte der DDR und der BRD, zur osteuropäischen Geschichte und zu den Zusammenhängen von Ideologie- und Politikgeschichte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 12.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783897933149
    Verlag: Verlag am Park
    Größe: 838 kBytes
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Weltbrand, "Urkatastrophe" und linke Scheidewege

1. Warum erinnert wird und worüber zu streiten wäre

Geschichtspolitik nach dem Ende des Realsozialismus

2014 erreicht die Geschichtsklitterei einen neuen Höhepunkt: 100 Jahre seit Beginn des Ersten Weltkriegs, der "Urkatastrophe" des kurzen 20. Jahrhunderts. Im ersten Heft des neuen Jahres 2014 verspricht das Nachrichtenmagazin Spiegel : "Der Erste Weltkrieg wird [...] zum Mega-Thema der öffentlichen Gedenkkultur werden." Ja, die Zeitschriftenmacher sind sich sicher, "es wird das bislang größte mediale Geschichtsereignis des 21. Jahrhunderts werden".

Dabei geht es nicht nur oder vielleicht am allerwenigstens um die Deutungen der Kriegsereignisse und ihrer unmittelbaren Vorgeschichte, sondern um das umfassende Neuschreiben der Geschichte des 20. und damit auch des 21. Jahrhunderts. Der genannte Spiegel -Artikel von Klaus Wiegrefe begeistert sich an dieser Infragestellung, "die eine Debatte wieder aufflammen lassen, die längst entschieden schien. In den 60er Jahren hatte der Hamburger Historiker Fritz Fischer die Bundesrepublik erschüttert wie kein Historiker vor oder nach ihm. Fischer behauptete, Berlins "Griff nach der Weltmacht" sei die Haupt-, wenn nicht sogar alleinige Ursache des großen Sterbens gewesen. Und nach einem hitzigen Streit unter Kollegen setzte sich seine Ansicht im Grundsatz durch. Doch pünktlich zum Jahrhundertgedenken stellen neue Forschungen dieses Bild nachhaltig in Frage."

Einmal abgesehen davon, dass Fischer keineswegs die Mitverantwortung der anderen Großmächte ausklammerte, bewegt in dieser vermeintlich neuen Sicht allein die mehr oder minder offen ausgesprochene Tatsache, dass neben den Deutschen eben auch die anderen Mächte ihren Beitrag zum Kriegs"ausbruch" leisteten und sich eine vernünftige Krisenpolitik nicht ergab. Deutschlands Schuld wird kleingeredet. Der nun zumindest in der BRD vorherrschende Diskurs stellt heraus, dass es letztlich ein fatales Scheitern einer ach so wohl ausgeglichenen (europäisch dominierten) Weltordnung war. In diesen großen Kladderadatsch seien die damaligen Akteure schlafwandlerisch hineingeschlittert, was dann über 17 Millionen Menschen das Leben kostete und die europäische wie die Weltkarte nachhaltig veränderte. Allein die internationale Staatengemeinschaft, gemeint die von Bonn hegemonierte Europäische Union und vielleicht die USA als verbliebene Großmacht, könnten eine Wiederholung solcher Betriebsstörungen des Kapitalismus vermeiden (und nebenher die sozialen und politischen Konflikte durch das Aufbegehren einer radikalen Linken).

Dieses Umschreiben der Geschichte hat Methode und soll lückenlos sein. Verorteten einst Marxisten-Leninisten in der Oktoberrevolution einen Epochenanfang, dem nachhaltigsten und gewaltsamstem Ausbruch aus dem Ersten Weltkrieg – was unter je eigenen Vorzeichen als Beginn eines Weltbürgerkriegs bis in die Rechte hinein akzeptiert wurde –, so wird nun die "große Unübersichtlichkeit" der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart weit in die Vergangenheit transferiert. Zugleich wird Eric Hobsbawms Diktum vom "Zeitalter der Extreme" in diesem ideologischen Kampf um Geschichtsdeutung und Sicherung der heutigen kapitalistischen Politik verfälscht: Es sei ja eine von linken wie rechten Totalitarismen geprägte Zeit, die erst mit der assistierten "Selbstbefreiung" des Ostblocks 1989/91 glücklich zu Ende ging.

Das Jubel- und Erinnerungsjahr 2014 wird zur glücklichen Fügung, in der die Jahrestage von 1914, 1939 und 1989, dazu noch 2004 (EU-Osterweiterung) zusammenfließen. Die "Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur" konnte so das Konzept dieser Erinnerungspolitik re

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