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Zwischen den Zeiten Die späten Jahre der DDR von Decker, Gunnar (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.09.2020
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Zwischen den Zeiten

Ein neuer Blick auf die DDR der 80er Jahre. Die Biermann-Ausbürgerung hatte die DDR-Gesellschaft 1976 in eine Melancholie gestürzt, aus der sie 1985 mit Michail Gorbatschow erwachte. Jetzt kehrte die Utopie zurück. Vor allem Intellektuelle, Künstler und Aussteiger aller Art lebten sie. Dem westlichen Siegerblick nach 1990, der die Geschichte der Ostdeutschen bis heute dominiert, entgeht zumeist dieser Emanzipationsprozess, der lange vor 1989 einsetzte. Umso mehr scheint hier eine Korrektur nötig: die Aneignung der eigenen - höchst widersprüchlichen - Geschichte durch die Akteure dieser Geschichte. »Brilliant und unterhaltsam erzählt.«, FAZ über '1965. Der kurze Sommer der DDR'

Gunnar Decker, 1965 in Kühlungsborn geboren, wurde in Religionsphilosophie promoviert. Er lebt als Autor in Berlin, veröffentlichte vielfach gelobte Biographien unter anderem zu Hermann Hesse, Gottfried Benn und Franz Fühmann sowie das Geschichtsbuch »1965. Der kurze Sommer der DDR«. 2016 wurde er mit dem von der Berliner Akademie der Künste verliehenen Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien »Ernst Barlach Der Schwebende. Eine Biographie.«

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 22.09.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841226037
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 3402 kBytes
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Zwischen den Zeiten

Die Zeit der großen Beerdigungen
Dostoprimetschatelnosti

Diese für nicht im Russischen Trainierte schier unaussprechbare Vokabel - Dostoprimetschatelnosti - heißt: Sehenswürdigkeiten. Jeder, der in der DDR eine zehnklassige Polytechnische Oberschule besuchte, kannte sie. Denn in jeder Stadt, gleich ob in der Sowjetunion oder der DDR, gab es solche Sehenswürdigkeiten, die es aufzuzählen und mit neuen Vokabeln zu verbinden galt. Der Russischunterricht dauerte lange. Sechs Jahre auf der Polytechnischen Oberschule, acht Jahre auf der zwölfklassigen Erweiterten Oberschule - und wer dann an der Universität studierte, bekam noch mal zwei weitere, macht zehn Jahre. Doch für diese immense Unterrichtsdauer war unser aktives russisches Sprachvermögen gering.

Ein Stück antirussischer Sprachverweigerung scheint immer im Spiel gewesen zu sein, denn die russischen Freunde waren schließlich auch die Besatzer. Doch ein Zungenbrecher war das Wort Dostoprimetschatelnosti für uns nun nicht gerade. Und immerhin, zehn Jahre Russisch reichten, dass ich als Richtschütze bei den NVA-Panzertruppen in Eggesin/Torgelow alle ausschließlich auf Russisch (mit kyrillischen Buchstaben) beschrifteten Bedienungs- und Warnhinweise samt dazugehöriger Knöpfe, Schalter und Hebel des ziemlich modernen T-72 drücken lernte, ohne größere Katastrophen zu verursachen - was durchaus im Bereich des Möglichen gelegen hätte.

So also begleitete uns nicht nur die russische Sprache wohl oder übel durch den Alltag der DDR, auch das Denken und Fühlen der Russen sickerte mit den Jahren in uns ein - obwohl nicht jeder die passiven Neigungen von Gontscharows Gesellschaftsverweigerer Oblomow in sich fühlte.

Das Prinzip »Zeit ist Geld« haben wir jedenfalls nicht erfunden. Chef sein war eine Strafe und Karriere ein Schimpfwort.

Aitmatows, Granins, Bulgakows, Schatrows oder Rasputins Bücher, Michalkows, Abuladses, Tarkowskis oder Klimows Filme prägten uns. Aber es waren auch politische Koordinaten (der potenzielle Feind stand nun mal im Westen), mit denen wir aufwuchsen - aber gegen deren Indoktrination fanden wir reichlich westliche Korrektive, von Radio Luxemburg bis zur »Tagesschau«, nur nicht bei der NVA, da war das mediale Auswandern auf Zeit strikt verboten. Außerhalb derartiger kaderschmiedender Sicherheitszonen war es in den achtziger Jahren längst so normal geworden wie Westgeld im Portemonnaie und der Besuch im Intershop.

Doch die - sichtbare wie unsichtbare - Daueranwesenheit der Russen hatte nicht nur einen freundlichen folkloristischen Aspekt, wir waren - als Teilstaat des östlichen Imperiums - auch ein Teil der osteuropäischen Geschichte geworden, mit Stalin, dem Gulag, der Wolokolamsker Chaussee, die ebenso zu uns gehörten wie Chruschtschows Entstalinisierungsversuche oder die bleierne Zeit unter Breschnew, dann der Hoffnungsfunke 1985 mit Gorbatschow und seiner Politik der Umgestaltung.

Die aber sollte, was uns als Studenten geradezu umstürzlerisch stimmte, laut SED-Spitze in der DDR gar nicht (niemals!) stattfinden, denn so SED-Propagandachef Kurt Hager am 9. April 1987 im Interview mit dem Stern: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Solche Dostoprimetschatelnosti aller Art gehören zum östlichen deutschen Teilvolk, das ohne sie und die - komisch-grotesken, aber auch tragischen - Schatten, die sie warfen, nicht zu verstehen ist.

Darum blickten wir, anders als es der gegenwärtige Zeitgeist suggeriert, nicht bloß nach Westen, sondern immer auch nach Osten.

Erwin Strittmatter, anfänglich ein politisch eher konformistischer Schriftsteller, der erst durch die heftigen Reaktionen,

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