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Zwischen Ende und Anfang Nachkriegsjahre in Deutschland von Brenner, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.12.2016
  • Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
eBook (ePUB)
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Zwischen Ende und Anfang

Deutschlands prägende Jahre Viele Täter, viele Opfer und über zehn Millionen Flüchtlinge – wie kann ein Land das verkraften? Wolfgang Brenner erzählt von einer Zeit zwischen Zerstörung und Neuanfang, zwischen Hunger und Wirtschaftswunder. Die Phasen der Besatzungszeit in Ost und West haben das die Deutschen geprägt, auf unterschiedliche Weise. Wie haben sich die Menschen in dem Chaos ernährt? Was haben sie sich erhofft, wovor hatten sie Angst? Wie gingen sie mit ihrer Schuld um? Wie kam die große Zahl der Vertriebenen zurecht? Wie gingen die Besatzer mit diesem Sieg um, welche Pläne hatten sie, was konnten sie davon verwirklichen? Und wie hat sich das alles auf das Bewusstsein der Menschen in der Bundesrepublik und der DDR ausgewirkt? Die Not, der Hunger und der jeden Winter auftretende Brennstoffmangel – diese Erfahrungen machten die Deutschen sozial und ökonomisch schmerzunempfindlich und damit erst fähig, den wirtschaftlichen Aufschwung zu schultern. Eine besondere Zeit, die noch lange nachwirkt Wolfgang Brenner , geboren 1954, lebt in Berlin und im Hunsrück. Er ist Autor von Romanen, Sachbüchern und Drehbüchern und gestaltet Features für Radiosender. 2007 wurde er mit dem Berliner Krimipreis "Krimifuchs" für sein langjähriges Schaffen in diesem Genre gewürdigt. Mit seinen "Schmalenbach"-Geschichten, die siebzehn Jahre in der ?Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung? erschienen sind, hat er eine große Fangemeinde erobert. Auch für seine Radiofeatures wurde er ausgezeichnet, so zum Beispiel 2008 mit dem Internationalen Featurepreis der Stiftung Radio Basel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 360
    Erscheinungsdatum: 09.12.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783423430715
    Verlag: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
    Größe: 2719 kBytes
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Zwischen Ende und Anfang

1. Der Krieg ist nicht vorbei

Die Not der frühen Jahre

"Bei Bestellung von Hochzeitskutschen legen die Nürnberger Fuhrunternehmer den Brautpaaren nahe, Futter für die Gäule mitzubringen. Beim schnellen Hochzeitstrab sei der Kräfteverbrauch der Tiere viel größer als bei normalen Fahrten."
('Der Spiegel' 12 / 1948 )



Meine Mutter ritzte beim Anschneiden immer ein Kreuz in die flache Seite des Brotlaibs. Sie war nicht sehr religiös: Die Geste zeigte weniger ihre Frömmigkeit als ihre Demut dem Lebensmittel Brot gegenüber.

Wer in den fünfziger oder Anfang der sechziger Jahre in Deutschland aufgewachsen ist, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Den Kindern wurde die übersteigerte Bedeutung des Essens mit aller Macht anerzogen. Es war streng verboten, Essen wegzuwerfen. Mäkeleien am Essen wurden wie Sünden geahndet. Wer nicht richtig essen wollte, stand unter dem Verdacht, sich dem Leben zu verweigern, und wurde wie ein Kranker behandelt. Man befürchtete, dass Mangelerscheinungen auftreten könnten, und setzte alle tauglichen und untauglichen Mittel der Pädagogik ein, um das Kind zum Aufessen zu bewegen.

Das Alltagsleben hatte damals einen ganz anderen Ton als heute. Die Menschen waren verbissen. Hauptthemen waren das Vorwärtskommen und die Insignien des Aufstiegs. Dazu gehörten "Statussymbole" wie das Eigenheim und das ausufernde Tafeln. Die Fresswelle kam wie ein Naturereignis über das Land. Niemand fand etwas dabei, die Völlerei genüsslich auszustellen. Büffets wurden mit Schweineköpfen drapiert - und das galt auch noch als stilvoll. Die schiere Masse machte es. Feine Speisen zählten nur als Abrundung der Quantität.

Gleichzeitig herrschte in der häuslichen Speisekammer ein militärisches Regiment. Alles war abgezählt, alles wurde eingeteilt. Schlemmen ja, aber unter der Kuratel einer strengen Hausdomina. Gemeinsamer Genuss beim Essen galt als intensivstes soziales Erlebnis - vor allem in der Familie. Über das Essen gingen Freundschaften in die Brüche, und Familien zerstritten sich, wenn Verwandte nicht luxuriös genug bewirtet wurden oder die luxuriöse Bewirtung nicht zu schätzen wussten. Menschen wurden danach beurteilt, was sie sich zu essen leisten konnten.

Kleidung hatte selten eine ästhetische Funktion. Sie war zweckmäßig, musste haltbar sein und der Massennorm entsprechen, vor allem für Männer und männliche Jugendliche. Die meisten Nachkriegskinder können sich mit Grauen an das peinigende Gefühl erinnern, als Mädchen in ein biederes Kostüm oder als Junge in ein graues Altmänneroutfit gezwängt zu werden und sich damit in der Öffentlichkeit zeigen zu müssen. Kleidung war fast so heilig wie Lebensmittel: Sie durfte nicht beschmutzt werden und keine Gebrauchsspuren aufweisen. Sie galt als unvorstellbar teuer und war das wohl auch angesichts der bescheidenen Möglichkeiten der meisten Familien. Wer Schäden an seiner Kleidung verursachte, wurde hart bestraft. Man warf ihm Undankbarkeit vor - dabei verstanden die meisten Delinquenten nicht einmal, wem sie hätten dafür dankbar sein sollen, dass sie "etwas Anständiges zum Anziehen" hatten, wie man damals sagte. Überhaupt wurde der Nachwuchs immer wieder darauf hingewiesen, wie gut es ihm doch unverdienterweise ginge.

Ab und zu war von den Entbehrungen des Krieges die Rede. Aber niemand unter den Älteren wollte Fragen dazu beantworten, alle wollten bloß immer wieder unterstreichen, dass sie damals sehr gelitten hatten und dass sich die heutige Generation keinen Begriff davon machen konnte, was die Deutschen während des Krieges hatten durchmachen müssen. Die Nachgeborenen sollten vom Wohlstand profitieren. Schließlich war er auch für sie erworben worden. Aber sie sollten nicht fragen, wieso das alles so war, wie es war.

Die Kinder, die diesen Zwangswohlstand über sich ergehen lassen mussten, glaubte

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