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Bill Viola. Bilder des Sturzes. Stürzende Bilder Die rezeptive Leerstelle bei Déserts, The Stopping Mind und den Five Angels for the Millennium von Keller-Back, Bettina (eBook)

  • Verlag: Books on Demand
eBook (ePUB)
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Bill Viola. Bilder des Sturzes. Stürzende Bilder

Wie stellt Bill Viola seine eindringlichen Videobilder dar in Bezug auf ihr jeweils spezifisches Zeit- und Raumgefüge? Und wie lässt sich dieses diskursiv beschreiben und analysieren? Mit dieser Frage findet eine Umkehrung der Herangehensweise an die Werke eines der bedeutendsten Videokünstler unserer Zeit statt, wurden diese bis anhin doch vornehmlich vor dem Hintergrund der Frage beleuchtet: Was ist dargestellt? Die performative Seite, die Frage nach dem Wie wurde bisher meist als hinter der semiotischen Seite der Werke, der Frage nach dem Was verborgen und daher nicht zugänglich rezipiert. Die Autorin entwickelt mithilfe der Mnemotechnik der antiken Rhetorik, welche das Gedächtnis als Abfolge von Räumen und darin eingestellten Inhalten versteht, die während der Redezeit abgeschritten werden, einen rezeptionsästhetischen Ansatz, um die zeitlichen und räumlichen Strukturen der Werke Violas beschreib- und damit analysierbar zumachen. So können die Werke, gemeinsam mit ihrem semiotischen Teil, in ihrer individuell gestalteten Vielschichtigkeit diskursiv beschrieben und in der ganzen Tragweite des dahinterstehenden Bildverständnisses von Viola erkannt werden. Bettina Keller-Back ist Kunstwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf Videoarbeiten, digitale Kunst und zeitgenössische Architektur.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 232
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783746020709
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 10502 kBytes
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Bill Viola. Bilder des Sturzes. Stürzende Bilder

" In der Natur begegnen uns unendlich viele 'Zeitformen'. Zwei der extremsten 'Zeitformen' sind die kaum merklichen, an Bewegungslosigkeit grenzenden minimalen Veränderungen oder die plötzliche Eruption: Die Art, wie ein steter Wassertropfen ein Loch in den Stein höhlt oder wie sich plötzlich, mit Urgewalt ein Vulkanausbruch, ein Wutanfall, ein Gedankenblitz, ein Orgasmus oder der Tod ereignet. "

Bill Viola
1. DÉSERTS 1994

SYNTAGMATISCHE ZEITLUPE UND PARADIGMATISCHE AKZELERATION
1.1 EINLEITUNG

Viola hat diese beiden im obigen Zitat 159 von ihm beschriebenen Zeitformen als Grundlage für die 1994 entstandene Videoarbeit Déserts genommen. Déserts ist eine Fernsehproduktion im Auftrag von arte und zdf. Viola hat zu dem gleichnamigen Stück des Komponisten Edgard Varèse von 1949-1954 im Nachhinein die Bilder geschaffen. Bereits die Ausgangssituation von Déserts beruht daher auf einer Reihe von Rahmenbrüchen, bzw. -verschiebungen. 160 Den Begriff des Rahmens verwende ich in Anlehnung an Goffman, als Organisationsprinzip für die Bezugssysteme unserer Erfahrung und damit im weitesten Sinne unserer Wahrnehmung. Die Rahmenkonstellationen fungieren dabei als bereits vorhandener Pool von möglichen Referenzräumen für die situative Einordnung von Wahrnehmungen und daraus resultierendem Verhalten. Die Zuordnung von Ereignissen zu den jeweiligen Referenzräumen wiederum ist Aufgabe des Gedächtnisses. Indem ein Künstler aufgefordert wird, eine bereits bestehende musikalische Komposition zu visualisieren, findet eine Umkehrung der üblichen Abfolge der Rahmen statt. In den meisten Fällen entstehen zuerst die (Film-)Bilder, welche dann vertont werden. Durch die Ausstrahlung im Fernsehen befindet sich das Werk ausserdem in dem Zwischenbereich einer Überschreitung aus dem Kunstkontext heraus in eine ihm fremde Rahmung des öffentlichen und gleichzeitig explizit privat konnotierten Raums des Fernsehbildschirms im heimischen Wohnzimmer. 161 Die Situation der Uraufführung, welche in einem Kinosaal mit Live-Orchester die Ursituation des Stummfilmkinos zitiert, eröffnet schliesslich den Rahmen der kinematographischen Installation. 162 Es handelt sich hier jedoch lediglich um Rahmen verschiebungen, der grundlegende Rahmen einer künstlerischen Arbeit wird nie wirklich verlassen. Viola hat sowohl Aufnahmen aus seinem eigenen Archiv verwendet, die er über Jahre hinweg gesammelt hat, als auch speziell für Déserts aufgenommene Sequenzen. Daraus ergibt sich eine Heterogenität der Materialität, was u. a. in der unterschiedlichen Wertigkeit von Farbigkeit und Körnung sichtbar wird.

Varèses Komposition, der in die orchestrale Aufführung an drei Stellen von ihm so benannte "interpolations" 163 einsetzt, Einschübe von Tonbandaufnahmen elektronischer Collagen, ist bipolar aus konzertant gespielten und jeweils darin eingeschobenen, elektronisch produzierten Klängen aufgebaut. In dieser Bipolarität liegt auch für Viola die Grundlage seiner Herangehensweise an die "Verbildlichung" des Tons, 164 wie sich gleich in der Werkbetrachtung zeigen wird. Der orchestrale Teil wurde von Varèse zunächst durchgehend komponiert, so dass er nahtlos, auch ohne die nachträglich eingefügten Interpolationen, aufgeführt werden könnte. Varèses Interesse bestand darin, Klangfolgen zu schaffen, die quasi unbewussten, innerlich körperlichen Rhythmen folgten: "Je rêve d'instruments obéissant à la pensée - qui (...) se plieraient à l'exigence de mon rythme intérieur". 165 Auch Torcelli beschreibt die Körperbezogenheit von Varèses Klängen wie folgt: "Schon mit herkömmlichen Instrumenten schuf Varèse eine Klangwelt, die ihn zum 'Vater der elektronischen Musik' hat werden lassen: Was in seiner Musik konkret zählt sind die erzeugten Schwingungen und die zwischen ihnen entstehenden Summations- und Differenzfrequenzen.

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