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Ernst Barlach - Der Schwebende Eine Biographie von Decker, Gunnar (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.11.2019
  • Verlag: Siedler
eBook (ePUB)
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Ernst Barlach - Der Schwebende

Die erste große, meisterhaft erzählte Biographie des berühmten Künstlers Er zählt zu den großen deutschen Künstlern der Moderne: Ernst Barlach schuf weltbekannte Skulpturen und blieb rätselhaft, seine Schöpfungen wirken erdschwer und schwebend zugleich. Gunnar Decker zeichnet das faszinierende Porträt des Mannes, der ebenso Archaiker wie Avantgardist war und dessen Leben wie kaum ein zweites die Verheißungen und Abgründe des 20. Jahrhunderts widerspiegelte. Es beschreibt das Drama eines Einzelgängers, der den Krieg hasste und sich zeitweilig zu Hitler bekannte - und dessen Existenz schließlich von den Nationalsozialisten zerstört wurde, die ihn als 'artfremden Künstler' brandmarkten. Gunnar Decker, 1965 in Kühlungsborn geboren, wurde in Religionsphilosophie promoviert. Er lebt als Autor in Berlin, veröffentlichte vielfach gelobte Biographien unter anderem zu Hermann Hesse, Gottfried Benn und Franz Fühmann sowie das Geschichtsbuch "1965. Der kurze Sommer der DDR". Weiter ist er Filmkritiker und Redakteur der Zeitschrift Theater der Zeit. 2016 wurde er mit dem von der Berliner Akademie der Künste verliehenen Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien "Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben" (2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 18.11.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641216764
    Verlag: Siedler
    Größe: 20754 kBytes
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Ernst Barlach - Der Schwebende

PROLOG

Der Mann mit dem Totengräbergesicht

... meine Lieblingsthemen:
Bettler, Beter mit ihrem Nichts vor dem Tiefsten und Höchsten.

Brief an Karl Barlach 1

"Mutter Erde" hat Augen schmal wie Schlitze. Man weiß nie, in welche Himmel oder Höllen sie schauen. Sie sitzt, thront, ruht vor der Gertrudenkapelle in Güstrow, Mecklenburg. Oder der "Schwebende Engel" im Dom mit dem - ungewollt hineingeratenen - Gesicht der Käthe Kollwitz. Hier decken kreisrunde Lider die Augen.

Lauter vulkanische Ausbrüche an Schöpferkraft, die sich wenig um die Erwartungen anderer, gar um herrschende Konventionen scheren. Insofern ist Ernst Barlach gewiss ein Expressionist, dem sich alles in gesteigerten Ausdruck verwandelt, aber auch darin ein Außenseiter, ein passionierter Alleingeher, der barocke Welten im Kopf trägt und im Herzen ein Mystiker bleibt. Die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits scheint für ihn nicht zu existieren. Und zugleich ist dieser Expressionist das Gegenteil eines Expressionisten, einer, der mit Linien geizt, ein Asket, dem jede Entäußerung wieder zur Verinnerlichung gerät. Entfesselung führt zu neuer Gebundenheit, Glauben und Skepsis finden unerwartet zusammen.

Ernst Barlachs Schöpfungen wirken erdschwer und schwebend zugleich, sind von einer gefangennehmenden Intensität, als handle es sich hier um die Wächterfiguren einer magischen Welt - so wie jene Balabanows, auf die er 1906 in der russischen Steppe stieß. Diese merkwürdigen Gestalten (riesenhafte Götzen) sind Seher, die nach innen, nicht nach außen blicken. Melancholische Klage und sachliche Kampfansage zugleich gegen das alltägliche Sich-gemein-Machen mit dem Gewöhnlichen spricht aus ihnen.

Wer sich mit unvollkommenen Verhältnissen, wie sie nun einmal sind, arrangiert, hat es gewiss immer und überall leichter. Ernst Barlach kann das nicht. Oft trägt er schwer daran, wirkt unter Menschen stets eine Spur fremd.

Vielleicht ist es das einzigartige Zusammenspiel von Nähe und Distanz, das ihn zum formstreng-opulenten Menschenbildner macht, zum Alchemisten gar, der meint, die Schöpfung der Elemente sei noch nicht beendet, mehr noch, sie sei in seine Hände gelegt? Barlach notiert dazu am 8. August 1911 in einem Brief an Wilhelm Radenberg: Tatsächlich ist mir seelisch der russische, der asiatische Mens ch, der nur mystisch zu verstehen ist, verwandter als der typisch gebildete Zeitgenosse. Das Phänomen Mensch ist auf quälende Art von jeher als unheimliches Rätselwesen vor mir aufgestiegen. Ich sah am Menschen das Verdammte, gleichsam Verhexte, aber auch das Ur-Wesenhafte, wie sollte ich das mit dem landläufigen Naturalismus darstellen! 2

Die Menschen, die Barlach zeigt, sind weder erlöst noch verdammt, sie befinden sich in einem spannungsreichen Zwischenzustand. Bestenfalls sind sie auf dem Wege der Erlösung, die nicht allein aus ihnen selbst kommen kann, aber die sie auch nicht von einem transzendenten Gott erwarten.

Mit Barlach geraten wir in jene Regionen der Mystik eines Jakob Böhme oder Meister Eckhart, wo Gott allein auf dem Grunde der Seele geboren wird und Geist etwas ist, das funkengleich ausstrahlt. Ein Übermaß an Licht ist da nicht zu erwarten, aber genug, um die Finsternis nicht mehr fürchten zu müssen.

Wir kennen Ernst Barlach als Dramatiker barock-überbordender Stücke, in denen die Toten lebendiger sind als die Lebenden. Als einen Bildhauer, dessen Plastiken wie archaische Fetische darauf zu warten scheinen, dass jemand mit ihnen zaubert - aber niemand wird dies je tun können, denn Barlach, der Magier, setzt Brüche, vergrößert Abstände und vermeidet so voreilige Identifikation. So macht er sich unerreichbar für zweckhaftes Begehren. Als Grafiker und Zeichner durchwandert er surreale Traumwelten, als lägen diese gleich hinter Güstrow, wo er fast drei Jahrzehnte seines Lebens verbringt - am

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