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Ist Kunst Illusion? von Bohrer, Karl Heinz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.03.2015
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Ist Kunst Illusion?

Die Kunst ist zahm geworden, oft nicht mehr zu unterscheiden von beliebigen Konsumgütern, so Karl Heinz Bohrer in seiner Streitschrift. Mit Verve und Gelehrsamkeit verteidigt er sie gegen eine Kulturwissenschaft, die im Kunstwerk nur mehr einen Abklatsch der gesellschaftlichen Verhältnisse sieht, gegen ein Regietheater, das die Kraft großer Stücke auf simple Belehrungen des Publikums reduziert. Dass die Ästhetik der Kunst sich gerade gegen die alltägliche Wahrnehmung der Welt richtet, dass ein Kunstwerk nie vollständig zu erklären ist, spielt im Trubel des sogenannten Kulturbetriebs keine Rolle mehr. Der Begriff der Illusion beschreibt für Bohrer dabei den Wesenskern aller Kunst.

Karl Heinz Bohrer, 1932 in Köln geboren, ist Professor emeritus für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Bielefeld und seit 2003 Visiting Professor an der Stanford University. Von 1984 bis 2012 war er Herausgeber des MERKUR. Er lebt in London. Im Carl Hanser Verlag erschienen zuletzt: Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken (EA, 2011), Granatsplitter. Erzählungen einer Jugend (2012), Ist Kunst Illusion? (EA, 2015) und Imaginationen des Bösen. Zur Begründung einer ästhetischen Kategorie (EA, 2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 232
    Erscheinungsdatum: 16.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446248540
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 3781 kBytes
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Ist Kunst Illusion?

Der romantische und nachromantische Illusionsbegriff - Referenz und Selbstreferenz

Seitdem jede Form von Abbildtheorie im Sinne Gombrichs und seines Illusionsverständnisses durch die verschiedenen analytischen und phänomenologischen Bildtheorien erledigt scheint, seitdem man also annimmt, dass die Bilder bzw. literarische Sprache nicht unmittelbar abbilden, sondern als Zeichen für etwas stehen, ist die schon von dem romantischen Imaginationskonzept überholte Mimesis, und das heißt: die Realitätsreferenz von Kunst, endgültig obsolet geworden. Anstatt Wirklichkeit also Imagination bzw. Illusion, also die Verschiebung der Wirklichkeit in unserem Bewusstsein. Die älteren Bildtheorien bestätigen prinzipiell, was auch die sprachanalytische Literaturtheorie seit J. M. Lotman weiß: Künstlerische Sprache unterscheidet sich von Normalsprache prinzipiell in ihrem Informationscharakter, nämlich durch Mehrdeutigkeit, durch eine Anzahl möglicher alternativer Mitteilungen. 1 Deshalb ist sie auch nicht rückübersetzbar in Normalsprache. Wolfgang Iser hat im Anschluss an V. Sklovskijs Verfremdungstheorie von einer "Defiguration der Gegenstände bei der Gegenwärtigung des Ästhetischen" gesprochen. 2 Er hat die Qualität der "Mehrdeutigkeit" - man könnte dies auch mit Iser "Oszillation" nennen, um den Begriff Illusion vorzubereiten - dialektisch-rationalistisch extrapoliert: Das Verfremdete weise am Ende auf das, was verfremdet wurde, zurück. W. J. T. Mitchell hat dagegen das Opake des Trügerischen, das, was wir als ästhetische Illusion nehmen können, weniger begriffsobsessiv als "Ausstrahlung" anstelle von "Rückstrahlung" gefasst. 3 Einzubeziehen wären hier vor allem Einsichten von Eckhard Lobsien zur Substitution von Gegenstandsreferenz durch Autor-Referenz 4 sowie die Unterscheidung von "ästhetischer Wahrnehmung" und "lebenspraktischer Wahrnehmung". 5 Jedenfalls scheint der avancierten, sprachtheoretisch geleiteten Theoriebildung der Gegenstandseffekt der Kunst das zu sein, was neu zu durchdenken ist. Geklärt ist noch nichts, wie man an Martin Seels Kritik am bildtheoretischen Illusionismus sehen kann. 6

Die Kategorien des Scheins und des Erscheinens sind mir innerhalb dieser literaturtheoretischen Entfaltung ästhetischer Erfahrung diejenigen, deren begriffliche Implikationen gewusst werden müssen, um zu entscheiden, ob man mit dem Wort "Illusion" etwas sagt, das darüber hinausgeht, was man bisher als ästhetische Wahrnehmung verstanden hat. Es ist also vorausgesetzt, was man unter ästhetischem Schein als Macht des Erscheinens im Unterschied zum "täuschenden Schein" zu verstehen hat. Dazu gehört auch, wie sich ein ästhetischer Scheinbegriff unter der Bedingung seines temporalen Erscheinens zur Kategorie der Präsenz verhält. "Präsenz" im weitesten phänomenologischen Verständnis als "Unerwartetes, das aufschreckt". 7 Was sagt also die Kategorie "Illusion" im hier zu erörternden emphatischen Sinne mehr oder anderes, was die wahrnehmungstheoretische, sprachanalytische und philologische Bestimmung des ästhetischen Scheins als ein Erscheinen nicht schon erfasst hätte?

Ohne auf aktuelle Theorien zur literarischen Illusion einzugehen (Iser, Lobsien), diskutiere ich Wahrnehmung und Begriff von ihr am Beispiel einiger Repräsentanten der ästhetischen Moderne. Die durchweg von Husserl beeinflussten "Illusions"-Theorien sind pragmatisch-wahrnehmungstheoretisch ausgerichtet auf die produktive Imagination des Lesers. Im Folgenden geht es dagegen um das Wahrgenommene selbst als ein Imaginäres.
Nietzsche

Ich beginne mit Friedrich Nietzsches Tragödien -Schrift, die den Begriff des "Scheins" ja erstmals expressis verbis im Kontext des Begriffs der "Illusion" reflektierte, wobei er über die Bestimmung ein

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