text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Europa neu denken Regionen als Ressource

  • Erscheinungsdatum: 04.06.2015
  • Verlag: Verlag Anton Pustet
eBook (ePUB)
17,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Europa neu denken

Europa neu zu denken setzt die Beantwortung der Frage voraus, welches Europa wir eigentlich wollen. Die Zukunft ist nicht etwas, das sich ohne unser Zutun quasi von selbst ereignet. Sie ist vielmehr etwas, das erst durch unser eigenes Mitwirken, durch unser Wissen und Nichtwissen, unsere Hoffnungen und Befürchtungen Gestalt annehmen kann. Die einzelnen Beiträge sind überarbeitete Fassungen zweier Tagungen, die in Triest stattfanden. Drei Problembereiche werden diskutiert: Das Laboratorium Europa, Europäische Künste, Erzählungen, Sprachen sowie Europäische Lebenswelt und Raum. Dabei spielt die Dialektik von Herkunft und Zukunft sowie die Kreativität von Widersprüchen und Synergien eine große Rolle. Mit Beiträgen von Henning Ottmann, Helga Rabl-Stadler, Hedwig Kainberger, Rut Bernardi, Claudio Magris, Volker Gerhardt, Christiane Feuerstein, Blanka Stipetic u.v.m. Michael Fischer, (25.3.1945-1.6.2014) Univ.-Prof., Dr. iur., Dr. phil., war Sozial- und Kulturwissenschafter und Leiter des Programmbereichs Arts & Festival Culture am Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst der Universität Salzburg/Universität Mozarteum Salzburg. Mitglied der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. 1994-2014 Leiter der Salzburger Festspiel-Dialoge.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 04.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783702580186
    Verlag: Verlag Anton Pustet
    Größe: 1714 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Europa neu denken

Europa als Heimat?

Michael Fischer

60 Jahre lang wuchs Europa zusammen - von Portugal bis Polen. 60 Jahre lang war die Europäische Union Garant für Frieden und Wohlstand. Aber das Wir-Gefühl fehlt, das 27 Staaten in eine Schicksalsgemeinschaft verwandelt, wie die Euro-Krise zeigt. Hängt wirklich alles am Euro, den bloß 17 Mitgliedstaaten als Währung haben?

Bisher hat die Union all ihre Herausforderungen gemeistert, oft allein durch die Dichte ihres politischen und kulturellen Netzwerkes und aufgrund des gemeinsamen kulturellen Erbes. Aber wird dies auch morgen der Fall sein? Ich wundere mich oft, wie depressiv wir Europäer trotz dieser enormen Erfolgsgeschichte sind. Sind es wirklich bloß idealistische Assoziationen, an Europa als kulturelle Gemeinschaft zu glauben, weil es seine Existenz und Essenz mit den grundlegenden Menschenrechten rechtfertigt, mit Menschenwürde und der Ablehnung aller religiösen und politischen Fanatismen? Was wäre denn die leb- und realisierbare Alternative?

Die Anatomie der Krise (wie das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen 2012 lautet) zeigt ein anderes Bild: eine Wirtschafts- und Finanzgemeinschaft, eine Gemeinschaft der Aktiengesellschaften. Als kulturelle Gemeinschaft erscheint die Europäische Union nur insoweit, als dies zur Belebung von Bankgeschäften, zur Prosperität der Telekommunikationskonzerne, zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Ölindustrie beiträgt. Umgekehrt wollen wir kulturelle und soziale Herkunftsbestände bewusst oder unbewusst vor der Gefahr schützen, dass sie sich im unüberschaubaren Wandel restlos auflösen: eine Kompensationsstrategie gegen die Angst der Fragmentierung und Zersetzung des Ich.

Die Frage, die sich viele Menschen stellen, ist, ob der vertraute Raum - Heimat, Ort, Region -, diese hochemotionalen Sinnkonstrukte, wirklich von der Auflösung bedroht sind: Sei es nun kulturell, strukturell oder sozioökonomisch. Flughäfen, Einkaufszentren, Supermärkte, Freizeitparks, Hotelketten, Bahnhöfe, "Gated Communities": Das Leben verlagert sich von Dörfern und Kleinstädten in die Einkaufszentren auf der Wiese, Kästen ohne Eigenschaften, "Nicht-Orte" (so der Pariser Anthropologe Marc Augé), die das Leben aus den gewachsenen Strukturen saugen: Abwanderung, Überalterung. Lemmingszüge durch die Wüsten der Arbeitslosigkeit. "Nicht-Orte", die immer mehr Menschen zu vereinzelten, nicht bloß ökonomisch zu "asozialen" Benutzern machen: "sich selbst und einander fremd", verbunden bloß "in der ängstlichen Erfahrung isolierter, leerer Existenz". Orte, die uns Aufbrüche ohne Ankünfte zumuten, gleichsam Nietzsches Finale ins Nichts.

Phänomene, die man nicht sehr präzis unter verschiedenen Begriffen wie "Rechtsradikalismus", "Modernisierungsververlierer", "Empörungsbewegung", "Wutbürgertum", "Verwahrlosungskohorte" oder anderen Etikettierungen und Stigmatisierungen bündelt, versteht nicht, wer nicht sieht, welches Motiv die im Einzelnen sehr heterogenen Gruppierungen verklammert: soziale Angst und gleichzeitig soziale Nahebedürfnisse sowie der verzweifelte Versuch, ökonomische Sicherheit im gegliederten begrenzten Raum zu behaupten.

Auf die Forderung nach Kulturalität, Öffnung und universeller Verantwortung durch die Menschenrechte antworten zukunftsverunsicherte Menschen mit der Wiedererrichtung von Grenzen und Tabus. Dies ist ein rapid ansteigendes, gesamteuropäisches Problem: Wenn wir auf die Stichworte der Wertewandelforschung schauen, die auf Globalisierung, Beschleunigung, Virtualisierung reagieren, so bündeln sie genau jene Emotionen, die im Begriff Heimat enthalten sind: "Cocooning", Geborgenheitsästhetik, Biotope der Vertrautheit, Sehnsucht nach authentischen Eindeutigkeiten und einer intakten Lebensatmosphäre. Gemäß einer vom SPIEGEL in Auftrag gegebenen Studie vom März 2012 gilt das für knapp

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen