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Das Buch ohne Titel Erlebte Geschichten von Loos, Lina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2015
  • Verlag: Edition Atelier
eBook (ePUB)
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Das Buch ohne Titel

Lina Loos: Sie war die erste Ehefrau von Adolf Loos, die Weggefährtin von Egon Friedell und Franz Theodor Csokor und eine enge Freundin von Peter Altenberg, vor allem aber war sie eine scharfsinnige Beobachterin und pointierte Kritikerin ihrer Zeit. Erstmals 1947 erschienen und nun nach vielen Jahren neu aufgelegt präsentiert 'Das Buch ohne Titel' einen unverstellten, direkten Einblick in das Wien ihrer Zeit. Eine elegante, kluge, sinnliche und humorvolle Lebenschronik, reich an Anekdoten, Einsichten und Erinnerungen, die Presse und Publikum begeisterte. Lina Loos, 1882 in Wien geboren, 1950 ebenda gestorben. Nach nur kurzer Ehe mit dem Architekten Adolf Loos Karriere als Schauspielerin und Kabarettistin an renommierten Bühnen u.a. in Wien, Berlin und New York. Ab 1904 regelmäßig journalistische und literarische Veröffentlichungen in diversen Magazinen und Zeitungen. Sie engagierte sich in der Frauen- und Friedensbewegung, war Vizepräsidentin des Bundes demokratischer Frauen und ein Mitglied des Österreichischen Friedensrates. Adolf Opel editierte die gesammelten Schriften von Adolf Loos sowie die Loos-Bücher Kontroversen, Konfrontationen und Alle Architekten sind Verbrecher in der Edition Atelier und - zusammen mit dem Übersetzer Josep Quetglas - die erste Ausgabe sämtlicher Schriften von Adolf Loos in spanischer Sprache, Escritos I und Escritos II. Kulturpublizist, Theater- und Filmautor, Gestalter der Serie Lebendes Wort - Bleibendes Werk (Filmdokumentationen mit und über Elsie Altmann-Loos und andere).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 296
    Erscheinungsdatum: 01.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903005907
    Verlag: Edition Atelier
    Größe: 1369 kBytes
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Das Buch ohne Titel

FAMILIENGESCHICHTEN

Eine österreichische Familie

Es lebte einmal ein Bauer in Niederösterreich, im Ort Sieghartskirchen, der hatte als erster die gute Idee, so viel Kleesamen, als er nur bekommen konnte, zu kaufen und nach Amerika auszuführen; Kleesamen war damals dort ein sehr begehrter Handelsartikel. Infolgedessen wurde der Bauer ein reicher Großkaufmann und in weiterer Folge mein Großvater.

Bei uns Kindern war es ein beliebtes Spiel, die Mutter, die immer eine heimliche Liebe zu Sieghartskirchen behielt, zu fragen: "Mutter, wieviel Häuser hat Sieghartskirchen?" Und wenn sie, um uns eine Freude zu machen, sagte: "Mehr als hundert", schrien wir im Chor: "Jö, die Mutter schneid't auf", denn wir fühlten uns, kaum geboren, bereits als überlegene Wiener Großstädter. Immer mußte sie uns Geschichten von Sieghartskirchen erzählen; wie sie selbst, noch ein Kind, im sechsundsechziger Jahre im Wald versteckt wurde, weil die bösen Preußen nahten. In einer großen "Kaleß" voll mit Lebensmitteln, in Begleitung eines Knechtes und einer Magd, wurden die Kinder in den undurchdringlichen Wäldern vor dem heranziehenden Feind versteckt. Bei der Schilderung von der Kuh, die hinten am Wagen angebunden war, und dem Hund, der mitlief und durch sein Bellen alle in große Gefahr brachte, glänzten bereits unsre Augen, und wir wünschten uns damals nichts sehnsüchtiger als einen Krieg. Wir sahen uns schon im Prater versteckt, wenn möglich im Wurstelprater. Der Weltkrieg hat mich begreiflicherweise dann später etwas enttäuscht.

Dann erzählte sie uns, wie im ersten Stock im "Blauen Zimmer" bei den Großeltern, die im Hause geblieben waren, der erste provisorische Friedensvertrag zwischen Preußen und Österreich geschlossen wurde. Es war wirklich so.

Bei den Worten "Blaues Zimmer" lief uns ein leichter Schauer über den Rücken, denn die Mutter sprach es immer so feierlich aus, daß Sieghartskirchen wieder stark in unsrer Achtung stieg.

Oder sie mußte erzählen, wie sie alle einmal bei Tisch saßen, die Großeltern und alle vierzehn Kinder, und wie der Großknecht hereinkam mit der aufregenden Mitteilung, daß das neue Pferd schlagend sei, und wie sie dann alle sechzehn um das Pferd herum standen und wie das Pferd sofort schlagend bewies, daß es schlagend sei und einen Bruder meiner Mutter auf den Bauch schlug. Und wie er, den Bauch reibend, geschrien hat: "Die ganze Familie steht herum, und gerade mich muß es treffen?"

Oder: Wie eines der Kinder einmal schwer krank wurde und die Großmutter noch in der Nacht anspannen ließ und einen Knecht mit dem Wagen nach Wien schickte mit dem Auftrag, einen Professor zu bringen, und wie der Professor, erfroren und übernächtig, ankam, ohne sich auszuziehen an das Bett trat, einen Blick auf das bewußtlose Kind warf und sagte: "Und deswegen lassen Sie mich in der Nacht aus Wien holen, ich sehe doch sofort, da ist nichts mehr zu machen." Und wie die Großmutter sich zu dem Knecht umdrehte und sagte: "Hab' ich dir nicht gesagt, du sollst einen Professor holen? Und du Tepp hast da einen Wahrsager erwischt." Und wie den Professor fast der Schlag getroffen hat vor der wilden Energie der Großmutter.

Das kranke Kind lebt übrigens heute noch als alter Onkel in bester Gesundheit.

Mein Großvater war nicht nur Bauer und Kaufmann, er war auch ein großer Kunstfreund, er fuhr in seinem Wagen von Sieghartskirchen zu jeder größeren Premiere nach Wien. Sein besonderer Liebling war Nestroy; selbstverständlich verlangte und erhielt jeder einzelne Käufer, der in den Laden kam, einen genauen Bericht. So blieb der ganze Ort in ständiger Kunstverbindung mit der Kaiserstadt.

Bei diesen Reisen übernachtete der Großvater immer im "Schwarzen Adler" in Rudolfsheim. Als sich die Großeltern im Alter vom Geschäftsleben zurüc

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