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Delphine über den Dächern Ein Ballettroman aus Paris von Joyeux, Odette (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.07.2020
  • Verlag: Insel Verlag
eBook (ePUB)
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Delphine über den Dächern

"Beide wollen die Hauptrolle. Doch nur eine wird sie bekommen ..." Die verträumte Delphine wächst bei ihrer verwitweten Mutter auf, die viele Opfer bringt, damit ihre Tochter Ballett tanzen darf. Ganz anders Julie: Die Tochter aus reichem Hause ist verzärtelt, stets von sich überzeugt und Liebling ihrer Lehrerin. Beide besuchen die Ballettklasse der Pariser Opera Garnier und bekommen die Chance, an der Seite des umschwärmten Solisten Ivan Barlof die Galatea zu tanzen. Als Delphine die Rolle ergattert und Julie nur zweite Besetzung wird, sinnt sie auf Rache und stellt der arglosen Delphine eine Falle, die alles verändern wird ... Seit Generationen lieben Mädchen und ihre Mütter die Geschichte der kleinen Pariser Elevin Delphine und ihrer Widersacherin Julie. Die Autorin - einst selber Ballettschülerin an der Opera Garnier - gewährt einen realistischen Einblick in die häufig romantisierte, in Wahrheit recht unbarmherzige Welt des klassischen Balletts. Und berührt gleichsam die universellen Themen an der Schwelle zum Erwachsenwerden: Leistungsdruck, Versagensangst, das wechselhafte Gefühl zum eigenen Körper oder der Wunsch, sich zu behaupten. Das wahrscheinlich schönste Ballettbuch aller Zeiten - endlich neu aufgelegt! Illustriert von Leanne Shapton. Odette Joyeux, geboren 1914 in Paris, machte nach ihrer Ausbildung zur Tänzerin als Schauspielerin Karriere und wurde schließlich auch als Drehbuchautorin und Schriftstellerin sehr erfolgreich. Die französische Romanvorlage für Delphine über den Dächern wurde verfilmt und lief unter dem Titel Die verbotene Tür auch erfolgreich im deutschen Fernsehen. Odette Joyeux starb im Jahr 2000 in Ollioules, Frankreich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 280
    Erscheinungsdatum: 20.07.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783458765875
    Verlag: Insel Verlag
    Serie: insel taschenbuch 4794
    Originaltitel: L'Âge heureux
    Größe: 2434 kBytes
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Delphine über den Dächern

Als Delphine im Bett lag, war sie hellwach.

Wie ein Film rollte das Geschehen des Abends immer wieder ab. Es hatte seinen dramatischen Höhepunkt, als Bernadette an ihr vorbei auf das Dach stürzte. Und sein tragisches Ende waren die drohenden Rufe Dumontiers, die Unheil verhießen.

Immer wieder kam sie auch auf den Punkt, da sie mit Bernadette vor der verschlossenen, verbotenen Tür stand und nicht ins Haus zurückkonnte.

Wer hatte den Schlüssel umgedreht? Eines der Mädchen oder ein Feuerwehrmann, der die Tür offen gefunden und pflichtgemäß verschlossen hatte? War es Zufall oder Absicht? Hatte jemand nur aus Gedankenlosigkeit die Tür abgesperrt, oder war da jemand, der verhindern wollte, dass sie rechtzeitig auf die Bühne kam?

Zu viele Fragen für ein Mädchen, das niemanden hatte, mit dem es darüber sprechen konnte. Von dem alle erwarteten, dass es eine große Tänzerin würde. Und das so jämmerlich versagt hatte, weil es einmal herumtollen wollte wie andere Gleichaltrige auch?

Und je länger sie nicht einschlafen konnte, und je mehr sie sich im Bett hin und her wälzte, umso höher wurde der Sturz Bernadettes, die jetzt plötzlich einen grässlichen, langgezogenen Schrei ausstieß, wenn sie fiel. Musik klang auf, als die Träger mit der Bahre kamen, ein langsamer, getragener Marsch, genauer gesagt, ein Trauermarsch. Und sah man ganz genau hin, konnte man auch feststellen, dass die Bahre ein Sarg war. Junge Männer des Balletts trugen ihn, mit gesenkten Häuptern, und plötzlich war Dumontier da, wies mit dem Finger auf sie und sang mit tiefer Bassstimme: "Sie ist's gewesen! Sie ist's gewesen!" Und Delphine stand da, in einem abgerissenen Trikot, das kaum ihre Blöße bedeckte, und wunderte sich, wieso Dumontier plötzlich ein orientalisches Kostüm trug. Wie Osmin in Mozarts Entführung aus dem Serail.

Sie schreckte auf und überdachte von neuem die Geschichte. Und wieder stürzte Bernadette, und wieder war Dumontier da, der die schwersten Beschuldigungen gegen sie erhob und die ärgsten Drohungen ausstieß, und plötzlich begann Dumontier zu zerfließen, wurde nebelhaft, und seine Stimme verhallte, sie atmete leichter und wachte auf. Gott sei Dank, die ganze Geschichte war nur ein Traum! Und sie freute sich, und ihre Mutter war viel jünger als in Wirklichkeit und nähte ein Kostüm für sie, aber als sie das Kostüm überstreifte, steckten noch viele Nadeln in ihm. Da wachte sie auf und wusste, dass die böse Geschichte leider kein Traum war.

Erst gegen Morgen schlief sie ein wenig. Leicht nur, denn sie hörte die Geräusche von der Straße herauf, die Autos, die Schritte der Leute, die schon sehr früh zur Arbeit mussten. Irgendjemand, der wahrscheinlich mit dem Rad fuhr, pfiff einen Schlager. Die Riesenstadt erwachte.

Sie musste noch einmal eingeschlafen sein, denn als sie wieder aufwachte, saß Mama an ihrem Bett und fragte, warum sie so gewimmert habe.

"Wer hat gewimmert?", fragte sie zurück, um Zeit zu gewinnen.

"Du hast gewimmert."

"Ich?", fragte sie gedehnt.

"Gerade jetzt. Es klang ganz jämmerlich."

"Da habe ich wohl schlecht geträumt."

Therese erhob sich und schob die Vorhänge zur Seite.

"Es wird ein wunderschöner Tag heute", sagte sie. "Wenn es so bleibt, kann ich vielleicht schon ein bisschen ausgehen und dich abholen."

Da war wieder das Bedrohliche, das Unheil. Als Mutter mit hohem Fieber im Bett lag, hatte Delphine gewünscht, sie möge bald gesund werden. Jetzt wünschte sie, ihre Mutter läge noch im Bett, und sie müsse nichts fürchten. Nie mehr würde sie mit ihrer Mutter so in Einklang leben, wie es bis gestern Abend gewesen war. Da war noch nichts zwischen ihnen, keine Unaufrichtigkeit und keine Lüge. Und jetzt musste sie besorgt tun, als ginge es ihr um Mamas Gesundheit, obwohl sie nur daran dachte, dass Mutter von der ganzen furchtbaren Geschichte nichts erfahren dürfe.

"Jetzt war ich zehn Tage nicht drauß

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