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Theater hassen Eine dramatische Beziehung von Küveler, Jan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.09.2016
  • Verlag: Tropen
eBook (ePUB)
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Theater hassen

Damit das Theater bleiben kann, was es war, muss es sich ändern. "Theater hassen" ist eine Streitschrift gegen und für das Theater, eine Totenrede und ein Liebesbrief, eben Ausdruck einer dramatischen Beziehung. Fahle Gespenster schleichen über die Bretter, die früher die Welt bedeuteten, heute aber nur mehr morsch knarzen. Das Theater verrennt sich in einer Nische, die niemanden interessiert. Verzweifelt holt es Flüchtlinge auf die Bühne oder zwingt die Zuschauer zum Mitmachen. So verkommt es zum Kabarett und zum Kindergarten. Außerdem ist es enorm unpraktisch: abhängig von Subventionen, trotzdem teuer, unverwandt elitär, nur heuchlerischer als früher, unbequem - weder kann man Popcorn essen noch auf die Toilette gehen. Es gibt jede Menge Gründe, das Theater zu hassen. Man ist es ihm sogar schuldig, besonders, wenn man es liebt. Jan Küveler, 1979 geboren, lebt in Berlin und leitet im Feuilleton von "Welt" und "Welt am Sonntag" das Theaterressort. In den Nullerjahren hielt er sich zu Studienzwecken in New York auf. Seine Doktorarbeit über jugendliche Romanhelden, die sich der Reife verweigern, litt lange selbst unter Entwicklungshemmung. Inzwischen ist sie fertig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 24.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608100532
    Verlag: Tropen
    Größe: 2513 kBytes
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Theater hassen

... WEIL ES EINEN MINDERWERTIGKEITSKOMPLEX HAT UND GLEICHZEITIG AN GRÖSSENWAHN LEIDET

Es treten auf: MONACO FRANZE, DAVID SCHALKO, ANDREA BRETH, GOETHE, GERHARD STADELMAIER, DER DEUTSCHE KRITIKER ALS TYPUS
Monaco Franze wusste es schon 1983 besser

Eben war von meiner Freundin die Rede, die das Theater einfach nicht aushält, weil ihr die abgetakelte Formensprache so auf die Nerven geht, dieses selbstverliebte Kunstgetue, das von der Sekunde, wenn der Vorhang hochgeht, vor allem eifrig zeigen will, wie sophisticated es ist, mit absurd in die Länge gezogenen Vokalen und übertriebenem Herumgefuchtel und großartig aufgerissenen Augen. Sie steht nicht allein da. Überhaupt gehen nur relativ wenige Leute regelmäßig ins Theater, laut der Webseite Statista bloß 2,43 Millionen oder drei Prozent der Bevölkerung, über alle Theatersparten hinweg.

In der genialen Serie "Monaco Franze" von Helmut Dietl und Patrick Süskind gehörte die gleichnamige Hauptperson, gespielt von Helmut Fischer, zu den 97 Prozent. Das heißt, er hätte gern dazugehört. In der ersten Szene winkt er die Kamera an sich heran. Übrigens lange bevor Kevin Spacey in "House of Cards" dasselbe tat, wofür ihn und David Fincher, den Regisseur der Pilotfolge, alle feierten, weil es angeblich so theatral sei, ein Herunterreißen der vierten Wand, die den Bühnenraum vom Publikum trennt. Helmut Fischer winkt also die Kamera zu sich heran und flüstert uns verschwörerisch zu, er und seine Frau passten ja eigentlich gar nicht zueinander. Weil sie eine Münchner höhere Tochter sei und enorm bildungsbeflissen, dauernd in die Oper und ins Theater wolle, während er, ein Kind der Arbeiterklasse, dafür nicht das Geringste übrighätte. Während er uns das verrät, ruft ihn seine Frau dauernd zur Ordnung; er solle sich nicht so viel bewegen, sondern lieber lächeln, aber nicht zu viel, den Kopf in diese und jene Richtung drehen, die Arme soundso halten - eben "er selbst sein". Helmut Fischer schaut verwundert. "Wie meinst du, Spatzerl?", fragt er. "Soll ich das jetzt so machen, wie du sagst, oder ich selbst sein?"

Er ersinnt die größten Listen, der Oper zu entgehen, in die ihn seine Frau mitsamt ihren befrackten und verabendkleideten Freunden schleppen will. Nachdem Monaco dem "Rheingold" noch glücklich entronnen ist, schnappt bei der "Walküre" die Falle zu. Ein zweiter unerwarteter "Einsatz" - Monaco ist Kriminalkommissar - wäre unglaubwürdig, gibt sein Freund, Kollege und Mitwisser zu bedenken. Die eine Inszenierung von der Straße muss sich der anderen im säulengesäumten Tempel der Hochkultur beugen. Dietl hat offensichtlich großen Spaß, diese Säulen der Münchner Staatsoper demütigst von unten zu filmen, aus der Perspektive des Franze-Frosches, der gleich in kochendes Wagner-Wasser geworfen wird.

Monaco ist zwar mit dem Auswendiglernen der neun Walküren gescheitert; erst verwechselt er sie mit den Flusstöchtern, dann entfallen ihm die Namen. Es ist ja auch nicht so einfach: Brünnhilde, Helmwige, Gerhilde, Ortlinde, Waltraute, Siegrune, Roßweiße, Grimgerde, Schwertleite. Ohne es zu ahnen, spielt Monaco selbst Theater; ist er doch eine Art bayerischer Odysseus, die Ableitung von James Joyce' irischer Version des bürgerlichen Schürzenjägers, der sich durch die Straßen der Stadt treiben lässt, während seine Frau zu Hause auf ihn wartet. Wie sein hochliterarischer Ahn ist er um die nächste List nie verlegen. In der Pause erkundigt er sich unschuldig nach dem dicken Mann im Smoking, der ein paar Reihen weiter vorn emsig in ein Notizbuch schrieb. Das sei der Kritiker der Zeitung, der irre sich nie. Ach so sei das? Monaco entschuldigt sich.

Vor der Telefonkabine im Foyer (1983!) stellt er den Mann. Tags zuvor hatte er seinem Freund und Kollegen Manni Kopfeck seine größte Angst gestanden: "Weißt, Manni, das Schlimmste wäre ja n

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