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Wege zu Brecht Wie Kathrina Thalbach, Benno Besson, Sabine Thalbach, Regine Lutz, Manfred Wekwerth, Käthe Reichel, Egon Monk und Barbara Brecht Schall zum Berliner Ensemble fanden von Buschey, Monika (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.04.2014
  • Verlag: Dittrich Verlag
eBook (ePUB)
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Wege zu Brecht

Er erwartet sie im Foyer. Ein kleiner Mann, unrasiert, Brille, klobige Schuhe. In Höhe der Knöchel sieht man weiße Bündchen hervorlugen. Du lieber Gott, denkt Regine Lutz, bei der Hitze trägt der Mann lange Unterhosen. Bertolt Brecht hat die junge Schauspielerin in Zürich auf der Bühne gesehen, jetzt will er sie näher kennen lernen. Er ist auf dem Sprung nach Berlin, für sein neues Ensemble braucht er neue Mitarbeiter. Er wird die junge Schweizerin mit dem ausgeprägt kritischen Blick engagieren und andere mit ihr: Schauspieler, Regieassistenten, Mitdenker in jedem Fall. Die Wege seiner Mitarbeiter - aus den verschiedensten Richtungen in Berlin sich treffend - bilden ein Muster, das zu betrachten großes Vergnügen bereitet und darüber hinaus Aufschluss gibt über den Meister. Der Weg zu Brecht ist für jeden einzelnen auch ein Weg zu sich selbst und zu einer revolutionär neuen Idee von Theater. Keiner ist ihm näher gewesen in den Berliner Jahren nach dem Krieg. Die jungen Leute haben - jeder für sich - ihren Brecht entdeckt. Für Käthe Reichel war er die Liebe ihres Lebens. Für Egon Monk ein Anreger, dessen Ideen ihn als Regisseur begleitet haben. Für Manfred Wekwerth einer, der für jeden, der das Glück hatte, mit ihm arbeiten zu dürfen, eine Art Konto angelegt hat: Die Zinsen, sagt Wekwerth, fließen noch immer. Acht ausführliche Portraits laden dazu ein, sich in Menschen hineinzufühlen. Darüber hinaus entsteht ein Portrait des Schauplatzes, der Szene: Berlin heute, Berlin und die Verwüstungen des Krieges, schließlich das Wiederaufleben der Theaterstadt nach 1945.

Geboren 1954 in Bochum. Musikhochschule Stuttgart, Bühnen- und Wanderjahre, später Zeitungsvolontariat in Essen. Heute freie Journalistin und Autorin. Sie arbeitet vor allem fürs Radio: Hörspiele, Reportagen, Features, und literarische Portrais: Hans Wollschläger, Robert Gernhardt, Raoul Schrott, Bernhard Schlink, Matthias Hartmann, Christian Brückner, Ernst Stötzner, Traugott Buhre. In den Jahren 1999, 2000, 2001 sind drei Bände mit literarischen Paar-Biographien erschienen: "Die Rosen deines Mundes", "An jenem Tag im blauen Mond September" und "Inspiration und Leidenschaft - die Geliebte". Literaturpreis Ruhrgebiet für ein Portrait von Maria Callas, Hörfassung 1998 im WDR.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 20.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783943941470
    Verlag: Dittrich Verlag
    Größe: 1224 kBytes
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Wege zu Brecht

Er kam als Regisseur einer Laiengruppe aus der Provinz. Als er ging, war er viele Jahre Intendant des Berliner Ensembles gewesen. Manfred Wekwerth ist in Köthen, in Sachsen-Anhalt aufgewachsen - quasi hinter der Theke einer Kneipe, in der seine Mutter in der Küche arbeitete .

Tatsächlich ein Mensch, der vor Energie birst. Mit immerhin 76 Jahren. Gezwungen still zu sitzen, wippt der Fuß am übergeschlagenen Bein, überschlagen sich die Worte, stockt die Sprache. Nicht, weil etwa ein Wort fehlte, nein: Es drängen so viele Formulierungen heran, dass der Koordinationsassistent im Kopf nicht entscheiden kann, welche er den anderen vorziehen soll. So entsteht ein kleiner Stau. Dann kommt der Satz: elegant und korrekt.

Manfred Wekwerth liebt es, über Brecht zu sprechen. Es ist ihm Pflicht und Lust. Wer soll es tun, wenn nicht er. Eine schönere, eine sinnvollere Aufgabe kann es nicht geben. Sie macht ihn zur Instanz: Er, der Statthalter Brechts auf Erden. Seine biographischen Aufzeichnungen fangen mit der Zeit an, in der er Brecht getroffen hat. Als habe sein Leben erst in dem Moment begonnen.

2006 ist ein Brecht-Jahr – 1956, vor 50 Jahren also, ist der Meister gestorben – und es stürzen sich Fernsehteams von überall her auf die verbliebenen Jünger. Manfred Wekwerth sieht sich seiner Aufgabe gewachsen. Mehr als das, er wächst noch an ihr: Mögen sie kommen, die Kameras und die Mikrofone, er ist gerüstet. Er hat Kopien von ausführlichen Interviews, die er Fachzeitungen gegeben hat, bereitliegen. Falls einer um die richtigen Fragen verlegen sein sollte. Falls einer vergisst, sie zu stellen.

Er führt die Besucher in sein Arbeitszimmer, wo Fotos hängen aus der großen Zeit, Zeichnungen, Karikaturen, eine Maske. Auch ein Porzellanteller von 1914, Brecht hat ihm den verehrt. Ein markiger Spruch steht darauf, ein Soldat mit Bajonett ist zu sehen. Er liebte solche Sachen, sagt Wekwerth. Man müsse Ganghofer kennen, habe er gesagt, damit man Dostojewski zu schätzen wisse.

Seit langem wohnt er mit seiner Frau nicht mehr in Berlin. Nach Grünau hat es sie gezogen – oder sollte man sagen: verschlagen? An den südöstlichen Rand der großen Stadt, Richtung Köpenick. Hier war einmal die Feine-Leute-Ausflugsgegend, heute ist in Grünau der Hund begraben, auch wenn der See im Sonnenlicht schön schimmert. Die guten Restaurants haben dichtgemacht, oder es ist ein Billigmarkt an ihre Stelle getreten. Eine Bürgerinitiative hat sich gebildet, um zu verhindern, dass die Straßenbahnlinie, die um den See herumführt, eingestellt wird.

Beschreibungen der ganz frühen Jahre, betont der Hausherr und ist gleich wieder beim Thema, finde er langweilig und er zitiert Tolstoi: "Vom Jüngling bis zu mir ist es nur ein Schritt, vom Neugeborenen bis zum Jüngling eine schreckliche Entfernung." Wenn es denn aber sein muss – bitte sehr –, lässt er sich darauf ein. Auch das gehört dazu, und es soll doch nur ja keiner glauben, er könne sich nicht erinnern. Was immer er erzählt, er präsentiert es wie ein Möbelschreiner den fertigen Schrank: Da schließt jede Tür, da klemmt nicht eine Schublade und die Kanten sind sorgfältig abgerundet, dass sich bloß keiner daran stößt. Schon so oft hat er erzählt, was immer gewünscht wurde. Und als guter Schauspieler weiß er, wie man es hinbekommt, dass es frisch klingt und wie gerade erst hervorerinnert.

Fangen wir also hinter dem Tresen an. Dort, wo er als Junge gestanden und auf seine Mutter gewartet hat. Ohne Vater ist er aufgewachsen und Lokomotivführer hat er werden wollen. Das Speiselokal, in

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