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Jenseits der Literatur Oxford Lectures von Grünbein, Durs (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.10.2020
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Jenseits der Literatur

In seinen vier Vorlesungen, die er als Lord Weidenfeld Lectures im Jahr 2019 in Oxford gehalten hat, setzt sich der Dichter Durs Grünbein mit einem Thema auseinander, das ihn seit jenem Augenblick beschäftigt hat, als er die eigene Position in der Geschichte seiner Nation, seiner Sprachgemeinschaft und seiner Familie als historisch wahrzunehmen begann: Wie kann es sein, dass DIE GESCHICHTE, seit Hegel und Marx ein Fetisch der Geisteswissenschaften, die individuelle Vorstellungskraft bis in die privaten Nischen, bis in den Spieltrieb der Dichtung hinein bestimmt? Will nicht anstelle dessen Poesie die Welt mit eigenen, souveränen Augen betrachten?

 

In Form einer Collage oder »Photosynthese«, in Text und Bild, lässt Grünbein den fundamentalen Gegensatz zwischen dichterischer Freiheit und nahezu übermächtiger Geschichtsgebundenheit exemplarisch aufscheinen: Von der scheinbaren Kleinigkeit einer Briefmarke mit dem Porträt Adolf Hitlers bewegt er sich über das Phänomen der »Straßen des Führers«, also der Autobahnen, hinein in die Hölle des Luftkriegs. Am Schluss aber steht eine erste Erfahrung von Ohnmacht im Schreiben und die daraus erwachsende, bis heute gültige Erkenntnis: »Es gibt etwas jenseits der Literatur, das alles Schreiben in Frage stellt. Und es gibt die Literatur, die Geschichte in Fiktionen durchkreuzt.«

 

Die renommierten Lord Weidenfeld Lectures sind seit 1993 einer der Höhepunkte im akademischen Jahr der Universität Oxford. Dazu eingeladen werden bedeutende Geisteswissenschaftler, Schriftsteller und Dichter. Zu den früheren Inhabern dieser Professur zählen George Steiner, Umberto Eco, Amos Oz und Mario Vargas Llosa.



Durs Grünbein wurde am 9. Oktober 1962 in Dresden geboren. Erist einer der bedeutendsten und auch international wirkmächtigsten deutschen Dichter und Essayisten. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs führten ihn Reisen durch Europa, nach Südostasien und in die Vereinigten Staaten. Er war Gast des German Department der New York University und der Villa Aurora in Los Angeles. Für sein Werk erhielt er eine Vielzahl von Preisen, darunter den Georg-Büchner-Preis, den Friedrich-Nietzsche-Preis, den Friedrich-Hölderlin-Preis sowie den polnischen Zbigniew Herbert International Literary Award. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Er lebt in Berlin und Rom.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 26.10.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518753422
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 19751 kBytes
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Jenseits der Literatur

1 Die violette Briefmarke

Denke ich an die Briefmarkensammlung meiner Kindheit, fällt mir zuerst ein Detail ein, das einem Traum entsprungen sein könnte, so aufdringlich sticht es hervor und tanzt mir wieder vor Augen, ein kleiner, viereckiger Schmetterling von der Farbe des Vitriol. Es gab da ein Album, gehütet wie ein verbotener Schatz, in dem waren Marken aus der Zeit des Dritten Reiches gehortet, darunter auch eine Reihe verschiedenfarbiger Köpfe des Mannes, dessen Name sich damals nur hinter vorgehaltener Hand aussprechen ließ. Was wußte ich als Kind von dem verfluchten Österreicher, dem Mann aus Braunau am Inn, der sich wie kein zweiter in die deutsche Geschichte eingemischt und eingeschrieben hatte?

Die Wertzeichen im gefährlichsten meiner Alben waren alle verkehrt herum einsortiert. Der finster blickende Volksverführer mit dem streng gescheitelten Haar stand darin kopf. Hatte ich das getan und warum? Ich weiß nicht mehr, war es eine Vorsichtsmaßnahme gewesen, aus Sorge, jemand könnte mein Album entdecken, oder ein Akt der Teufelsaustreibung, diesen Derwisch des Deutschtums so zu enthaupten?

Nur soviel weiß ich: Der Anblick von Briefmarken führt mich zuverlässig in die Paradiese der Erinnerung zurück, in eine Gartenschau auf kleinstem Raum. Vor den Kinderaugen war hinter den Klarsichtstreifen der Sammelalben eine ganze Welt in Miniaturbildern aufbewahrt. Briefmarken sind oftmals der erste Orbis pictus im Leben eines Kindes. In engster Anordnung ergeben sie ein Buch der sichtbaren Welt, nach Art der Bilderfibel des Johann Comenius. Die Reihen der Marken erschienen mir damals wie Blumenbeete, alle wohlgeordnet und doch wild durcheinanderwirbelnd dank ihrer bunten, vielgestaltigen Motive. Da fand sich die Trachtengruppe dicht neben dem Bohrturm, das Eichhörnchen am Baumstamm neben dem Olypmpiasieger im Skispringen - Schätze internationaler Philatelie mit der Farbigkeit von Zirkusplakaten. Es gab die Marken der Malediven in ungewöhnlicher Dreiecksform und gleich daneben die großformatigen aus Brasilien mit den herrlichen Schmetterlingsmotiven.

Dagegen wirkten die Überbleibsel aus der Nazizeit seltsam streng und monoton. Sie waren, auf eine bedrückende Weise, einfallslos, schlicht in ihren Motiven - es gab da nur Adler und Burgen, brutale Stahlhelmmänner, Reiter und nackte Athleten, später auch kämpfende Wehrmacht aller Waffengattungen. Dazwischen aber tauchte der Diktator im Profil auf, als Typus des weitblickenden Staatsmannes. Ich weiß nicht, was in uns gefahren war, aber damals reizte uns diese widerwärtigste Figur des Zeitalters mächtig als finstere Märchengestalt. Er war der Dämon, den ein Bilderverbot, ein allgemeines Tabu von uns fernhalten sollte.

Das Briefmarkensammeln hatte ich irgendwann aufgegeben, die Alben verschwanden, wie vieles andere, auf dem Dachboden. Jahre später aber segelte mir beim Stöbern in ihnen eine Feldpostkarte mit einer violetten Marke entgegen. Es war ihre aufreizende Färbung, das Eisenhutlila, das mich auf Gedankenabwege brachte. Denselben Führerkopf gab es auch in den Varianten Erbsengrün, Kastanienbraun, Blutrot - selbst in harmlosem Orange, in der Farbe der Südfrüchte, trat er einem entgegen. Briefe und Ansichtskarten, die das bedrohliche Konterfei trugen, waren damals in alle Welt hinausgesandt worden. In Expreßzügen wurden sie kreuz und quer durch das erwachende Deutschland gesandt und per Luftpost hinaus bis nach Amerika, China und Australien. Denke ich heute zurück an die kleinen Einheitsmarken, wird mir der Massencharakter des Nationalsozialismus mit einem Mal anschaulich. Ich frage mich, von wie vielen Millionen Menschen Hitler seinerzeit abgeleckt wurde, freiwillig oder widerstrebend, jedenfalls abgeleckt. Die Vorstellung dieser sklavischen Vielzüngigkeit, Doppelzüngigkeit, klebrigen Servilität hat etwas Entsetzliches.

Wenn es nicht das Schwammkiss

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