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Kafka für Eilige von Reimert, Karla (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2016
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Kafka für Eilige

Was heißt eigentlich 'kafkaesk'? Wie oft findet sich der Leser als 'umgedrehter Käfer' vor Franz Kafkas heller und doch unergründlicher Prosa wieder, nur hilflos ausgestattet mit dem Begriff des 'Kafkaesken'? Karla Reimert nähert sich dem Prager Autor und seinen Artisten, Asketen und Angestellten auf beherzte Art und erzählt seine Romane, Erzählungen und biografischen Schriften ganz anschaulich, humorvoll und geistreich nach. "Der kurzweilige Band macht auch eingefleischten Kafka-Fans Lust auf eine erneute Lektüre." Thüringische Landeszeitung

Karla Reimert wurde 1972 in Berlin geboren, wo sie nach längerem Ägyptenaufenthalt lebt. Zahlreiche Lyrik- und Prosaveröffentlichungen. 2003 gewann sie für ihre Kurzprosa den Preis des Rheinsberger Autorinnenforums. Sie arbeitet als Übersetzerin und lektoriert literarische und wissenschaftliche Texte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 01.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841212528
    Verlag: Aufbau-Verlag
    Größe: 2411kBytes
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Kafka für Eilige

Kafka für jedermann

Die gute Nachricht vorweg: Wer heute noch ernsthaft eine Gesamtdeutung von Kafkas Werk vorlegen würde, bekäme nur mehr einen Vogel gezeigt. Im besten Falle jenen, der bei Kafka "einen Käfig suchen" ging. Der Käfig bleibt leer, das Vöglein muß weiter frei umherflattern. Zu deutlich ist selbst der Literaturwissenschaft geworden, daß es inzwischen rund 12 000 Auslegungen noch immer nicht gelungen ist, Kafkas Texten ihr "Geheimnis" zu entreißen.

Wie kann das sein? Gegen Kafkas Wirkung gibt es keine Heilung. Wenn Deutung eine immer noch grassierende Krankheit ist, dann sind Kafkas Texte resistent gegen sie, setzen sich im Bett auf und singen mit fröhlicher Boshaftigkeit: "'s ist nur ein Arzt, 's ist nur ein Arzt." Und es ist ein Irrglaube zu meinen, Kafka hätte seine Texte "verschlüsselt" geschrieben, und man brauche nur die richtige Folie, um sie - und damit natürlich auch den Autor - zu "verstehen".

Doch genau das haben die Kafka-Exegeten von Anbeginn an mit Vorliebe getan. Allen voran Kafkas Freund Max Brod. "Das Wort 'Jude' kommt im 'Schloß' nicht vor", schreibt er 1927 in einem Aufsatz, der die "zionistische" Lesart der Texte begründen sollte. "Dennoch ist mit Händen zu greifen, daß Kafka im 'Schloß' die große tragische Darstellung der Assimilation und ihrer Vergeblichkeit gegeben hat." Mit den Händen zu greifen, vielleicht, aber leider nicht mit den Augen zu lesen.

Kafkas treuem Freund Max Brod ist nicht nur die Überlieferung der Texte zu verdanken, sondern, dank seiner zahlreichen Nachworte, auch ihre zunächst theologische Deutung, die in den großen Werken "Das Schloß" und "Der Proceß" die zwei "Emanationen" der Gottheit, "Gnade" und "Gericht", sehen wollte - und einen nicht abreißenden Strom von ähnlichen und ganz anderen Auslegungen nach sich gezogen hat. Bis heute beschäftigen sich immer wieder Forscher mit den jüdischen Aspekten im Werk Kafkas. Dabei spielen manchmal kabbalistische, manchmal zionistische Einflüsse die Hauptrolle, manchmal aber auch das jüdische Volkstheater, jiddische Sprache sowie das Ostjudentum im allgemeinen. Die Gefahr dabei ist, daß das "Religiöse" und die "kulturelle Prägung", die bei jedem Menschen einen lebenslangen Prozeß darstellen, auf einen Zustand verkürzt und damit unzulässig vereinfacht werden. Dennoch kann es ungemein spannend sein, den "jüdischen Spuren" und spezifisch jüdischen Problemstellungen in Kafkas Werk nachzugehen und so dem "jüdischen" Kafka hinter einigen Ecken seiner Erzählungen zu begegnen.

Weitaus weniger überzeugend sind Versuche, vor allem aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, Kafka zu "christianisieren", indem man entweder aus den Helden seiner Werke "Juden" bastelt, die die Erlösung durch den Heiland nicht annehmen können, oder die Kierkegaard-Lektüre Kafkas so hoch wertet, daß religiöse Konflikte zum Hauptthema von Kafkas Schreiben erklärt werden. Letzten Endes zeigen diese Ansichten mehr oder weniger nur die Konflikte und Heilsvorstellungen der Interpreten auf.

Nur wenige Jahre nach Kafkas Tod überzog der Terror der Nationalsozialisten, Faschisten, später der Stalinisten und ihrer groß- und kleinbürgerlichen Anhänger und Sympathisanten Europa. Ab 1935 konnte Kafka in Berlin, kurze Zeit später auch in Prag nicht mehr verlegt werden. Viele Freunde und Bekannte Kafkas mußten nach Frankreich, England und in die USA fliehen, andere, unter ihnen auch seine frühere Geliebte Milena Jesenská und seine drei jüngeren Schwestern, wurden ermordet. Die Überlebenden machten Kafka im Ausland - zuerst in Frankreich, dann in Amerika und England - bekannt, so daß bis heute Kafka etwa in der angelsächsischen Welt ungemein populär ist.

Die ersten Interpretationen von Zeitgenossen - Benjamin, Musil, Tucholsky, Thomas Mann oder Canetti - beschäftigen sich, ausgehend von den gemeinsamen Lebenserfahrungen, im besonderen mit den Aspekten der "Macht" in Kafkas Werk. So bemerkt

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