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Zukünftigkeit Die zeitgenössische Literatur und die Vergangenheit von Eshel, Amir (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.05.2012
  • Verlag: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
eBook (ePUB)
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Zukünftigkeit

Wir haben uns daran gewöhnt, in den menschengemachten Katastrophen der Moderne ein blutiges Schlachtfeld zu sehen, das wir "bewältigen" müssen. Durch die Vergegenwärtigung der Geschichte setzen wir uns jedoch nicht bloß dem Trauma des Früheren aus, wir befragen unsere Gegenwart zugleich radikal auf ihre Sinnhaftigkeit. Die Vergangenheit ist damit immer schon doppelter Natur: Als unerträgliche Last eröffnet sie zugleich einen Möglichkeitsraum der Veränderung ihre "Zukünftigkeit" ist die Potentialität der Geschichte, Vorschein des Besseren und Maßstab unseres Handelns im Hier und Jetzt. In Auseinandersetzung mit den derzeit bestimmenden Debatten der Philosophie und Kulturkritik wie mit den wichtigsten Autoren der zeitgenössischen Literatur aus den USA, Israel und Deutschland entwirft Amir Eshel in "Zukünftigkeit" eine neue Ethik der Geschichts- und Literaturbetrachtung. Ihr Fluchtpunkt ist eine neue post-utopische Humanität im Eingedenken des Vergangenen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 366
    Erscheinungsdatum: 20.05.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783633779901
    Verlag: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
    Größe: 2856 kBytes
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Zukünftigkeit

Einleitung: Was ist Zukünftigkeit?
Schreiben verweist auf das, was "offen, zukünftig, möglich" ist
Franz Kafka hat mit seiner Parabel "Kleine Fabel" ein unvergleichliches Bild des modernen Bewusstseins geschaffen, wie es sich im Ersten Weltkrieg auszubilden begann:
""Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." – "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie." 1
Dieser kurze Text aus dem Jahr 1920 pointiert die Furcht, dass ein verlässlicher Zukunftshorizont für immer verloren sein könnte. Allegorisch gelesen, fasst der Text in seiner Kürze die conditio humana in der Moderne zusammen: "Am Anfang", vor dem Aufkommen der Moderne, spiegelten sich die unabsehbaren Kräfte der Natur in großen Ängsten und "fernen Mauern" – Mythologien, die sie in Schach hielten. Diese Ängste schwanden durch die wirtschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Veränderungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Mit der Moderne trat das Gefühl einer neuen, verheißungsvollen Zeit an die Stelle der alten Ängste, doch beispiellose Gewaltausbrüche, wie sie etwa im Ersten Weltkrieg zu Tage traten, ließen die Mauern plötzlich schnell "aufeinander zueilen". So gelesen, zeigt Kafkas Fabel das Ende des verheißungsvollen Aufbruchs der Menschheit durch die Verheerungen des Ersten Weltkriegs. Nach diesem folgenschweren Krieg schien es, als gäbe es keine Zukunft mehr, als könne die Menschheit bloß noch zwischen verschiedenen Formen des Endes wählen – zwischen der Falle oder der lauernden Katze. Allein das Ausmaß dieser Katastrophe ließ die Hoffnung, den Lauf der Geschichte durch einen Richtungswechsel beeinflussen zu können, trügerisch erscheinen.
Die Jahrzehnte nach 1920 haben diese Stimmung durch "modernistische Ereignisse", wie Hayden White sie nennt, zunehmend verstärkt: durch den Zweiten Weltkrieg, den Völkermord an den europäischen Juden, die Einführung von Massenvernichtungswaffen, durch Massenvertreibungen, irreparable Umweltschäden und scheinbar endlose regionale Krisen wie den Nahostkonflikt. Die Erschütterungen durch die beispiellosen Massenmorde, die mit Hilfe moderner Technologie ausgeführt wurden, überschreiten alles, was man sich in früheren Zeiten vorstellen konnte. Sie haben im kollektiven Bewusstsein eine ähnliche Funktion wie das Trauma in der individuellen Psyche. Der industrielle Mord in den Todeslagern und die Atombomben, die über Städten abgeworfen wurden, können, so White, ohne signifikante Folgen für unsere Fähigkeit zur konstruktiven Auseinandersetzung mit der Gegenwart und zur Vorstellung einer Zukunft, "die frei von den erschöpfenden Wirkungen [dieser Ereignisse] ist", weder vergessen noch angemessen erinnert, das heißt "in ihrer Bedeutung identifiziert und in der kollektiven Erinnerung kontextualisiert" werden. 2
Der israelische Autor David Grossman sagte 2007 in einem Vortrag über das literarische Schreiben angesichts der "Katastrophe", die israelische Juden, Palästinenser und alle Bewohner des Nahen Ostens seit mehr als hun

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