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"Mit dem Vertrauen, daß wir einander nicht verloren gehen können" Briefwechsel mit seinen Söhnen Bruno und Heiner von Hesse, Hermann (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.12.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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"Mit dem Vertrauen, daß wir einander nicht verloren gehen können"

Es ist nicht leicht, Sohn eines berühmten Vaters zu sein. Zumal wenn der Vater häufig abwesend ist und dann auch noch die Familie zerbricht. Wie es Hermann Hesse und seinen Söhnen Bruno und Heiner "trotz allem Schwierigen" gelungen ist, eine liebevolle, lebenslange Beziehung aufzubauen - davon erzählt dieser Briefwechsel, der fast 300, bislang unveröffentlichte Briefe enthält. Die hier wiedergegebene Korrespondenz setzt Anfang 1920 ein. Zwei Jahre zuvor hatte Hesses erste Frau und die Mutter seiner Kinder, Mia Hesse-Bernoulli, einen psychischen Zusammenbruch und wurde in eine Klinik eingewiesen. In der Folge sah er sich gezwungen, seine Söhne in Obhut zu geben: Der 14-jährige Bruno kam als Pflegesohn zu einem befreundeten Ehepaar, der vier Jahre jüngere Heiner erlebte eine Odyssee durch Kinderheime und Schulinternate. Hesse ist bemüht, trotz der räumlichen Trennung die Entwicklung seiner Söhne mit Rat und Tat zu begleiten. Er geht voller Verständnis auf die Probleme und Lebensentwürfe der beiden Heranwachsenden ein, immer individuell und auf Brunos und Heiners Temperament und Charakter zugeschnitten. In seinen Briefen bestärkt er sie, ihren eigenen Weg zu gehen, und ermuntert sie, die eigenen Anlagen, die sie in sich tragen, weiterzuentwickeln. Dass nicht nur er ihnen hilft, ihren Platz im Leben zu finden, sondern auch sie ihm über die Jahre helfen, sich in seiner Rolle als Vater zurechtzufinden, dokumentiert der Briefwechsel auf ebenso unterhaltsame wie erhellende Weise. Hermann Hesse, geboren am 2.7.1877 in Calw/Württemberg als Sohn eines baltendeutschen Missionars und der Tochter eines württembergischen Indologen, starb am 9.8.1962 in Montagnola bei Lugano. Er wurde 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur, 1955 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Nach einer Buchhändlerlehre war er seit 1904 freier Schriftsteller, zunächst in Gaienhofen am Bodensee, später im Tessin. Er ist einer der bekanntesten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 360
    Erscheinungsdatum: 15.12.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518757857
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 13525 kBytes
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"Mit dem Vertrauen, daß wir einander nicht verloren gehen können"

Briefe

1 Heiner

Rütte, den 16. 2. 1920 1

Lieber Vater!

Vielen Dank für den lieben Brief, den Du mir geschrieben hast. Wie geht es Dir? Wir haben schon ein Pferdlein in unserem Stall. Vor ein paar Tagen fuhren wir mit dem Schlitten aus, was uns sehr Freude machte. [...] Herr Ambühl sagt, wenn Du uns schreibst, so dürfen wir mit unserem Rössli ausfahren. Herr Ambühl hat Bericht bekommen von Basel über die Ausstellung 2 und hat sich sehr gefreut. In der Schule geht alles gut. Wenn Bruno aus der Schule kommt, so schenkt ihm Herr Ambühl eine kleine Werkstatt, wo er allerlei Sachen aus Holz machen kann. [...]

In unserem Haus haben wir sehr viele Tiere, nämlich eine Kuh, ein Pferd, eine Ziege, ein Schwein, zwei Enten, fünf Hühner und einen Hahn, 10 Hasen und eine zugelaufene Katze. [...] Der Hahn kräht immer am Abend um 8 Uhr und nicht am Morgen. Ich und Wolfi 3 haben beide im März Geburtstag, und auch im März werden wir unser Schwein schlachten. Ich freue mich schon jetzt auf den Speck. Viele Grüsse von Deinem Heiner.

Wünsche Dir einen guten Abend!

Die vorangegangenen Briefe des Vaters sind nicht erhalten.

1 Der zehnjährige Heiner und sein dreieinhalb Jahre älterer Bruder Bruno wurden im Januar 1920 beim Erzieher Friedrich Ambühl in Rütte bei Herrischried im Südschwarzwald untergebracht.

2 Hermann Hesse stellte Anfang 1920 erstmals seine Aquarelle in Basel aus.

3 Ein weiterer Zögling.

2

Aus Bruno Hesses Tagebuch 1

Dort [in Rütte] hatten wir nun immer viel Arbeit. Wolfi und Heiner besorgten den Stall, und ich musste kochen. Heiner und ich gingen auf der Rütte in die Schule. Wenn wir von der Schule heimkamen, musste ich in die Küche und kochen, immer Kartoffeln und hie und da Äpfel dazu, etwas anderes gab es selten, höchstens hie und da zum Nachtessen Gersten- oder Haferbrei. Neben diesen Arbeiten mussten wir noch viel anderes tun. [...] Es wäre in der Rütte gewiss sehr schön gewesen, wenn wir bei jemand anderem als bei Ambühl gewesen wären. Aber Ambühl schimpfte immer nur mit uns, und wir konnten ihm nichts recht machen. Mich schickte er oft beim ärgsten Schneesturm nach Herrischried, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre. Manchmal war es spät am Abend und schon dunkel. Wenn viel Schnee war, ging ich mit den Skiern und kam halb erfroren nach Herrischried. [...] Im März kamen Heiner und ich wieder von der Rütte fort. Die Zeit bei Ambühl kam uns wie eine Ewigkeit vor, trotzdem es nur ein Vierteljahr war. [...] Die Mutter kam im März auf die Rütte, um zu sehen, wie es uns gehe, denn schreiben konnten wir nichts, da Ambühl alle Briefe las und auf der Post in Herrischried sagte, sie sollen keine Briefe von uns annehmen, auf denen nicht der Stempel Ambühls war. [...] Die letzte Zeit hatte ich es überhaupt bös bei Ambühl, denn er behauptete, ich hätte der Mutter einen Brief geschrieben, von dem er nichts gewusst hätte. Das war aber gar nicht wahr. Ambühl fragte mich immer, und wenn ich nein sagte, prügelte er mich durch und quälte mich den ganzen Tag, bis ich endlich sagte, ich hätte den Brief geschrieben. Als Heiner und ich einmal allein waren, fragte mich Heiner auch, und ich sagte ihm, ich hätte keinen Brief geschrieben. Heiner sagte das Ambühl, als er von ihm gefragt wurde, da wurde ich noch einmal von Ambühl durchgeprügelt, und dann musste ich jeden Tag von dem Brief hören und wurde von Ambühl so schlecht behandelt wie noch nie. 2

1 Auszug aus dem ersten Tagebuch von Bruno, geschrieben im Juli 1920 auf der Oschwand in Oberaargau. Bruno nannte das Heft "Meine Lebensgeschichte".

2 Nach

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