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Das bittere Brot von Adler, Jeremy (eBook)

  • Erschienen: 18.11.2015
  • Verlag: Wallstein
eBook (PDF)
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Das bittere Brot

Das Dreigestirn H.?G.?Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner gehört zu den interessantesten Exilgruppen der deutschen Nachkriegszeit. Sie schufen eine neue Form engagierter Dichtung, die zwischen Literatur und Politik agierte. Die prekäre Lage des Autors bildete die Basis des Selbstverständnis dieser drei, die es verstanden, trotz der Unterjochung, die sie erfuhren, die Gefahren der modernen Welt zu bannen. Man durchschaute das Grauen der Zeit. Man wehrte sich gegen die Attacken, welche das Jahrhundert mit sich brachte. Man war ausgeliefert. Man litt. Man verlor Identität und Heimat - und doch, man bediente sich der Sprache, um Grenzen auszuloten, Schrecken entgegenzuwirken und die Welt in neuer Form wiederherzustellen.

Jeremy Adler, geb. 1947, ist der Sohn des Schriftstellers H. G. Adler (1910-1988) und Professor Emeritus für Germanistik am King's College London. Er veröffentlichte 1987 eine Monographie zu Goethes "Wahlverwandtschaften' und (mit Ulrich Ernst) den Katalog "Text als Figur. Visuelle Poesie von der Antike bis zur Moderne' (3. Auflage, 1989). Seine Edition der "Dichtungen' von August Stramm erschien 1990, den Roman "Eine Reise' von H. G. Adler edierte er 1999. Mit Richard Fardon gab er eine zweibändige Ausgabe der "Selected Writings' von Franz Baermann Steiner heraus (Oxford und New York, 1999 - auf Deutsch 2008 bei Wallstein unter dem Titel "Zivilisation und Gefahr' erschienen). Außerdem publizierte er mehrere selbständige Lyrik-Bände, darunter "At the Edge of the World' (1994).

Produktinformationen

    Größe: 2420kBytes
    Herausgeber: Wallstein
    Untertitel: H.G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner im Londoner Exil
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 120
    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783835328945
    Erschienen: 18.11.2015
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Das bittere Brot

I.

Die Verbannung ist so alt wie die Gesellschaft selbst. Keine Gruppe kann ohne Abgrenzung existieren. Zu den ältesten biblischen Geschichten gehört die Vertreibung aus dem Paradies. Seitdem lebt der Mensch getrennt von seiner eigentlichen Heimat. Diese Austreibung ist der erste Bruch in der Geschichte. Mit ihr werden Leid und Tod zum Kennzeichen des Menschen. Die Ausweisung hat aber auch einen positiven Sinn. Zwar verliert der Exulant seine Identität, doch kann die Erfahrung des Exils eine neue Zugehörigkeit stiften. So entsteht im Exil der Gründungsmythos des neuen Volkes als Rechtfertigung der Individualität und als Suche nach der verlorenen Heimat. Ebenfalls bedeuten die ägyptische Gefangenschaft und das babylonische Exil sinnstiftende Brüche in der Geschichte des jüdischen Volkes. Wichtige Teile der Bibel stammen aus der babylonischen Gefangenschaft. Die Erfahrung dieses Exils - so bewegend im 137. Psalm besungen - hat das Selbstverständnis der Juden bestimmt. Seither ist der Jude als Wanderer zu begreifen. Er ist ein ewiger Exulant. Das mythische Urbild, demzufolge die Vertreibung einen geschichtlichen Riß markiert, aus dem neue Mythen und eine neue Identität hervorgehen, erscheint in historischer Zeit wieder, in der sich diese archaische Polarität wiederholt. Im klassischen Altertum beklagt Ovid seine Lage, während Seneca die Möglichkeit erkennt, im Exil neue, stoische Tugenden zu entfalten. Die biblischen und klassischen Ideen des Exils verbinden sich in der frühen Neuzeit, da Verbannungen, Ausweisungen und Vertreibungen zum täglichen Leben in Europa gehören. Bezeichnenderweise haben zu Beginn der Renaissance zwei Dichter im Exil - Dante und Petrarca - die moderne Geisteswelt geschaffen. Dante, über den ein lebenslängliches Exil verhängt war, schließt das mittelalterliche Weltbild ab und eröffnet mit seinem Epos den Blick auf die neuzeitliche Literatur. Petrarca, der von sich sagt, er sei im Exil geboren ("in exilio natus sum"), begründet den Humanismus, die tragende Weltanschauung der Neuzeit. So wiederholt sich die mythische Situation im Leben historischer Personen: Der Einzelne, von der Heimat getrennte Dichter, der am Rande der Gesellschaft lebt, bestimmt, was sein Volk in Zukunft denkt und tut. Es dürfen daher Dante und Petrarca als Sinnbilder für das moderne Exil stehen. Was mit ihnen in Italien begann, schlug sich sodann in ganz Europa nieder, z.B. im England des Elisabethanischen Zeitalters, in dem die Verbannung eine bittere soziale Wirklichkeit darstellte. Shakespeares Helden, von Two Gentlemen of Verona bis zu The Tempest - so verstand es auch James Joyce -, erleben häufig die Angst des Exils:

Ha, banishment! Be merciful, say "death",

For exile has more terror in his look

Much more than death. Do not say "banishment".

Das Exil ist das schrecklichste aller Schicksale, denn es stellt, wie Petrarca schon behauptete, eine Form des lebenden Todes dar ("in morte, que exilio similla est"). Romeo, Othello, Hamlet, Coriolan, Prospero - sie alle wissen um den Zustand des Exils. Nirgendwo begegnet einem das Gefühl des schutzlosen Menschen, bzw. der Heimatlosigkeit, schmerzlicher als in King Lear , denn Shakespeare hat mit der Darstellung des "unaccommodated man" den Zustand des Exulanten zur höchsten Potenz gesteigert. Werden andere Figuren Shakespeares in die Verbannung gejagt, wird hier das innere Exil - das Los des abgedankten Königs im eigenen Land - in seiner ganzen Tragik entfaltet. Dieses kaum zu ertragende Leiden wird in der Folge zum Los der Menschheit. Was Shakespeare als das Schicksal von Einzelnen beschreibt, erlitten in der Geschichte ganze Völker. Schon Romain Rolland sprach von der Reformation als von einer "zweiten Sintflut", da ganze Züge von Flüchtlingen in Bewegu

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