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Der Honigsammler Waldemar Bonsels, Vater der Biene Maja von Viel, Bernhard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.02.2016
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Der Honigsammler

In einem wohlbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit ... Noch immer schwirrt seine Biene Maja durch jedes Kinderzimmer, in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war er einer der meistgelesenen Schriftsteller überhaupt, seine Bücher fanden sich im Tornister eines jeden Soldaten: Waldemar Bonsels, der Schöpfer der vorwitzigen Biene, ist heute der wohl unbekannteste deutsche Bestsellerautor. Diese erste Biografi e folgt Bonsels auf seiner Suche nach dem süßen Leben in den letzten Jahren des Kaiserreichs ins Zentrum der Münchner Boheme. Sie erzählt, wie er, inspiriert von Heinrich Mann, an der Seite von Frank Wedekind und Lion Feuchtwanger gegen die bürgerlichen Konventionen aufbegehrte und seine abenteuerlustige Maja erschuf. Und sie zeigt, wie sich der Erfolgsschriftsteller schließlich dem Regime der Nazis andiente und nach dem Krieg mit einem Publikationsverbot belegt wurde. So rückt auch seine "Biene Maja" in ein neues, düsteres Licht: Entpuppt sich das Buch am Ende als Lehrstück der Naziparole "Gemeinnutz geht vor Eigennutz"? Bernhard Viel liefert nicht nur eine Antwort auf diese Frage, ihm gelingt dabei auch ein großartig ausgepinseltes Epochenpanorama mit dem zeittypischen Portrait eines radikalen Opportunisten sowie die Klärung des anhaltenden Erfolgs der "Biene Maja".

Bernhard Viel, 1958 in München geboren, ist promovierter Literaturwissenschaftler und lebt als freier Autor in Berlin und München. 2001 erhielt er den Förderpreis des "Berliner Preises für Literaturkritik". Er verfasste u. a. Biografien der Schriftsteller Johann Peter Hebel und des Historikers Egon Friedell.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 445
    Erscheinungsdatum: 03.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957571991
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 4602 kBytes
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Der Honigsammler

I
Vorspiel am Bahnhof

War er wirklich ihretwegen zurückgekommen?

Sicher, er freute sich, sie wiederzusehen.

Er hatte oft an sie gedacht in diesen Monaten. Und als er durch die Fieberträume seiner Malariaanfälle schauderte, hatte ihn Sehnsucht nach ihr, nach zu Hause erfasst. Teta jedenfalls wird er die Sache so erzählen, dass sie glauben musste, es habe ihn nicht vor allem die Malaria und der Streit mit den Vorgesetzten aus Cannanore fortgetrieben. Er hätte ja, nachdem er sich von der Mission verabschiedet hatte, noch wochenlang, monatelang auf eigene Faust den Dschungel durchstreifen können. Er tat es nicht. Er kehrte zurück, in Tetas Arme.

So wird er Teta, wie sie Kläre alle nannten, die Sache schildern. Er wird liebenswürdig sein, zärtlich, begeistert, herrisch. Er wird sie mit Liebesschwüren überschütten, ihr stürmisch seine Leidenschaft offenbaren, er wird seinen Charme entfalten, diesen mit einem Hauch von Herablassung untermischten Charme, mit dem er mühelos auch Tetas Freundinnen gewonnen hatte.

Und war nicht auch Indien ein Siegeszug gewesen? Hatte er sich dort nicht bewährt und gezeigt, dass er sich durchsetzen, seinen eigenen Weg gehen konnte? Er war ein Mann, ein Abenteurer, weitgereist, welterfahren. Die anderen kannten nur Barmen, das Städtchen im Rheinland, Insel des Pietismus, Zentrum der Inneren Mission. Allerdings, das musste er ihnen zugestehen, sie kannten jetzt auch München, die Stadt der Boheme, der jungen Kunst. Doch über die Grenzen des Reichs waren sie nie hinausgedrungen. Er aber hatte, wahrhaftig, unglaubliche Geschichten zu erzählen, märchenhafte Geschichten!

Er sah aus dem Fenster. Der Zug hatte seine Fahrt verlangsamt. Gemächlich zogen langgestreckte, aus Klinkern aufgemauerte Speicher vorbei, Verladerampen der Brauereien, Schuppen, die sich zu beiden Seiten des breiter werdenden Gleisbetts hinzogen. Schon glitten die Waggons unter der Brücke mit ihrer stählernen Wellenkonstruktion hindurch, an deren Streben sich die Dampfschwaden brachen. Gleich wird er am Ziel sein.

Nein, er war nicht nur Tetas wegen zurückgekommen. Gewiss, er begehrte sie. Und sie war ihm ergeben, seinem sanften Dichterblick aus wasserblauen Augen.

Und den anderen, den Feind, den Konkurrenten, hatte er ausgestochen, eine Genugtuung, und umso tiefer, als, das musste er sich insgeheim eingestehen, der andere Talent hatte. Frech, eitel, durchglüht von seiner Sendung, maßlos hatte der andere Teta ungeniert umgarnt, obwohl längst alle wussten, dass Teta ihm versprochen war, ihm, dem dichtenden Kaufmann. Gleich war ihm dieser Kerl zuwider gewesen, und doch beneidete er ihn für seinen frühen Erfolg, aber das lässt er sich nicht anmerken. Gleich mit den ersten Gedichten hatte der andere als Prophet eines neuen Stils gegolten, jung, voller Pathos, flammend: "Im Mittag stand, als Julian fiel, Apostata, die Sonne" - das war neu, das war unerhört, und daraus klingt, es ist nicht leugnen, daraus klingt eine leidenschaftliche, zergrübelte Inbrunst. Bei allem Überschwang pulst in diesen Versen helle, gebändigte Kraft: "Das war mein Traum: daß / Jauchzend sich die Jugend zu mir stellte, / Daß in den Augen ein Leuchten sei wie / Von Schwertertanz im Licht." Auch in München hatte er, der Konkurrent, sogleich einen Kreis junger Verehrer um sich geschart. Tetas Bruder, sein ihm innig verbundener Freund, sein Bruder im Geiste, gehörte zu seinem Leidwesen auch dazu. Aber er würde dem Verhassten seine Künste abschauen, die Wortverstellungen, die gebrochenen Verse, würde sich nehmen, was er brauchen kann. Und irgendwann würde er ihn, diesen Schickele, überflügeln.

Er wusste, weshalb er zurückgekommen war. Er war gekommen, um sich zu rächen.

Der Zug rollte jetzt im Schritttempo, schlingerte ächzend über Weichen. Er drehte sich vom Fenster weg, setzte den Tropenhut auf, der ihm auch hier, an der Isar, verteufelt gut stand. Auch passte der Hut vortrefflich zu der kha

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