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Der Schmuggel über die Zeitgrenze Erinnerungen von Noll, Chaim (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.04.2015
  • Verlag: Verbrecher Verlag
eBook (ePUB)
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Der Schmuggel über die Zeitgrenze

Im ersten Band seiner Erinnerungen beschäftigt sich Chaim Noll mit seiner Kindheit im geteilten Berlin. Noll, der vor zwanzig Jahren nach Israel auswanderte und heute in der Wüste Negev lebt, wuchs in Ost-Berlin auf, als Sohn des bekannten DDR-Schriftstellers Dieter Noll, der zur privilegierten Führungsschicht des Landes gehörte. Doch nur vordergründig ist dieser Band eine Auseinandersetzung mit dem politischen System im Osten Deutschlands, gegen das Noll als junger Mann opponierte, bis er im Winter 1983 - nach Versuchen der Staatssicherheit, sich seiner Manuskripte zu bemächtigen - sein erstes Buch von Diplomaten in den Westen schmuggeln ließ und selbst einen Ausreiseantrag stellte. Vor allem erzählt Noll die Geschichten von Menschen, prominenten und unbekannten, denen er im damaligen Berlin begegnete, und erinnert an die aufregende Geschichte seiner Geburtsstadt, die er noch heute für ihren Überlebenswillen bewundert. Nolls Erinnerungen sind spannend, zugleich warmherzig erzählt, klar formuliert und frei von Betulichkeit.

Chaim Noll wurde 1954 unter dem Namen Hans Noll in Ost-Berlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Dieter Noll. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ost-Berlin, bevor er Anfang der 1980er-Jahre den Wehrdienst in der DDR verweigerte und 1983 nach West-Berlin ausreiste, wo er vor allem als Journalist arbeitete. 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be'er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland. Veröffentlichungen, u. a.: 'Der Abschied' (1985), 'Berliner Scharade' (1987), 'Der goldene Löffel' (1989, Neuausgabe im Verbrecher Verlag 2009), 'Nachtgedanken über Deutschland' (1992), 'Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel' (mit Lea Fleischmann, 2006). Im Verbrecher Verlag erschienen die Romane 'Der Kitharaspieler' (2008), 'Feuer' (2010), 'Die Synagoge' (2014) sowie der Erzählungsband 'Kolja. Geschichten aus Israel' (2012).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 02.04.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957321039
    Verlag: Verbrecher Verlag
    Größe: 622 kBytes
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Der Schmuggel über die Zeitgrenze

Der Schmuggel über die Zeitgrenze

In meiner Kindheit war viel von Polen die Rede - von dort stammen die meisten meiner Urgroßeltern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts müssen sie eingewandert sein. Viel konnte ich nicht darüber in Erfahrung bringen, in der Familie herrschte ein Hang zum Verschleiern des Vergangenen.

Die Eltern meiner Berliner Großmutter kamen als junge Leute nach Berlin, die Stadt verkörperte damals Hoffnung und Zukunft, wie das ganze Deutsche Reich der siebziger, achtziger Jahre, eben durch einen sensationellen Sieg über Frankreich zustande gekommen, im wirtschaftlichen Aufschwung, eine kommende europäische Macht. Erst damals fand Berlin seine eigentliche Gestalt. Die neue Reichshauptstadt erlebte einen "Bauboom", dehnte sich aus, es gab Arbeit, von überall strömten junge Menschen herbei, um ihr persönliches Glück auf das der Stadt zu gründen.

Die meisten Berliner waren von "auswärts", noch heute erinnern viele Berliner Familiennamen an die polnische, schlesische, tschechische, jüdische Herkunft. Meine Urgroßeltern, wie viele andere, lösten sich aus ihrer früheren Identität, um in eine neue zu schlüpfen. Sie bemühten sich darum, "richtige Berliner" zu werden, Deutsche von der neuen, aufsteigenden Art. In ihren Kreisen betrug man sich "anständig", das hieß zurückhaltend und dezent. Der Erwerb höherer Bildung war mühsamer als heute und galt als Ideal. Über bestimmte Dinge wurde einfach nicht gesprochen, zum Beispiel über Sex oder darüber, wie viel oder wenig Geld man hatte. Man erzählte auch nicht jedem, woher man kam, und Polen gehörte nicht zu den Herkunftsländern, die viel Eindruck machten.

Meine Großmutter wurde schon in Berlin geboren, genau zur Jahrhundertwende. Der junge Mann, den sie in Berlin kennenlernte, mein Großvater, war Schweizer, in ihren Augen "eine gute Partie". Er kam aus Basel und arbeitete als Ingenieur für eine im Aufstieg befindliche deutsche Firma. Die Schweizer Staatsbürgerschaft, die Schweizer Beziehungen erwiesen sich später als lebensrettend. In das brünette Fräulein "mit den sprechenden Augen", wie meine Berliner Großmutter sich selbst als junge Frau beschrieb, verliebte er sich bei den allmorgendlichen Begegnungen auf einer Brücke über die Spree - eine "Straßenbekanntschaft", wie seine Schweizer Schwestern, Cousinen und Tanten mit spürbarer Missbilligung anmerkten. Meine Großmutter lachte darüber. Sie war ihrem angehenden Ehemann nur deshalb jeden Morgen auf der Brücke begegnet, weil sie schon als junge Frau "tüchtig", das heißt berufstätig war. Sie arbeitete in Wolffs Telegraphischem Büro als Dolmetscherin für Englisch und Französisch, und war darauf sehr stolz.

Die Familie meines Vaters stammt aus Sachsen und Schlesien. Die väterlichen Großeltern, nach Verfolgung und mehrfachen Umzügen, lebten in Chemnitz. Mein Vater wurde etwa zwei Jahre vor meiner Geburt von der Universität Jena nach Berlin geholt, um Redakteur der Zeitschrift Aufbau zu werden. In der Redaktion lernte er meine Mutter kennen, die dort nach dem Abitur als Volontärin arbeitete. Als ich geboren wurde, war meine Mutter zwanzig, mein Vater siebenundzwanzig Jahre alt - für heutige Verhältnisse junge Eltern. Ich war ihr erstes Kind und wurde an einem heiteren Sommertag, dem 13. Juli 1954, gegen neun Uhr morgens im Krankenhaus Friedrichshain in Berlin geboren. Nach Auskunft meiner Mutter wog ich achteinhalb Pfund und maß vierundfünfzig Zentimeter, ein großes, kräftiges Baby. Fotos zeigen mich fast immer guter Laune. Ich hatte allen Grund dazu: Seit dem ersten Tag umgaben mich Liebe und Wohlwollen - jetzt, wo ich da war. Vor meiner Geburt hatte es Kämpfe in der Familie gegeben, ob ich überhaupt zur Welt kommen sollte. Doch davon erfuhr ich erst später. Mein Vater fuhr mit der S-Bahn in den Westen der Stadt, um Alete Babykost für mich zu kaufen, Bananen, Orangen und

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