text.skipToContent text.skipToNavigation

Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben. Tractatus logico-suicidalis von Burger, Hermann (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.02.2014
  • Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
eBook (ePUB)
19,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben. Tractatus logico-suicidalis

Hermann Burger war, allem voran in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung, ein wortreicher Erläuterer des eigenen schriftstellerischen Werks. Minutiös und erhellend berichtet er über seine Arbeitsmethoden, seine An- und Einsichten zur Schweiz und über die Recherchen zu seinen literarischen Texten, er reflektiert die Existenzform des Schreibens und schließlich, in seinem berühmten Traktat, das in Form von Aphorismen aufgebaut ist, über das Verhältnis von Kunst, Tod und Leben.

Hermann Burger, geboren 1942 in Aarau/Schweiz, studierte Germanistik und promovierte mit einer Arbeit über Paul Celan. Bereits als Student debütierte er 1967 mit der Gedichtsammlung Rauchsignale. Sein vielbeachteter erster Roman Schilten erschien 1976. Burger war außerdem Privatdozent für Neuere Deutsche Literatur und Feuilletonredaktor. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet. 1989 starb Hermann Burger auf Schloss Brunegg im Aargau an einer Überdosis Medikamente.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 392
    Erscheinungsdatum: 03.02.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783312006205
    Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
    Serie: Werke
    Größe: 2779 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben. Tractatus logico-suicidalis

WAS MIR DIE RÜEBLILÄNDER
METROPOLE BEDEUTET

Ein lokalpolitisches Feuilleton

Kürzlich wurden ein paar Aargauer Autoren von der Redaktion des Badener Tagblatts aufgefordert, sich zum Stichwort "Baden" zu äußern, in freier, improvisatorischer Art, was mich denn auch dazu reizte, dem Badener Stadtrat die Schaffung eines poetischen Stadtschreiberpostens zu anempfehlen, aber natürlich kann es nicht in Frage kommen, die Bäderstadt, in deren Schwefeluntergrund ich fragmentarische Reste der europäischen Bordellkultur mehr rieche als vermute, einfach so anzuschwärmen, ohne Aaraus zu gedenken, denn schließlich verdanke ich der Stadt der schönen Giebel mehr als Baden, so viel, dass endlich wieder einmal eine Liebeserklärung fällig ist, dies 16 Jahre nach meinen "Blauschwarzen Liebesbriefen", neu aufgelegt im soeben erschienenen Band Als Autor auf der Stör .

Als ich die Bezirksschule in Menziken absolviert hatte, woll-te ich eigentlich, meinem ursprünglichen Talent folgend, in ein graphisches Atelier eintreten und den Beruf eines Graphikers lernen, was ein psychologischer Berufseignungstest in Zürich verhinderte, es gehe, so meinten die Kapazitäten, nicht ohne Mittelschule, also gab ich dem Ruf nach Aarau nach und wohnte als möblierter Studiosus in jener Stadt, in der ich am 10. Juli 1942 um 6.45 Uhr das Licht der Welt erblickt hatte, notfallmäßig, als völlig verquerte Zangengeburt, so aber in den Genuss meines ersten Maienzugs kam, der zunächst nach dem Schönwetterprogramm, gegen Abend eines verheerenden Hagelschlages wegen gemäß der Schlechtwettervariante ablief, die Natur meldete sich also elementar zu Wort, nicht minder elementar als vor fünf Wochen, als ein Blitz in mein Dachstudio auf Brunegg einschlug und mich nur verfehlte, weil ich mein Kolleg an der ETH hielt. Weil ich hier zur Welt kam, ist und bleibt Aarau für mich im höheren Sinne eine "Weltstadt", mondialer als Paris, London und Rom.

Zu Hause im Menziker Park an schönen Sommerabenden, wenn sich stumpenländisch provinzielle Langeweile breitmachte und wir beim Genuss einer Havanna fragten, was unternehmen wir jetzt, schlug ich immer wieder einen Ausflug nach Aarau vor. Mein Vater lachte dann und fragte: "Was um Himmels willen zieht dich nach Aarau?" Meine Familie war allenfalls nach "Luzern ie", wie es mundartlich heißt, nach "Züri use", aber nicht nach "Aarou abe" zu locken. Aarau war eben, was die Eltern wohl wussten, aber nicht teilten, meine "Studierstadt", lange vor Zürich und Berlin, deshalb rangiert sie auch heute noch vor diesen vermeintlich so viel attraktiveren Konkurrentinnen. Aarau, das war auch der "erste Kuss" im Rathausgarten, dargeboten von einer Coiffeuse-Lehrtochter, die, bevor sie ans Werk ging, den Kaugummi aus dem Mund nehmen musste. Was Wunder, dass der Kuss weniger nach Odol als nach Bazooka schmeckte, dass ich fortan Bazooka stangenweise schiggte, dass ich auch heute noch darauf bestehe, mir die Haare von weiblicher Hand schneiden zu lassen, dass Frisiersalons für mich etwas zutiefst Erotisches haben, darin sogar die ominösen Massage-Etablissements übertreffend. Was Wunder, dass kein späterer auch noch so blonder Kuss diesen Urkuss übertroffen hat, seine Süßigkeit, sein Ambra wird vielleicht dann noch einmal anklingen, wenn wir in einem Klinikbett – aber bitte nicht in der Schwarzwaldklinik – die schon dürren Lippen zum letzten Mal spitzen, das Leben liebt solche Symmetrien.

Aarau, das war der Schachen, war ein Handballfeld, auf dem sich in den fünfziger Jahren anlässlich vo

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen