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Die Immunität der Klassik von Zumbusch, Cornelia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.12.2011
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Die Immunität der Klassik

Die deutsche Klassik konstituiert sich auf der Schwelle zum 19. Jahrhundert: Mit den Programmen einer "tragischen Impfung" und der Entsagung als "Affektprophylaxe" proben Schiller und Goethe die Abwehr hypertropher Gefühlswelten. Dabei bewegen sich ihre Modelle auf der Höhe der zeitgenössischen Debatten um die Impfung, die Luhmann als Symptom für die Herausbildung sozialer Immunsysteme, Foucault als Übergang zur biopolitischen Moderne sieht. Tatsächlich entwerfen Schillers Dramen des Erhabenen und Goethes Entsagungsnarrative Szenarien der problematischen Sicherung politischer Gemeinschaften. Cornelia Zumbuschs Studie beschreibt die Immunisierungsphantasien der Klassik deshalb als Schauplatz ästhetischer und politischer Umbrüche, in denen sich gerade ihre Modernität zeigt. Eine faszinierende neue Sicht auf eine der großen Epochen der europäischen Literatur- und Kulturgeschichte. Cornelia Zumbusch ist Vertretungsprofessorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 372
    Erscheinungsdatum: 14.12.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518759509
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1433 kBytes
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Die Immunität der Klassik

21 Erstes Kapitel
Übertragungen zwischen Medizin, Moral und Ästhetik

1.1?Affektprophylaxe: Immunität als ethisches Ideal

Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wo ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war, und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag! Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. ?[1]

Zur Erzählung dieser erstaunlichen Tatsache läßt sich Goethe durch Louis-Antoine Fauvelet de Bouriennes Bericht vom Besuch Napoleons bei Pestkranken anregen. Goethe deutet Napoleons wunderbare Immunität, die im Volksglauben als Indiz des von Gott bestimmten Herrschers gilt, als Werk des moralischen Willens. Der gottgegebene Schutz des Souveräns wird zur Immunität des selbstbeherrschten Individuums, das schädliche Einflüsse durch seine schiere Willenskraft abzuwehren weiß. Goethes Gleichsetzung von physischer Immunität und den Körper "gleichsam" panzernder psychischer Willenskraft verbindet die Bereiche des Seuchenschutzes und der Affektabwehr in einem assoziativen Sprung, der sich in Reprisen und Revisionen des Stoizismus diskursiv vorbereitet. Denn trotz der aufgeklärten und insbesondere der empfindsamen Kritik am barocken Neostoizismus hat sich das stoische "Problem der Immunität" ?[2] auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht erledigt.

Stoische Apathie und Unempfindlichkeit geraten zwar um die Mitte des 18. Jahrhunderts in den Schatten der aufgeklärten Gefühlskultur. So ruft La Mettrie im Zeichen des Sensualismus in 22 seinem Discours sur le bonheur eine Art sinnlicher Utopie aus und verwirft den Stoizismus als lebensfeindliche Körpervergessenheit, mit der sein fröhlicher Materialismus nichts zu schaffen haben möchte. ?[3] Lessing verbannt in seiner Laokoonschrift mit der griffigen Generalisierung, alles Stoische sei untheatralisch, die stoische Unempfindlichkeit aus der Ästhetik. ?[4] Ideen- und ästhetikgeschichtliche Untersuchungen gehen deshalb davon aus, daß die Orientierung an der Stoa mit dem philosophischen Sensualismus und Materialismus obsolet geworden sei. An dessen Stelle habe das Zeitalter der Aufklärung, besonders in seinen empfindsamen Ausprägungen, einen Epikureismus gestellt, der das fühlende Individuum von den strengen Einsprüchen der stoischen Affektbeherrschung befreit. ?[5] Tatsächlich wendet sich das Zeitalter der Vernunft verstärkt der sinnlichen Natur des Menschen mit seinen Empfindungen und Gefühlen, Trieben und Leidenschaften zu. Mit der Anthropologie als zugleich philosophischer und medizinischer Wissenschaft vom Menschen stecken sich die "philosophischen Ärzte" des 18. Jahrhunderts ein Terrain ab, auf dem die Beschäftigung mit dem "ganzen Menschen" als sinnlich-vernünftigem Doppelwesen betrieben wird. ?[6] Während Descartes die Leidenschaften im Rahmen der Ethik lediglich als perturbationes animi auffaßt und dementsprechend zur Herrschaft der Vernunft über die Affekte anleitet, begreift man sie im 18. Jahrhundert als irreduziblen Impuls und Antrieb des Denkens wie auch des Handelns. ?[7] Der gefühllose 23 Stoiker mit dem versteinerten Herzen wird zum Schreckbild einer Ethik, die mit der Weichherzigkeit des mitleidigen Menschen rechnet: Empathie und Apathie schließen einander aus.

Mit der moralischen Aufwertung des Gefühls bilden sich neue Darstellungs- und Erzählformen heraus, die von Lessings Mitleid

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