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Die Schnitzlers Eine Familiengeschichte von Jacobi, Jutta (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.09.2014
  • Verlag: Residenz
eBook (ePUB)
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Die Schnitzlers

Die große Geschichte einer der faszinierendsten Familien des 19. und 20. Jahrhunderts Ein Leiterwagen und die Untreue einer schönen Buchhändlers Tochter setzten ihn in Bewegung: Jutta Jacobi erzählt von Johann Schnitzler, dem begabten Sohn eines armen jüdischen Tischlers aus Nagykanizsa, der ein berühmter Arzt in Wien wurde. Von seinem Sohn Arthur, der sich vom Erotomanen zum Moralisten wandelte. Von dessen Frau Olga, der reuevollsten Geschiedenen aller Zeiten. Von Lili, die an der Seite eines faschistischen Offiziers ihr Glück nicht fand. Von Heinrich, der 1938 nach Amerika emigrieren musste. Von Arthurs Enkeln Peter und Michael, die sich von den Lasten der Vergangenheit befreiten. Von der Urenkelin Giuliana, die auf dem Zentralfriedhof die Gräber mit Steinchen schmückt. Es ist die Geschichte von Sehnsucht, dem Geschenk des Humors und dem Wandel der Perspektiven im Verlauf der Geschichte.
Jutta Jacobi geboren 1955, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in München. In Wien absolvierte sie eine Ausbildung zur Feldenkrais-Pädagogin. Sie lebt, schreibt und unterrichtet in Hamburg. Ihr Radiofeature 'Der Reigen zu Rad' ist eine Hommage an Arthur Schnitzler zu dessen 150. Geburtstag. Zuletzt erschienen: 'Zarah Leander. Das Leben einer Diva' (2006).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 30.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701744848
    Verlag: Residenz
    Größe: 1950kBytes
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Die Schnitzlers

Prolog:
Diesmal die praktischen Schuhe

Zentralfriedhof, Tor I. Giuliana Schnitzler trägt einen grünen Mantel an diesem kühlen Vorfrühlingstag, apfelgrün. Das passt zu ihren rotblonden Haaren, die vielleicht ein Erbteil ihrer irischen Vorfahren sind, der mütterlichen Vorfahren. Die väterlichen liegen hier. Links der schnurgeraden Hauptallee sind die Gräber mit den christlichen Symbolen, rechts davon die riesige jüdische Totenstadt: "Bet Kevarot", der Ort der Gräber. Wir halten uns rechts, spazieren vorbei an den prunkvollen Grabmälern im Geschmack der Gründerzeit - verwittert, bemoost, von Baumwurzeln in Schiefstand gebracht. Manche der Inschriften sind in hebräischen Buchstaben abgefasst, die meisten aber auf Deutsch. Hier liegt das assimilierte jüdische Wien des 19. Jahrhunderts. Die Gräber zeigen, wie sie gesehen werden wollten: tatkräftige Männer, tugendsame Gattinnen, "beweint von ihren untröstlichen Söhnen und Töchtern". Ihre Verdienste sind in Stein gemeißelt, die Kehrseite hat Arthur Schnitzler beschrieben. Giulianas Urgroßvater.

Ich schiele auf ihre Schuhe: Sie hat natürlich praktische Schuhe an den Füßen, wie jeder vernünftige Mensch für einen Spaziergang über den Zentralfriedhof. Ich auch. Die Frage der angemessenen Fußbekleidung für diesen Anlass beschäftigt mich, seitdem ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal zu Schnitzlers Grab gepilgert bin. Eine Wiener Kaffeehausbekanntschaft hatte mich und meine karierten Wollstrümpfe ungnädig gemustert: "Wenn du zu Arthur Schnitzler gehst, zieh dir andere Strümpfe an." Der Mann meinte wohl, diese Geste sei ich dem Frauenliebhaber Schnitzler selbst posthum noch schuldig.

Damals war ich Studentin der Germanistik in München. Bei den ersten Schnitzler-Lektüren - Liebelei, Reigen, Anatol - hatte es mich erwischt. Dieser federleichte beunruhigende Ton. Etwas an seiner Art, die Welt zu sehen und zu beschreiben, leuchtete mir unmittelbar ein. Seine Skepsis, seine Wahrheitsliebe, seine analytische Schärfe, seine Melancholie, seine permanent fehlschlagende, aber umso beharrlichere Sinnsuche im Sinnlichen. Und sein Humor! Jedenfalls durch diesen unterschied er sich von Freud, der ihn als seinen Doppelgänger betrachtete. Ich fuhr damals mit der Straßenbahn zum Zentralfriedhof, kaufte eine gelbe Rose und legte sie auf das Grab. Zwei Namen standen auf dem schlichten dunklen Stein, nicht drei, wie heute: Arthur Schnitzler (1862-1931) und Dr. Julius Schnitzler (1865-1939), dazu etwas Hebräisches, das ich nicht lesen konnte. Arthurs Sohn Heinrich lebte noch und war in Germanistenkreisen für die unermüdliche Freundlichkeit bekannt, mit der er Fragen zu seinem Vater und dessen Werk beantwortete. Trotzdem, ich hätte mich nie getraut, ihn zu behelligen, auch als ich später eine Magisterarbeit schrieb, in der es um Arthur Schnitzlers Sprachskepsis ging. Manchmal dauert es Jahrzehnte, bis man Fragen stellen kann.

Giuliana Schnitzler ist in den USA geboren. Ihr Vater Peter war ein Jahr alt, als die Familie aus Österreich vertrieben wurde, und er blieb in Los Angeles, auch als seine Eltern Heinrich und Lilly nach Wien zurückkehrten und den jüngeren Bruder Michael mitnahmen. Für das Experiment Europa entschied er sich erst später. Europa oder Amerika? Giuliana fühlt sich auf beiden Kontinenten zu Hause. Als Kind hat sie viel Zeit im großelterlichen Haus in Wien verbracht. Für sie gab es kein Entweder-oder, sondern immer nur ein Sowohl-als-auch. Gleichwohl, sie hat eine Entscheidung getroffen. Anfang der Neunzigerjahre verließ sie New York und ihren Job in der Filmbranche, um in jener Stadt zu leben, die wie ein Magnet auf sie wirkte: Wien und Schnitzler, das passt gut zusammen. In Wien hat kein Mensch ein Problem damit, diesen Namen auszusprechen, ohne sich dabei die Zunge zu verrenken.

Giuliana Schnitzler mag Friedhöfe, genauso wie ich. Manchmal zieht sie mit Eimern, Bürste

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