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Die Stunde der Welt Fünf Dichter - ein Jahrhundert: George - Hoffmansthal - Rilke - Trakl - Benn von Schirrmacher, Frank (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2017
  • Verlag: Blessing
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Die Stunde der Welt

Frank Schirrmacher erkundet die Bedeutung von Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und Gottfried Benn, deren ästhetische Errungenschaften die literarische Moderne prägten und bis heute nachwirken. 'Diese fünf Dichter sind Erscheinungsformen jenes Ausbruchs an Begabung, Energie und eines auf Totalität zielenden Verlangens, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte. Sie waren Entdecker, Eroberer, Besitzergreifer - und zwar in einer Vollständigkeit, die noch heute die Kunst zu lähmen scheint. Dergleichen hat es später nie wieder gegeben.' Frank Schirrmacher. Frank Schirrmacher, Jahrgang 1959, Studium in Heidelberg und Cambridge, Promotion. Seit 1994 war er einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2004 sagte er dem Altersrassismus den Kampf an - für sein Buch Das Methusalem-Komplott erhielt er u. a. den Corine-Sachbuch-Preis und die Auszeichnung Journalist des Jahres 2004. Mit Minimum landete er 2006 erneut einen publizistischen Coup und setzte das Thema des Jahres. 2007 erhielt er als erster Journalist den Jacob-Grimm-Preis-Deutsche-Sprache und wurde 2009 mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnet. 2009 erschien bei Blessing Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen und 2013 Ego. Das Spiel des Lebens. Frank Schirrmacher verstarb am 12. Juni 2014 in Frankfurt am Main.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 09.05.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641208141
    Verlag: Blessing
    Größe: 12074 kBytes
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Die Stunde der Welt

Einleitung

DIE EROBERUNG DES MONDES ODER EINE ANEKDOTE ÜBER DEN KUNSTWILLEN

K afka träumte davon, seine Sätze so gegen die Welt zu richten, dass sie wie ein unverrückbar gegen den leeren Himmel gestelltes Teleskop geduldig auf die lang vorausberechnete Erscheinung warten. So wie Kafkas Teleskop scheint uns die literarische Vergangenheit der ersten Jahrhunderthälfte zu erfassen. Denn bis heute prägt sie nicht nur unsere Imagination und Phantasie, sondern sie scheint auch die nachfolgenden Künstler seltsam abhängig und unfrei gemacht zu haben. Vieles spricht dafür, dass wir uns am Ende des 20. Jahrhunderts noch immer im Gesichtskreis des Fin de Siècle befinden.

Die fünf Dichter, die in den folgenden Stücken gestreift werden, sind Erscheinungsformen jenes Ausbruchs an Begabung, Energie und eines auf Totalität zielenden Verlangens, der die erste Hälfte des 20. Jahrhundert prägte. Sie waren Entdecker, Eroberer, Besitzergreifer - und zwar in einer Vollständigkeit, die noch heute die Kunst zu lähmen scheint. Dergleichen hat es später nie wieder gegeben. Vielleicht, so eine der geläufigen Thesen, weil der Wille, der sich darin artikulierte, diskreditiert und unglaubwürdig geworden ist. Sie, die nach den Worten Georges, den "Stern" erobern wollten, waren Kinder einer Zeit, die uns Heutigen fremd und in ihren Motivationszusammenhängen unverständlich erscheint. Ehe man von der Größenphantasie der seit 1868 geborenen Generation redet, von ihren Versmonden und literarischen Sternbildern, den unerreichbaren Zielen, die sie wie die nächste Straßenbahnhaltestelle in ihren Blick nahmen, könnte es hilfreich sein, die Größenphantasie ihrer Zeit zu mustern.

In einer der seltenen poetischen Stellen der Kritik der reinen Vernunft vergleicht Kant sich mit einem Landvermesser, der auf große Seefahrt geht, um einen Ort zu suchen, den er womöglich nie erreichen wird. Das Land des reinen Verstandes habe er jetzt gemeinsam mit dem Leser kartographiert, und nun führe er ihn auf das Meer ("dem eigentlichen Sitze des Scheins"), "um es nach allen Breiten zu durchsuchen, und gewiss zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei". Kants Vermessungs- und Navigationsmotiv steht in der unabsehbaren Kette der Expeditions- und Eroberungsmetaphern, die aus der Lebenswelt in die Wissenschaften und Künste eindringen und bald keinen seiner Nachfolger mehr loslassen. Mitte des 19. Jahrhunderts beginnen die Künstler, gleichsam als Funktionäre einer romantischen Universalkartographie, die Welt ein letztes Mal zu vermessen. Sie koalieren mit der Wissenschaft. Sie erobern sich fremde Gebiete, beanspruchen die Herrschaft, beginnen mit der Topographie der Seele, jagen den weißen Flecken nach, und, wenn diese getilgt sind, dem auf- und abtauchenden Schimmer Moby Dicks, bis am Ende, wenn schon gar nichts mehr zu sagen übrig zu sein scheint, auch das noch gesagt wird, wenn im Bilde von Kafkas Schloss der Landvermesser K. den Sitz des Scheins neu bestimmt und die Geschichte all dieser Entdeckungen und Eroberungen als Satyrspiel den Abschluss findet.

Der Eingeborene, der als erster das Schiff des Kolumbus am Horizont auftauchen sah, machte eine furchtbare Entdeckung. Lichtenbergs berühmter Satz ist aus der Perspektive desjenigen gesprochen, der im Augenblick seiner Entdeckung seine eigene Geschichte verliert. Am Ende des 20. Jahrhunderts müssen wir uns eingestehen, dass es nicht nur einen Kolonialismus des Raumes, sondern auch einen der Zeit gibt. Die Vorstellungswelt der Gegenwart ist von der Vergangenheit besetzt und annektiert, ganze Kontinente der Phantasie und Einbildungskraft sind von ihr ausgebeutet worden. Jetzt zeigt sich, welchen Preis es kostet, eine Jahrhundertwende zu erleben, an dessen Anfang eine visionäre und vorausdeutende Kunst stand. Sie hat, wie einst die Astronomie bei der Bestimmung der Planetenbahnen, scheinbar jede künftige Bewegung und jede Revolutio

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