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Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein Tagebücher von Amanshauser, Gerhard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.10.2012
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein

Ein Meister im Staunen, eine Null im Glauben: die Zeitgenossenschaft eines Unzeitgemäßen. 'Ich war ein Meister im Staunen und eine Null im Glauben', schrieb er einmal über sich selbst. In dieser Haltung, gleichermaßen offen und radikal skeptisch, richtete er sich über Jahrzehnte auf seinem Beobachtungsposten ein, einem Haus am Hang des Salzburger Festungsbergs, zurückgezogen, aber nicht isoliert, abgekehrt, aber alles andere als gleichgültig. Mit Scharfsinn und Schärfe, verspielt in seinem Witz und kompromisslos in seiner Ernsthaftigkeit bezeugte er seine Haltung - gegen allen Dogmatismus, gegen Banalität und Größenwahn. Davon spricht jedes seiner Bücher, aber ganz besonders die bisher unveröffentlichten Tagebücher, die jetzt endlich in einer Auswahl vorliegen. Betrachtungen und Selbstbetrachtungen, wach, gereizt, brillant, höhnisch, verträumt und schonungslos bis zu dem Punkt, an dem die Parkinson-Erkrankung ihr Zerstörungswerk beginnt. Dieses Buch macht auf bedrückende wie beglückende Weise deutlich, wie sehr Gerhard Amanshauser unserer Zeit fehlt.

Gerhard Amanshauser geboren 1928 in Salzburg. Er studierte Mathematik und Physik in Graz und Germanistik und Anglistik in Wien, Innsbruck und Marburg. In den siebziger Jahren wurde er als Schriftsteller bekannt (u.a. 'Schloß mit späten Gästen', 1975, verfilmt 1981). Er lebte von 1955 bis zu seinem Tod 2006 als Schriftsteller in Salzburg. 'Gerhard Amanshauser ist seinem in etwa gleichaltrigen Freund Thomas Bernhard an Willen zur Monomanie so unter- wie an literarischem Wagemut überlegen. Der Salzburger Kosmopolit ist der bedeutendste unter Österreichs bisher unentdeckten Autoren.' Daniel Kehlmann

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 18.10.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701743094
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 3863 kBytes
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Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein

1964 Peschici, August. Vorbemerkung: Da viele Schriftsteller so tun, als seien sie in die Orte, über die sie schreiben, von Genien hingetragen worden, möchte ich bemerken, dass der Aufenthalt in Peschici von meiner Frau bezahlt wurde, die sich dort von ihrer Büroarbeit erholen wollte. Peschici, eine zufällige Wahl, wir hatten eine Photographie gesehen: der Strand, die Felsenkuppe, darauf der Ort, relativ unbekannt, südlich genug für die Nachsaison, also fuhren wir hin. Peschici, knapp bevor es vom Fremdenverkehr verdorben wird. Die deutlichsten Anzeichen beginnender Barbarei, die starken Überreste des Alten. Christentum, Katholizismus, wie es bei uns schon unmöglich wäre. Plakat: "Chi segue il sacerdote segue Cristo."

Bari, 1. 10. Die zwei Städte, zwischen denen keine Verbindung zu bestehen scheint, mit Ausnahme der Motorräder, die in den Altstadtgassen die Nerven foltern. Die Armen kommen nicht aus der Altstadt heraus, die Reichen gehen nicht hinein. Ein Besucher kann nirgends wohnen, in der Altstadt wirkt er unverständlich, findet kein Bett und kaum einen Tisch, in der Neustadt verfängt er sich in den Netzen des Fremdenfangs. Kann man am Meer sitzen und Wein trinken? Nein, dort verläuft eine Durchzugsstraße, dort sind die Hafensperren oder die Fremdenfang-Restaurants. Vor Jahren saß ich in Rom auf der Piazza Navona, friedlich Wein trinkend, Oliven essend. Heute? Nicht einmal mehr in Rom.

Der Krüppel mit dem Fahrrad, der die billige Pension weiß. Dort gibt er an, wir seien Jugoslawen und suchten ein billiges Zimmer. Anscheinend ist einer, der ein billiges Zimmer sucht, Jugoslawe. Der Strand zwischen Bari und Torre a Mare ist auf eine Weise verdorben, die die Umgebung Genuas in den Schatten stellt. Man müsste einen Führer herstellen, der zu den geschändetsten Punkten der Erde führt. Warum sollte man nur die romantischen Schönheiten der Vergangenheit sehen? Es würde sich vielleicht eher lohnen, die grotesken Schändungen der Gegenwart genauer zu untersuchen.

Sizilien, 22. 9.-8. 10. Die einzige unverfälschte Antike: das Meer.

Ich fahre überall mit dem Schnellzug vor, der mir schon altmodisch und ärgerlich langsam erscheint und mich daran erinnert, dass ich zu wenig Geld für eine Flugreise habe. Ich habe Bilder gesehen, die Sizilien aus einer Höhe von 800 km zeigen. Was aus dem Schnellzug steigt, ist ein Nichts, ein Insekt, das sogleich in den anstrengenden Betrieb des Insektenbaus verwickelt wird, wobei die besonderen Fähigkeiten, die ich anderen voraus habe, mir nicht nützen, ja mir sogar schaden. Nirgends, außer in meinem Kopf, ist ein Ort, wo ich sie anwenden könnte. In anderen Köpfen, die irgendwo herumirren, könnte ich Resonanz finden, aber ich habe, trotz der entwickelten Nachrichtentechnik, keine Möglichkeiten, diese Köpfe aufzufinden.

Die antiken Stätten und Heiligtümer sind umwachsen vom Flickwerk moderner Anlagen. Man hat sich mühsam zum Ausgang eines Autobusses vorgedrängt, ist hinausgequetscht worden, steht jetzt zwischen hin- und herrasenden Fahrzeugen und fragt nach dem griechischen Theater. Manche berühmten Kirchen erscheinen armselig, als müssten sie sich vor dem Chaos ducken; erst wenn man eintritt, öffnet sich der Raum.

Werden die modernen Städte jahrhundertelang stehen? Eine Meerstadt, die aus Hafenbezirken und Fischmärkten, wo der stärkste Verkehr und Lärm, das größte Gedränge, die lockersten Sitten und die ordinärste Sprache vorherrschen, hinaufwächst auf Hügel, wo sie immer stiller wird, bis man schließlich die Bezirke der Meditation betritt, die Gewölbe des Schweigens, in denen das Gold glänzt. Daran dachte ich in der Kirche von Monreale. Der Auge-um-Auge-und-Zahn-um-Zahn-Gott mag in die Trödlerläden wandern, es ist nicht schade um ihn, aber die Plätze und die Gebilde, die das Geheimnis ausdrücken, vor dem wir fassungslos stehen - sollen wir dar

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