text.skipToContent text.skipToNavigation

Franziska zu Reventlow Eine Biografie von Decker, Kerstin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2018
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
22,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Franziska zu Reventlow

Am 25. Juli 1918 stürzt Franziska zu Reventlow in Locarno vom Fahrrad. Nach einer Notoperation stirbt sie am frühen Morgen des 26. Juli 1918 an Herzversagen – 47 Jahre alt.
Weil sie, obwohl ein Mädchen, kompromisslos "ich" sagte, wurde die junge Comtesse von ihrer Familie verstoßen und beinahe entmündigt. Die Vielliebende fand es verantwortungslos, an Männern, die ihr gefielen, vorüberzugehen. Sie streifte manchen intim, den man immer noch kennt, etwa Rainer Maria Rilke, Karl Wolfskehl oder Ludwig Klages. Zum ersten Mal wird die Biografie ihrer Lieben erzählt, denn auch Lieben sind Lebewesen: Sie werden geboren, reifen und sterben, aber nicht alle. In Kerstin Deckers ebenso tragischem wie komischen Bericht dieses Lebens bleibt vom Bild der robusten Männersammlerin fast nichts übrig. Es entsteht ein einzigartiges Mutter-Kind-Porträt und das Bild einer Frau, die eine so weltüberlegen-hochironische Prosa schrieb, dass es Männern schwerfiel, an eine Autorin zu glauben.

Kerstin Decker, geboren 1962 in Leipzig, promovierte Philosophin, ist Autorin des "Tagesspiegel". Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter "Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich" und "Nietzsche und Wagner. Geschichte einer Hassliebe". Im Berlin Verlag erschienen 2015 "Meine Farm in Afrika. Das Leben der Frieda von Bülow" und 2016 "Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche". Kerstin Decker lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 01.06.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827079664
    Verlag: Berlin Verlag
Weiterlesen weniger lesen

Franziska zu Reventlow

Zweiter Teil

Warum nur hat man immer Wolken über den Seelen, wenn man unter Menschen lebt, und das dauert eine ganze Zeit, bis sie weg sind.
Und dann wird man erst der richtige Mensch ... Ich hab immer das Gefühl,
so war man ursprünglich, eh die Legionen über einen wegtrampelten,
und würde es auch wieder, wenn die Leut wenigstens andere Stiefel anhätten.

Franziska zu Reventlow an Franz Hessel, 21. Januar 1907
"Lass ihr - muss ich hüten bezechtes Kind" oder Ankunft im Vorort der Welt

Anton Azbe ist ein sehr kleiner Mann mit einem sehr großen Hut. Den Schnurrbart trägt er steil in die Höhe gekämmt, darunter klemmt fast immer eine lange Virginia zwischen den gelblichen Zähnen, die öfter ausgeht und mit der er manchmal Zeichnungen korrigiert. Seine Schüler haben die Gewohnheit angenommen, Azbes Zigarren-Korrekturen anzustaunen wie eine Offenbarung des Genius der Malerei. Wegen seiner Korrekturen kommen sie. Leonhard Frank, auch er Schüler dieses Instituts, wird die Wirkungen bald so zusammenfassen: "Mancher starb unter seinem Messer und verließ die Schule, die Begabten lernten, was von einem Lehrer gelernt werden kann." [1] Wassily Kandinsky etwa, überhaupt sehr viele Russen, Polen und andere Osteuropäer, Azbe ist schließlich auch einer, geboren in Dolencice bei Gorenja vas-Poljane in Slowenien. Das schafft Heimat in der Fremde.

Aber Kandinsky kommt erst noch, Fanny trifft fast fünf Jahre vor ihm ein, mit dem festen Vorsatz, zu den Begabten zu gehören.

Was für ein Jahr! Im Winter saß sie noch in Adelby, im Juni starb ihr Vater, kurz darauf war sie verlobt, und noch im August, noch im Sommer ist sie in München. So viel Leben passt in so wenige Monate.

München leuchtet? Ein anderer Lübecker, der am dortigen Katharineum die tief beargwöhnte Schülerzeitschrift Der Frühlingssturm herausgibt, wird es einmal so formulieren. Seither fühlt fast jeder die Verpflichtung, es zu wiederholen, vor allem wenn er im Spätsommer eintrifft wie Fanny. Thomas Mann wird im kommenden Jahr vorzeitig das Katharineum verlassen und zu seiner Mutter nach München ziehen, die hier bereits mit den Geschwistern lebt. Der, wohlwollend betrachtet, gerade eben mittelmäßige Schüler wird Volontär bei einer Feuerversicherung, vielleicht schafft er das, wenn schon nicht die höhere Reife.

Wie anders leuchtet einer Malerin diese Stadt als einem angehenden Vertreter des Versicherungswesens. Und sagt sie es nicht mindestens ebenso schön? Die Luft hat beinah etwas Südliches in diesen heißen Tagen, die Straßen ganz weiß vom flimmernden Kalkstaub. - Und das Arbeiten in unserem großen kühlen Atelier und dann wieder in die Sonne hinaus, den ganzen Tag sein eigner Herr sein, keinen Moment des Tages sich nach anderen richten müssen! [2] So kann ein Volontär der Feuerversicherung das natürlich nicht formulieren. So habe ich mir's geträumt, das ist endlich die Luft, in der ich leben kann. Mein Gott, und jetzt muss ich arbeiten, arbeiten bis aufs Blut, und dann fasst mich der Jammer an um all die verlorene Zeit, was für Jahre hätte ich schon arbeiten können. Und doch, müsste die Erfüllung dieses Augenblicks der Freiheit, des Schaffens nicht noch größer sein? Sie fühlt eine leise Enttäuschung. Sie fährt in die Berge und findet sie zu klein. Auch beengend irgendwie, die Aussicht verstellt, so weit das Auge reicht, die Nordsee ist weiter: In den Bergen gewesen, und da bekam ich Heimweh nach dem Meer, nach dem Freien, Weiten. Die anderen lachten mich aus, weil ich mir die Berge höher vorgestellt hatte.

Ist sie nicht selbst ihr größter Feind? Und was, wenn ihr Talent nicht genügt, wie dann weiterleben?

Im Kreis der polnisch-russischen Maler geht sie bald aus und ein. Einer hat oben in der Schule sein Atelier, am liebsten liegt er im Bett und spricht über S

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen

    ALDI life eBooks: Die perfekte App zum Lesen von eBooks.

    Hier finden Sie alle Ihre eBooks und viele praktische Lesefunktionen.