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Ich war immer verärgert, wenn ich ein Mädchen bekam Die Eltern Thomas und Katia Mann von Wüstner, Andrea (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.02.2010
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Ich war immer verärgert, wenn ich ein Mädchen bekam

Für Thomas Mann war die Sache klar: "Jemand wie ich sollte selbstverständlich keine Kinder in die Welt setzen", befand der Großdichter. Seine Frau Katia hingegen sah es genau umgekehrt: Sie habe, sagte sie am Ende ihres Lebens, überhaupt nur deshalb geheiratet, weil sie Kinder wollte. Aus dieser besonderen Ausgangslage erwuchs Deutschlands berühmteste Familie - mit einer an Dramatik nicht zu überbietenden Geschichte. Andrea Wüstner beschreibt erstmals Thomas und Katia Mann als Eltern: Das zwischen distanzierter Liebe und eisiger Kälte schwankende Verhältnis von Thomas Mann zu seinen Kindern, die Qualen, die ein ungeliebtes Kind wie Golo erdulden musste, die ungewöhnlichen pädagogischen Methoden Katias, die die "Mann-Kinder" zu etwas ganz Besonderem machen sollten.

Die Literaturwissenschaftlerin Andrea Wüstner beschäftigt sich seit Jahren mit der Familie Mann. Sie hat sich als Herausgeberin von Anthologien einen Namen gemacht und lebt als freie Autorin in Düsseldorf.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Erscheinungsdatum: 22.02.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492950206
    Verlag: Piper
    Größe: 1012 kBytes
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Ich war immer verärgert, wenn ich ein Mädchen bekam

2
"Fortsetzung und Wiederbeginn meiner selbst"
Erika, Klaus, Golo und Monika

Das Kind kommt am 6. November 1905 zur Welt und wird, wie alle folgenden Kinder der Manns, protestantisch getauft.

Es ist eine lange, schwere Geburt im Hause Mann, der der werdende Vater Thomas selbstverständlich nicht unmittelbar beiwohnt, aber als Wartender "die Foltergräuel der Geburt" schmerzlich miterlebt. Ein überwältigendes Ereignis für ihn, "kaum auszustehen", schreibt er an Heinrich zwei Wochen nach der Geburt und gesteht: "Es ist also ein Mädchen: eine Enttäuschung für mich, wie ich unter uns zugeben will, denn ich hatte mir sehr einen Sohn gewünscht und höre nicht auf, es zu thun. Warum? ist schwer zu sagen. Ich empfinde einen Sohn als poesievoller, mehr als Fortsetzung und Wiederbeginn meiner selbst unter neuen Bedingungen. Oder so. Nun, er braucht ja nicht auszubleiben. Und vielleicht bringt mich die Tochter innerlich in ein näheres Verhältnis zum "anderen" Geschlecht, von dem ich eigentlich, obwohl Ehemann, noch immer nichts weiß." 1

Nun, der Wunsch nach einem Stammhalter, ob aus familiärem oder poetischem Grund, ist für einen Vater zu Beginn des 20. Jahrhunderts so besonders nicht. Und eine gewisse Präferenz für ein Mädchen oder einen Jungen haben werdende Eltern wohl zu allen Zeiten. Heikel wird es indes, wenn nicht ein Wunsch, sondern der Wille das Geschlecht des Kindes bestimmen soll:

"Es war also ein Mädchen, Erika. Ich war sehr verärgert. Ich war immer verärgert, wenn ich ein Mädchen bekam, warum, weiß ich nicht" 2 , erzählt Katia Mann später mit erschreckender Offenheit.

Der Gedanke, dass die zweiundzwanzigjährige Mutter lieber einen Jungen zur Welt gebracht hätte, um dem Wunsch ihres Mannes zu entsprechen, drängt sich auf. Aber davon ist keine Rede. Wie ist es möglich, dass sie eine so vehemente Zurückweisung des Weiblichen zum Ausdruck bringt und noch als alte Frau nicht weiß, was die Ursache ihres frauenfeindlichen Gebarens ist? Ablehnung und Verärgerung sind ja keine Versprecher, nicht flüchtig dahingesagt, sondern Katia Manns persönliche Ansichten, die durch die weitere Geschichte nur bestätigt werden. Warum hat sie in dieser bedeutsamen Frage für sich keine Antwort gefunden? Vielleicht auch nicht finden wollen? Menschen verdrängen und blenden Dinge aus.

Es liegt aber nahe, die Verärgerungüber ein Mädchen mit ihrem Elternhaus zu erklären: Der Vater, der seine Liebschaften ins Familienleben integriert wissen will, die Mutter, die sich großzügig, offen, liberal gibt. Und die Kinder, die ihre Eltern offenbar anders wahrnehmen. Eine verwirrend-beunruhigende Familienatmosphäre voller widersprüchlicher Verhaltensweisen, Erwartungen und Wertvorstellungen.

Wir sehen den von der Gesellschaft hoch geachteten und hofierten Vater, der innerhalb der Familie wie ein verwöhntes forderndes Kind wirkt, von seiner Frau abhängig bleibt und dafür recht spöttisch von ihr verachtet wird. Gleichzeitig nehmen die Kinder ihre Mutter wahr als Grande Dame, die sich souverän gibt, aber hinter der Fassade leidet. Eine Mischung aus Achtung, Verachtung, Macht und Ohnmacht. Folgerte Katia als einziges Mädchen unter den Geschwistern daraus, dass Weiblichkeit gleichzusetzen ist mit Demütigung und Ausgeliefertsein? Etwas, das Katia Zeit ihres Lebens vermeiden wird. Contenance, Haltung wird Katia Mann ein Leben lang zur Schau tragen. Sich nichts anmerken lassen, das Gesicht wahren und die Souveräne spielen. Nicht das Opfer sein

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