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Peter Weiss Biografie von Schmidt, Werner (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.10.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Peter Weiss

Die Triebkraft seiner künstlerischen Arbeit bilde, so Peter Weiss, das "In-Gegensätzen-Denken". 1916 im heutigen Babelsberg geboren, 1937 mehrere Monate als "Schüler" Hermann Hesses in Montagnola arbeitend, schließlich vor den Nationalsozialisten nach Schweden fliehend (Auschwitz bezeichnete er als "meine Ortschaft"), als Filmemacher scheiternd, zunächst das Schwedische als Literatursprache benutzend, dann ins Deutsche wechselnd, als Prosaautor ( Der Schatten des Körpers des Kutschers ) Vorbild vieler Autoren, als Dramatiker Erfinder des "dokumentarischen Theater" ( Die Ermittlung ), sich durch die Kritik am Kapitalismus der BRD wie dem Sozialismus der DDR aufreibend, von der "Zweifel-Krankheit" befallen, trotzdem die monumentale Ästhetik des Widerstands in Romanform ausbreitend: "Was bleibt, ist der Autor eines Jahrhundertwerks, einer andern Suche nach der verlorenen Zeit." Der in Schweden lehrende Historiker Werner Schmidt wirft einen Blick von außen auf Leben und Werk von Peter Weiss, indem er die Privatperson wie den öffentlich Agierenden in den zeitgenössischen Kontext einordnet. Damit dringt er in die Kernbereiche, die Antriebskräfte, vor, da er die Hintergründe in Schweden und in Deutschland heranzieht, sich auf Zeitzeugen stützen kann, ihm unbekanntes Material zur Verfügung steht.
Werner Schmidt, geboren 1944, ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte in Stockholm. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Intellektuelle (und kommunistische) Arbeiterbewegung und Geschichtstheorie.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 461
    Erscheinungsdatum: 10.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518748022
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 2630 kBytes
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Peter Weiss

1. Untergang oder Übergang?

Im zweiten Halbjahr 1960 arbeitete Peter Weiss in Kopenhagen an dem sozialkritischen Dokumentarfilm Hinter den Fassaden ( Bag de ens facader ), der sich mit den Wohnverhältnissen in den Vorstädten der dänischen Hauptstadt beschäftigte. Während dieser Monate schrieb er ein Tagebuch, das 2007 unter dem Titel Das Kopenhagener Journal erschien. Es dokumentiert eine künstlerische und existenzielle Krise. Zwischen Frühjahr 1959 und Spätherbst 1960 durchlebte Weiss eine Periode tiefgreifender Veränderungen, die sowohl sein Privatleben als auch sein Selbstverständnis als Künstler betrafen. Seine Eltern waren kurz hintereinander gestorben: die Mutter im Dezember 1958 und der Vater im März 1959. Auch wenn sein Verhältnis zu ihnen, besonders zur dominanten Mutter, oft angestrengt war, traf ihn der Verlust der Eltern dennoch hart. Im März 1959 zerbrach auch die Beziehung zu der Bühnenbildnerin und Keramikern Gunilla Palmstierna, mit der er seit 1952 zusammengelebt hatte. Das Paar fand zwar Ende 1959 wieder zueinander, die Beziehung stand jedoch eine Zeitlang auf zerbrechlichem Grund.

Neben den privaten Erschütterungen ergab sich fast zeitgleich ein entscheidender Wandel im Modus operandi des Künstlers. Gunilla Palmstierna-Weiss berichtete in der Rückschau, Weiss habe 1959 "alles aufgeben" wollen, "als das mit Filme machen, Artikel schreiben, Malerei, auf Schwedisch schreiben - als all das nicht mehr ging". 1 Alle seine bisherigen künstlerischen Versuche schienen sinnlos geworden zu sein. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde sein schon 1952 geschriebener "Mikroroman" Der Schatten des Körpers des Kutschers von Walter Höllerer an den Suhrkamp Verlag vermittelt. Als er 1960 erschien, nahm ihn die westdeutsche Kritik begeistert auf. Nach jahrelangen erfolglosen Versuchen war es Peter Weiss endlich gelungen, in seiner Muttersprache zu publizieren. Er hatte einen Verlag gefunden, der ihn zu fördern versprach, und ein Publikum, mit dem er kommunizieren konnte.

Obwohl dies die Erfüllung eines Traums bedeutete, mischten sich Zweifel in das Glücksgefühl. Für Weiss war die künstlerische Arbeit immer mehr als nur das Hervorbringen von Bildern, Filmen oder Texten. Sie war zur tragenden Säule seiner (Über-)Lebensstrategie geworden. Die äußeren Voraussetzungen veränderten sich nun grundlegend. Als der Verleger Siegfried Unseld ihn in den Kreis von Autoren um Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch und Martin Walser aufnahm, hörte Weiss auf, ein "freier" Schriftsteller zu sein. Als Verlagsautor wurde er Teil einer Verkaufsstrategie mit bestimmten Verpflichtungen. Von ihm wurde erwartet, sich für die Vermarktung seiner Produktion einzusetzen und ständig neue Produkte zu liefern. Dieser Produktionsdruck blockierte ihn.

Weiss stand an einem Scheideweg: Er konnte fortfahren, Kunst als Medium seines eigenen Selbsterkennungsprozesses zu begreifen - und damit Kunst für die Schublade zu produzieren -, oder sich den vom Verlag an ihn herangetragenen Erfordernissen des Marktes beugen - und damit Gefahr laufen, "von der kommerzialisierten Welt verschluckt" zu werden. 2 Diese Alternative schien ihm, trotz aller Bedenken, eine Perspektive für seine künstlerische Entwicklung zu bieten. Das Zusammentreffen von künstlerischem Dilemma und unsicherer privater Situation griff jedoch seine psychische Verfassung an. Die schleichende Depression gipfelte in dem Gefühl, dass "schon alles bald zuende sei". 3 Am 6. November 1960 hielt er in seinem Tagebuch fest: "Ich befinde mich in einem Übergang oder einem Untergang." 4
"Ich muss mich neu erschaffen"

Die Krise führte schließlich zu einem Übergangsstadium, das jedoch prekär bleiben musste, solange es ihm nicht gelingen würde, im Einklang mit sich selbst zu leben. Wer war dieses Selbst? Die Lebenskrise, die er gerade durchmachte, beruhte unter anderem darauf, dass er keinen f

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