text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Schonzeiten Ein Leben in Deutschland von Schneider, Rolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.09.2013
  • Verlag: be.bra verlag
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Schonzeiten

Der Schriftsteller Rolf Schneider blickt zurück auf sein Leben. Schnörkellos und eindringlich berichtet er, wie er wurde, der er ist. Dabei nehmen die Ereignisse, die zu seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR geführt und ihn buchstäblich zum Grenzgänger gemacht haben, ebenso Raum ein wie die Begegnungen, die ihn prägten - mit Victor Klemperer, Peter Huchel, Anna Seghers, Stephan Hermlin, Golo Mann, Bruno Kreisky und vielen anderen. 'Ein bunter Vogel war Rolf Schneider schon bei seinem Debüt als freier Schriftsteller 1958. Er bewies immer ein großes Gespür für Themen, für Schreibweisen.' Süddeutsche Zeitung Rolf Schneider, geboren 1932 in Chemnitz, ist freier Schriftsteller und Publizist. Er verfasste zahlreiche Romane, Bühnenstücke, Essays und Sachbücher, die in über 20 Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschienen u. a. der Roman 'Marienbrücke ' (2009) und die Sachbücher 'Das Mittelalter' (2010) sowie im be.bra verlag 'Ritter, Ketzer, Handelsleute' (2012). Rolf Schneider wurde ausgezeichnet mit dem Lessing-Preis der DDR, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden sowie mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Er lebt in Schöneiche bei Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 316
    Erscheinungsdatum: 03.09.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783839301081
    Verlag: be.bra verlag
    Größe: 2684 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Schonzeiten

1

Vor dem Gerichtsgebäude warten sechs Überfallwagen der Berliner Polizei. Mehrere Beamte in Uniform schlendern über die Turmstraße, Walkie-Talkies in Händen und Wind im Gesicht. Der Seiteneingang unmittelbar neben dem Hauptportal ist von metallenen Absperrgittern flankiert. Die Tür wird nach dem Drücken eines Klingelknopfes geöffnet, ich darf einen Vorraum betreten, dessen andere Tür sich erst nach dem Schließen der ersten bewegt.

Ich stehe in einem kahlen Kontrollraum mit gekalkten Wänden und kahlen Lampen, mit Schließfächern, mit Kabinen für die Leibesvisitation. Ich muss meinen Personalausweis vorzeigen. Ich muss meinen Aktenkoffer abliefern. Ich muss sämtliche Gegenstände, die ich bei mir trage, auf die Tischplatte legen. Ich werde mit einem Metalldetektor abgesucht. Ich muss meinen Mantel und meine Jacke ausziehen, sie werden befühlt, während ein Beamter meinen Körper mit den Händen abtastet. Ich muss mich auf einen Stuhl setzen, meine Schuhe abstreifen, damit der Beamte auch meine Füße abtasten kann. Mein Aktenkoffer wird in ein Schließfach gestellt. Ich erhalte eine apfelsinenfarbene Papiermarke, als Beleg, man händigt mir außerdem eine grüne Papiermarke aus, die mir den Einlass ermöglichen soll.

Der Zuschauerraum des Verhandlungssaales 500 im Berliner Landgericht ist über eine steile Treppe zu erreichen. Der Justizbeamte an der Tür nimmt mir meine grüne Marke ab. Die Bänke sind kaum zur Hälfte besetzt, überwiegend von alten Leuten, sie sind weißhaarig, manche tragen ein Hörgerät. Auf den Pressebänken sitzen fünf Personen. Der Saal zeigt Stuck am Plafond und dunkles Paneel an den Wänden. Gläserne Sicherheitskabinen stehen links und rechts, aber sie bleiben leer, die Angeklagten und ihre Verteidiger sitzen an Tischen unmittelbar davor.

Es ist der 84. Verhandlungstag des Strafprozesses gegen Egon Krenz und andere. Von den ursprünglich sechs Angeklagten blieben nur mehr vier: Dohlus, Kleiber, Krenz, Schabowski, einstige Mitglieder des SED-Politbüros und in dieser Eigenschaft beschuldigt, für Tötungen und versuchte Tötungen an der innerdeutschen Grenze verantwortlich zu sein. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes wurden die ursprünglich mitangeklagten Hager und Mückenberger aus dem Prozess entlassen. Sie sind Greise von über achtzig. Auch die verbliebenen Angeklagten stehen alle im Rentenalter, die Richter und Beisitzer der 27. Großen Strafkammer könnten, dem Alter zufolge, ihre Enkel sein. Der Vorsitzende Josef Hoch war noch nicht geboren, als die Berliner Mauer entstand.

Als ich eintrete, ist Egon Krenz dabei, eine Erklärung zu verlesen. Es geht um die Schusswaffengebrauchsbestimmung, die für die Grenztruppen der DDR gültig war und die fast wortwörtlich übereinstimmte mit der Schusswaffengebrauchsbestimmung für den Bundesgrenzschutz. Egon Krenz liest, wie er schon früher vortrug: mit jenem hochpathetischen Ton, den er als langjähriger Jugendfunktionär erwarb. Der weißhaarige Mann, neben dem ich sitze, nickt dazu, unentwegt, als wolle er zustimmen, erst später bemerke ich, dass dieses Nicken weitergeht, auch als Krenz geendet hat, es handelt sich um einen nervösen Tremor.

In den folgenden Stunden erlebe ich eine für mich gespenstische Wiederkehr von Vergangenheit. Schon die Kontrollmaßnahmen am Eingang haben mich an die alte DDR erinnert: Sie schienen einzig den Zweck zu haben, mich einzustimmen. Die Greise, zwischen denen ich sitze, zeigen die verwelkten Physiognomien und das versteinerte Gebaren hoher SED-Funktionäre. Die Wörter, die aus den Lautsprechern fallen, heißen Klassenauftrag, Grenzregime, Nationaler Verteidigungsrat, Nomenklaturkader: Wortmüll eines verwehten Präteritums, das hier zu geisterhafter Auferstehung erwacht. Krenz blickt mich an. Seine Augen wirken leer. Es ist der Blick eines, der mit der Macht alles Selbstverständnis verlor, der nur noch taumeln kann zw

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen