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Einführung in das bürgerliche Trauerspiel und das soziale Drama von Schößler, Franziska (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.10.2015
  • Verlag: wbg Academic
eBook (ePUB)
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Einführung in das bürgerliche Trauerspiel und das soziale Drama

Bürgerliches Trauerspiel und soziales Drama verbindet ein gemeinsames Anliegen: Sie möchten die durch gesellschaftliche Entwicklungen benachteiligten und von politischen und wirtschaftlichen Ressourcen ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten ?tragikfähig? machen. Die Einführung von Franziska Schößler ist in Studium und Lehre vielfach erprobt. Sie stellt beide Gattungen in ihren historischen Ausformungen vor und gibt einen Überblick über die bekanntesten Werke. Für die Neuinterpretation repräsentativer Texte von Lenz, Hauptmann und Fleißer werden methodische Ansätze von der Kulturwissenschaft bis zu den Gender Studies fruchtbar gemacht. Die Neuauflage beinhaltet wesentliche Ergebnisse zur Gegenwartsdramatik und zur Dramatik von Frauen sowie eine ergänzte Bibliographie. Franziska Schößler, geb. 1964, ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Trier.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 158
    Erscheinungsdatum: 01.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534740116
    Verlag: wbg Academic
    Größe: 1063 kBytes
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Einführung in das bürgerliche Trauerspiel und das soziale Drama

I. Gattungsbegriff

Wer ist tragikfähig?

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart lässt sich ein zentrales Anliegen in der deutschsprachigen Dramatik ausmachen, das mit unterschiedlichen Gattungsbezeichnungen belegt wurde - das Anliegen, die durch gesellschaftliche Entwicklungen benachteiligten, von politischen wie wirtschaftlichen Ressourcen ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten tragikfähig zu machen, d.h. als tragische Gestalten auf der Bühne zu präsentieren. Lässt sich das durch Diderot, Mercier und Lillo beeinflusste deutsche bürgerliche Trauerspiel als Versuch beschreiben, den Bürger zum Gegenstand des Mitleidens zu machen, so zeichnet sich das soziale Drama des 19. und 20. Jahrhunderts durch das Bestreben aus, dem gegen das Bürgertum scharf abgegrenzten vierten Stand, den Proletariern und Kleinbürgern, tragische Dignität zukommen zu lassen. Tertium comparationis von bürgerlichem Trauerspiel, dessen (quantitative) Marginalität (es werden hauptsächlich zwei Stücke Lessings, Kabale und Liebe von Schiller und Hebbels Maria Magdalena dazu gerechnet) vielfach betont wird (Rochow, 1999), und sozialem Drama, das bis in die Gegenwart hinein als aktuell gelten kann, ist der Versuch, gesellschaftlich eindeutig positionierte, genauer: unterprivilegierte Figuren in den Raum des tragischen Pathos zu überführen.

Die Sichtbarkeit von Randgruppen

Die auf ästhetischer Ebene gestellte Frage: "Wer ist tragikfähig?" ist also immer zugleich auch eine gesellschaftliche, ist die Frage nach der ästhetischen Sichtbarkeit von Randgruppen, nach ihrer Partizipation am (hoch-)kulturellen Repräsentationssystem und seinen Pathosformeln, denen in besonderem Maße ästhetischer Ausdruckswert zugesprochen wird. In Hettners Ästhetischen Untersuchungen heißt es in Zusammenhang mit Hebbels bürgerlichem Trauerspiel Maria Magdalena : "Nur Könige oder bedeutende geschichtliche Helden sollten ein bedeutendes, weltbewegendes Schicksal haben? Und in der Enge häuslicher Kreise sollte kein großes, gigantisches Schicksal sein, sondern nur niedriger Jammer und prosaisches Elend? Unbegreifliche Kurzsichtigkeit! Durchzuckt ein großer Schmerz nicht alle Teile des Körpers gleichmäßig und oft den unscheinbarsten Nerv am allermächtigsten? Wo ist derjenige, der sich heut vor uns hinstellen könnte, ohne daß er stolz oder beschämt gestehen müßte, auch in seinem Inneren suche sich die furchtbare Tragödie der Gesellschaft ihr Opfer?" (Hettner 1924, 75) Durch die Übernahme tragischer Ausdrucksformen, beispielsweise der Tragödie, wird mithin die bürgerliche Lebensform nobilitiert und mit Pathosformeln, mit Ausdrucksenergien, versehen; die neuere Forschung widmet sich entsprechend der Affekterzeugung und den Leidenschaften in diesem Genre (vgl. zu Lessing Lemke 2012; Tummuseit 2011; zu Wagner Dandoush 2004, 123-147; Alefeld 2007). Brecht hält über die 'Veredelung' bürgerlichen Lebens im Trauerspiel fest: "Die Wirklichkeit betritt die Bühne, das heißt, die Klasse betritt sie, die anfängt, die Wirklichkeit zu bestimmen. Dabei tritt ein eigentümlicher Widerspruch auf. Einerseits wird die vornehme Bühne mit einem gewissen Behagen entweiht durch die ordinäre Redeweise der Plebs, aber zugleich erhält doch auch diese Plebs ihre Weihe, indem sie sich der bisher monopolisierten gehobenen Formen bedient. Sie entwickelt, das Zeremoniell der herrschenden Klasse verhöhnend, sofort ihr eigenes Pathos." (Brecht 1967, 362f.)

Projektionsstrukturen

Zu berücksichtigen ist, dass es in aller Regel bürgerliche Autoren sind, die sich zum Sprachrohr von Minoritäten machen; damit werden die Unterprivilegierten zum Gegenstand projektiver Zuschreibungen (Bogdal 1978, 1991). Vor allem im Kontext der sozialen Dramen manifestiert sich neben dem Interesse der Autoren an Verfallserscheinungen, Abstiegsgeschichten und plebejischem Milieu die Berührungsangst mit eben dieser S

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