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Geschichte der neulateinischen Literatur Vom Humanismus bis zur Gegenwart von Korenjak, Martin (eBook)

  • Verlag: Verlag C.H.Beck
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Geschichte der neulateinischen Literatur

Außerhalb von Fachkreisen klingt das Wort "Neulatein" immer noch exotisch. In der frühen Neuzeit hingegen stellte die lateinische Sprache und Literatur alles andere als ein Randphänomen dar. Sie war vielmehr ein zentraler Aspekt des damaligen Europa und aus diesem so wenig wegzudenken wie die Landwirtschaft, die Kirche oder die Ständeordnung. Die neulateinische Literatur umfasst Millionen von Texten. Sie ist damit um ein Vielfaches umfangreicher als die lateinische Literatur der Antike und des Mittelalters und stellt die mengenmäßig größte Literatur des vormodernen Europa dar. Diese gewaltigen Textmassen fanden zahlreiche Leser, die ihre literarische Qualität und ihren Unterhaltungswert zu schätzen wussten. Neben anlassbezogenen und zeitgebundenen Schriften entstanden Werke von Autoren wie Petrarca, Pius II., Erasmus von Rotterdam oder Jacob Balde, die auch heute noch zum literarischen Welterbe zählen. Über ihre im modernen Sinne literarische Bedeutung hinaus entfaltete die Neolatinität aber auch eine weitreichende geistes-, mentalitäts- und kulturgeschichtliche Wirkung. In einer Zeit, in der Europa zur global führenden Macht aufstieg, fand die intellektuelle Elite des Kontinents in der neulateinischen Literatur ihr wichtigstes gemeinsames Verständigungsmittel. Für die meisten geistigen und technischen Durchbrüche, die damals gelangen, war das Medium der Kommunikation zwischen Moskau und Lissabon, Island und Sizilien das Lateinische. Auf Latein wurde die Stellung des europäischen Menschen in der Welt neu bestimmt - vom Weltall bis zum eigenen Körper, von der Erde, auf der immer neue fremde Länder und Völker auftauchten, bis zur fernsten Vergangenheit. Auch die großen naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Mathematik, Physik, Astronomie, Geologie, Botanik und Medizin wurden auf Latein etabliert oder maßgeblich vorangebracht. Selbst über Erfindungen wie den Buchdruck, das Teleskop oder die Kanone tauschte man sich auf Latein aus. Das Gleiche galt selbstredend für Philosophie, Poetik, Ästhetik, Architektur- und Kunsttheorie, aber auch für staats-, gesellschafts-, religions-, rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Fragen. Es ist eine im Umbruch und Aufbruch begriffene, durch und durch latinisierte Welt, in die der Autor dieses spannenden Buches seine Leserinnen und Leser mitnimmt, um sie mit der faszinierenden Literatur einer gleichzeitig fernen und bis heute wirkmächtigen Vergangenheit bekannt zu machen. Martin Korenjak lehrt als Professor für Klassische Philologie und Neulatein an der Universität Innsbruck. Schwerpunkte seiner Forschung stellen Literaturwissenschaft, antikes Epos, Rhetorik und Literaturtheorie, Rezeptionsgeschichte und Neulatein dar. Im Verlag C.H.Beck gibt er gemeinsam mit Professor Jonas Grethlein und Professor Hans-Ulrich Wiemer die Reihe ZETEMATA heraus.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406690334
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 7045 kBytes
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Geschichte der neulateinischen Literatur

1
HUMANISMUS UND RENAISSANCE (1300-1520)

Bis ins 14 . Jahrhundert schrieb und sprach man in ganz Europa eine breite Palette von Varietäten des Lateinischen, die sich im Laufe der Zeit relativ unkontrolliert aus dem antiken Latein entwickelt hatten und die man, wie bereits erwähnt, unter der etwas irreführenden Bezeichnung Mittellatein zusammenfasst. Gegen Ende des Mittelalters begann sich dieser Zustand in Italien zu ändern.

Der größere kulturgeschichtliche Rahmen, in dem sich die Erneuerung der Latinität vollzog, lässt sich mit dem Begriffspaar "Renaissance" und "Humanismus" umreißen. Beide Termini sind nicht zeitgenössisch, sondern modern, und es ist nicht immer klar, wie man sich ihre Beziehung zueinander vorstellen soll, aber mit Augenmaß verwendet sind sie trotzdem sinnvoll. Die italienische Renaissance lässt sich grob als programmatischer, umfassender Rückgriff auf die Antike - zunächst vor allem auf die römische - verstehen, der von der Politik über die Literatur bis zur Kunst reichte, ein neues Menschenbild implizierte und eine Verbesserung der Verhältnisse der Gegenwart anstrebte. "Humanismus" bezeichnet traditionell die sprachbezogenen, philologischen und literarischen Aspekte dieser Bewegung. Damit kommen wir der Frage nach dem richtigen Latein schon ganz nahe.[ 1 ]
Die Wiederentdeckung der antiken Latinität

Weshalb aber wurde diese Frage, die man sich im Mittelalter selten gestellt hatte, auf einmal so wichtig? Dass menschliche Sprache und menschliches Denken, oratio und ratio , eng miteinander verbunden sind, war schon in der Antike Allgemeingut. Cicero hatte diese Idee im Begriff der humanitas verdichtet, dessen Wesen gerade in seinem Changieren zwischen sprachlich-literarischer Bildung und wahrer Menschlichkeit liegt. Die Vorstellung wird ebenso wie manches andere, was in diesem Abschnitt zur Sprache kommt, später im Zusammenhang mit der neulateinischen pädagogischen Literatur noch etwas genauer zu diskutieren sein. Für den Augenblick ist entscheidend, dass sie seit Petrarca stark ins Bewusstsein der Intellektuellen trat und dabei in einem ganz bestimmten Sinne konkretisiert und verengt wurde: je besser das Latein, desto besser der Mensch.

Hinzu kam noch etwas Weiteres: Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass Latein nicht, wie noch Dante und Petrarca in mittelalterlicher Tradition geglaubt hatten, seit jeher eine Kunstsprache gewesen war, die man in der Antike ebenso mühsam hatte erlernen müssen wie in der Gegenwart. Solange man an dieser Ansicht festgehalten hatte, waren alle, die sich des Lateins bedienten, als prinzipiell gleichberechtigt erschienen; keiner war in der privilegierten Situation eines Muttersprachlers gewesen, und jedem war es grundsätzlich freigestanden, die Sprache nach seinen eigenen Bedürfnissen weiterzuentwickeln. Sobald man jedoch erkannte, dass die alten Römer lateinische native speakers gewesen waren, änderte sich die Situation grundlegend: Nun erschien ihr Latein als das Latein par excellence , als das große Vorbild, dem die Nachgeborenen nachzustreben hatten.[ 2 ]

Bestärkt und gleichzeitig präzisiert wurde diese Vorstellung durch die Wiederentdeckung der antiken Rhetorik, der Lehre von der kunstgerechten, wirkungsvollen Rede. Zwar hatte auch das Mittelalter Teile der einschlägigen römischen Fachliteratur gekannt und verwendet, an erster Stelle die pseudociceronische Rhetorik an Herennius . Zudem wurden, zumindest in Italien, neue, auf bestimmte Textsorten zugeschnittene Handbücher geschrieben: artes dictaminis lehrten das Verfassen von - oft laut zu verlesenden - Briefen, artes arengandi die Rede vor dem Volk, artes predicandi

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