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Die Freibeuterin Das Leben der Natalia Ginzburg von Petrignani, Sandra (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.03.2020
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
23,99 €
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Die Freibeuterin

Porträt der großen europäischen Schriftstellerin und Intellektuellen im Spiegel des 20. Jahrhunderts.
Sie war eine der bedeutendsten Frauen der europäischen Kulturgeschichte: Natalia Ginzburg (1916-1991). Ihre Werke zählen zu den Klassikern der Weltliteratur. Sie schrieb Erzählungen, Romane, Gedichte, Theaterstücke. Als Literatur-, Theater-, und Filmkritikerin war sie wegweisend. Sie war Verlegerin und Abgeordnete im Parlament. Zu ihren Weggefährten zählen die wichtigsten italienischen Autoren der Nachkriegszeit wie Cesare Pavese, Italo Calvino, Alberto Moravia und Elsa Morante. Sandra Petrignani spürt dem abenteuerlichen und mutigen Leben Natalia Ginzburgs nach. Sie besucht ihr Geburtshaus in Sizilien, die Turiner Wohnung in der Via Pallamaglio, das Versteck in den Abruzzen während der Besatzung durch die Nationalsozialisten sowie die Wohnung am Campo Marzio in Rom. Sie trifft die noch lebenden Weggefährten und liest ihr großes Werk noch einmal. Ihr gelingt das spannende Porträt einer außergewöhnlichen Frau und Intellektuellen im 20. Jahrhundert.

Sandra Petrignani, geboren 1952, ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Italiens. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und lebt als Autorin und Journalistin in Rom. Ihre große Natalia-Ginzburg-Biografie war für den Italienischen Literaturpreis "Premio Strega" nominiert und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 640
    Erscheinungsdatum: 16.03.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641240455
    Verlag: btb
    Originaltitel: La Corsara. Ritratto di Natalia Ginzburg
    Größe: 3695 kBytes
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Die Freibeuterin

Dunkle, forschende Mädchenaugen

Es muss Mitte der 1980er Jahre gewesen sein, als ich eines Tages die breite Treppe in einem schummrigen römischen Stadtpalais aus dem siebzehnten Jahrhundert - dem Palazzo Naro an der Piazza Campo Marzio, Hausnummer 3, unweit des Pantheon - hinaufstieg. Etwa achtzig Stufen und weitere zweiundzwanzig über zwei schmalere Treppenabsätze, um zur Atelierwohnung von Natalia Ginzburg zu gelangen. Ich hatte mit meinen dreißig Jahren bisher noch nicht allzu viel zuwege gebracht, während sie in diesem Alter bereits Mutter von drei Kindern war, mehrere Erzählungen, ein wunderschönes Gedicht sowie einen Roman veröffentlicht und außerdem Vercors' Das Schweigen des Meeres und Prousts Unterwegs zu Swann übersetzt hatte. Oben angekommen, überraschte mich ein Namensschild aus Messing an der Tür, auf dem in einer einzigen Zeile Gabriele und Natalia Baldini stand. Gabriele Baldini war ihr zweiter, 1969 verstorbener Ehemann gewesen; er hatte englische Literatur an derselben Universität in Rom gelehrt, an der ich studiert hatte. Doch in den Köpfen der meisten, so auch in meinem, war Natalia auf ewig die Witwe Leone Ginzburgs: eines Pater Patriae, einer großen Seele, wie ich seinerzeit gesagt hätte, als ich, nach einem Abstecher in die Vagabunden-Flowerpower-Welt der Hippies, gerade Yoga praktizierte und mich intensiv mit Gandhi beschäftigte. Leone Ginzburg war - neben Giulio Einaudi - der Gründer und »Kopf« eines Verlages gewesen, der meine Generation nicht minder geprägt hatte als die der Nachkriegsjahre; und das erschien mir fast noch wichtiger als die Tatsache, dass er sein Leben geopfert hatte, um die Welt zu verändern. Ich konnte bei Einaudi in Raten zahlen, und erstand meine Bücher peu à peu bei einem Verkäufer, der kaum älter war als ich und zu mir nach Hause kam. Gemeinsam blätterten wir den weißen Band mit den Neuerscheinungen durch und diskutierten die zahllosen großartigen Angebote. Meine Interessen waren grenzenlos und reichten von Literatur bis Anthropologie, von Poesie bis Folklore, von Magie bis Religionsgeschichte, von Märchen bis Psychologie, und dieser Katalog war eine nahezu unerschöpfliche Quelle für meinen Wissensdurst. Allein schon die Titel durchzugehen, ließ mein Herz höherschlagen, und ich gierte förmlich danach, jeden einzelnen dieser Texte zu besitzen.

Vor jenem Türschild, das mir eine Natalia Baldini präsentierte, die es hinnahm, hinter dem Namen des Ehemannes zu stehen, eine plötzlich ganz und gar gewöhnliche und häusliche Natalia, geriet ich, glaube ich, leicht ins Schwanken. Nicht nur, weil dies meinem leidenschaftlichen Feminismus zuwiderlief, sondern weil es sich nicht mit dem Bild deckte, das ich, ja das jeder von ihr hatte. Sie war die personifizierte Geschichte, denn sie war von Anfang an dabei gewesen, als ihr Mann Leone gemeinsam mit Cesare Pavese und Giulio Einaudi - während des Faschismus und ihm trotzend - besagten Verlag zu etwas Großem und Einzigartigem gemacht hatte.

Im Lauf der Zeit war sie »die Ginzburg« geworden, die Autorin des legendären Familienlexikons. Sie verkörperte die verlegerische Macht, die jedem anderen weiblichen Wesen verwehrt blieb. Sie war eine ungewöhnliche und dennoch erfolgreiche Bühnenautorin, schrieb als kämpferische Kolumnistin für große italienische Zeitungen, und ihre Positionen verwirrten, verblüfften und fesselten uns. Wie der Freibeuter Pasolini verstand sie es, die rebellischen Seelen der Post-Achtundsechziger in Aufruhr zu versetzen. Sie war eine ernste und traurige Frau, die selten lachte und sich im Stil einer Nonne kleidete - stets dunkel, mit flachen Männerschuhen. Ihre kurzen Haare, die sie niemals zurechtmachte, sahen aus, als hätte sie selbst zur Schere gegriffen, ohne sich auch nur einen Deut um das Ergebnis zu kümmern. Nicht der Hauch eines Make-ups, keine Wimperntusche, kein Puder, kein Lippenstift, nichts. Eine Laienschwester. Sie flößte den Leu

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