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Erst leben, dann spielen Über polnische Literatur von Reich-Ranicki, Marcel (eBook)

  • Verlag: Wallstein
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Erst leben, dann spielen

Seit seiner Rückkehr aus Polen nach Deutschland im Jahre 1958 beschäftigte sich Marcel Reich-Ranicki immer wieder mit polnischer Literatur. Er schrieb Kritiken, Porträts, Nachrufe und auch zusammenfassende Rückblicke. Sie wurden zunächst in der 'Welt', dann in der 'Zeit' und ab 1974 in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' veröffentlicht. Der vorliegende Band bietet eine Auswahl dieser Arbeiten. Behandelt werden Schriftsteller, die die polnische Literatur des 20. Jahrhunderts, zumal der Zeit nach 1945, geprägt haben und die beinahe alle in deutscher Übersetzung erschienen sind - von Bruno Schulz und Jaroslaw Iwaszkiewicz bis zu Slawomir Mrozek und Marek Hlasko. Ein größerer Essay analysiert 'Die Rolle des Schriftstellers in Polen' im Laufe der Jahrhunderte. 1962 schrieb Reich-Ranicki: 'Bücher polnischer Autoren werden von westdeutschen Zeitungen meist gelobt, mitunter überschwenglich gerühmt. Aber sie werden wenig verkauft. Man begegnet dieser Literatur oft mit Sympathie und mit Interesse. Aber man liest sie kaum. Von polnischen Schriftstellern wird in der Bundesrepublik bisweilen nicht ohne Hochachtung gesprochen. Aber ihre Namen sind, von Ausnahmen abgesehen, so gut wie unbekannt.' Seitdem sind 40 Jahre vergangen, doch an dem Zustand, den Reich-Ranicki beklagt, hat sich trotz vielfacher Bemühungen der Presse und der Verlage nur wenig geändert. Nach wie vor ist die Resonanz auf die polnische Literatur hierzulande bescheiden. Das hat nicht zuletzt mit der Tatsache z tun, daß diese Literatur, stets mit der schwierigen Situation in Polen befaßt, der Losung folgen mußte: "Erst leben, dann spielen." Der Autor: Marcel Reich-Ranicki ist gegenwärtig der einflußreichste Literaturkritiker in Deutschland. Seit er seine Autobiographie "Mein Leben" (1999) veröffentlichte, ist den Lesern seine intensive und lebenslange Beziehung zur polnischen Literatur noch deutlicher geworden.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 200
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835306851
    Verlag: Wallstein
    Größe: 722 kBytes
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Erst leben, dann spielen

Gern gelobt, doch wenig gelesen (S. 17)

Vorwort zu der Anthologie "Sechzehn polnische Erzähler"

Unlängst wurde ich von einer bundesrepublikanischen Universität eingeladen, einen Vortrag über die polnische Literatur zu halten. Die beiden liebenswürdigen Herren, die mich im Auftrag der Veranstalter am Bahnhof begrüßten, beeilten sich, sofort zu betonen, daß sich in ihrer Stadt Professoren wie Studenten ganz besonders für die polnische Literatur interessierten.

Wenig später hörte ich, eine Überfüllung des Auditoriums sei leider nicht zu erwarten. Immerhin könne ich - wurde mir von den Gastgebern bedeutet - mit einem Publikum rechnen, das diese Literatur schätze und bewundere. Zugleich bat man mich, die Namen der hervorragendsten polnischen Schriftsteller, die ich in meinem Vortrag erwähnen würde, doch freundlicherweise an die Tafel zu schreiben. In den Widersprüchen, die in dieser Begrüßung enthalten waren, spiegelt sich das eigentümliche Verhältnis zur polnischen Literatur, das sich hierzulande bemerkbar macht.

Bücher polnischer Autoren werden von westdeutschen Zeitungen meist gelobt, mitunter überschwenglich gerühmt. Aber sie werden wenig verkauft. Man begegnet dieser Literatur oft mit Sympathie und mit Interesse. Aber man liest sie kaum. Von polnischen Schriftstellern der Gegenwart wird in der Bundesrepublik bisweilen nicht ohne Hochachtung gesprochen.

Aber ihre Namen sind, von Ausnahmen abgesehen, so gut wie unbekannt. Dieser Zustand, der auf den ersten Blick mit der Logik unvereinbar zu sein scheint, hat Gründe, die keineswegs mysteriös sind.

Der deutsche Leser, der heute zu einem polnischen Buch greift, ist nicht unvoreingenommen. Und er kann es auch nicht sein. Hierbei spielen die vielen, zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammenden Vorurteile, die die Beziehungen Deutscher zu dem östlichen Nachbarland immer wieder getrübt haben, noch eine geringe Rolle, verglichen mit der ungeheuerlichen Hypothek, die das deutsch-polnische Verhältnis seit dem Zweiten Weltkrieg belastet.

Es genügt, sich zu vergegenwärtigen, daß zwischen 1939 und 1945 mehr als ein Fünftel der Bevölkerung Polens ermordet und nicht weniger als 38 Prozent des Landes zerstört wurden, um die Schuld, die Deutsche dort auf sich geladen haben, zwar nicht zu begreifen - denn sie übersteigt die menschliche Vorstellungskraft -, aber doch zu ahnen.

Der Umstand wiederum, daß nach 1945 Millionen Deutscher ihre Heimat östlich der Oder verlassen mußten, konnte gleichfalls nicht eben zu einem von Vorurteilen freien Verhältnis zu polnischen Phänomenen beitragen - selbst dann, wenn die Betroffenen zu erkennen imstande waren, daß die Verantwortlichkeit für ihr Schicksal nicht bei den Polen, sondern bei den nationalsozialistischen Machthabern zu suchen wäre.

Nichts also ist verständlicher als jene Befangenheit, die man hierzulande in der Regel spürt, wenn das Thema Polen behandelt wird. Aber zu der Befangenheit gesellt sich ein gewisses Interesse westdeutscher Intellektueller für Polen, polnische Literatur und polnische Kunst. Die Teilnahme entspringt im wesentlichen der Tatsache, daß dieses Land zwar zur kommunistischen Welt gehört, sich jedoch innerhalb dieses Machtbereichs eine Sonderstellung zu erkämpfen vermochte. Neben Wissensdurst und Argwohn wird eine bisweilen sogar offensichtlich übertriebene Bewunderung deutlich, die vor allem der Vergleich der polnischen Verhältnisse mit denjenigen in anderen Ostblockländern, zumal in der DDR, nährt.

Diese Bewunderung gilt insbesondere den polnischen Schriftstellern und Künstlern, die man gern in der klischeehaft vereinfachten Rolle heroisch-romantischer Rebellen gegen die Tyrannei sieht. Und der Deutsche liebt Rebellen - vorausgesetzt freilich, daß sie in einem anderen Land wirken.

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