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Mein Weg durchs Feuer Erinnerungen. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Mit einem Nachwort von Erika Glassen. Türkische Bibliothek von Adivar, Halide E. (eBook)

  • Verlag: Unionsverlag
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Mein Weg durchs Feuer

Halide Edip Adivars Lebensgeschichte spiegelt den stürmischen Umbruch ihres Landes. Mit wachem Blick verfolgt sie den Untergang des Osmanischen Reichs und das Erstarken der Nationalen Bewegung. Emanzipiert und eigensinnig wirft sie sich ins Geschehen. Schon früh entdeckt sie ihr Talent zum Schreiben. 1919, als die Alliierten Istanbul besetzen, flieht sie unter abenteuerlichen Umständen nach Anatolien. Die erfolgreiche Schriftstellerin stellt sich in den Dienst der neuen Türkei, bewahrt jedoch ihren kritischen Blick.

Halide Edip Adivar, 1884 in Istanbul geboren, schloss sich 1920 dem Befreiungskampf an. Als es zum Bruch mit Atatürk kam, emigrierte sie 1924 nach England. 1939, ein Jahr nach Atatürks Tod, kehrte Halide Edip Adivar in die Türkei zurück. Sie lehrte an der Universität Istanbul, wurde ins Parlament gewählt und starb 1964 in Istanbul. Als eine der ersten bedeutenden türkischen Prosaautorinnen hinterließ sie ein umfangreiches literarisches Werk.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 600
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293303775
    Verlag: Unionsverlag
    Größe: 2646 kBytes
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Mein Weg durchs Feuer

Meine eigene Geschichte

D ie Geschichte des kleinen Mädchens wird jetzt endlich zu meiner eigenen. Glichen die Erinnerungen an die Zeit davor eher Träumen und Wunschvorstellungen, so riefen die Ereignisse von nun an Empfindungen hervor, die das Fundament meines Bewusstseins bildeten. Zunächst war da ein sonderbares Gefühl von Fremdheit, sobald ich im Spiegel dieses Wesen namens Halide ansah. Dieses Geschöpf schien mir neu und eigenartig, und sein Gesicht beunruhigte mich.

Ich entdeckte in mir auch eine innere Stimmung, die ungefähr dem englischen Begriff "humour" entspricht, eine Sinnesart, die bei uns eher bei den einfachen Leuten anzutreffen ist, gewissermaßen ein Lächeln der Seele angesichts trauriger Ereignisse. Dieser Gemütszustand brachte mich den Menschen oft näher, er konnte aber auch Distanz zu ihnen schaffen. Und dann war da dieser feine seelische Schmerz, der mir an manchen Tagen die Kehle zuschnürte und Tränen in die Augen trieb.

Doch es gab eine Empfindung, die noch unbegreiflicher und noch schwerer zu besiegen war. Das war meine Angst vor bestimmten realen Dingen, und vielleicht ist es diese Angst, worin wir den Tieren am ähnlichsten sind. Zum ersten Mal beschlich mich dieses bange Gefühl, als ich eines Tages mit den Nachbarskindern unter den Zypressen des nahe gelegenen Friedhofs spielte. Wir hatten uns an den Händen gefasst und waren in einen breiten Graben gesprungen. Weich und anmutig wiegten sich über uns die schlanken Bäume zum melodiösen Gesang des Windes. Plötzlich rief der Diener, der mich dorthin begleitet hatte: "Es kommt, es kommt!" Die Kinder stoben auseinander. Ich wusste nicht, was da kommen sollte, doch ich erstarrte, bekam eine Gänsehaut, und der Angstschweiß stand mir auf der Stirn. Auf dem Nachhauseweg erzählte der Diener uns sonderbare Geschichten über die Bäume.

"Die sehen zwar tagsüber wie Bäume aus, aber nachts streifen sie in ihren grünen Turbanen durch die Gärten und über die verwahrlosten Grundstücke. Unter den Zypressen ist es nicht sicher, dort solltet ihr nicht spielen", sagte er.

Und tatsächlich schien mir abends vor dem Einschlafen, dass die Zypressen sich in ihren grünen Turbanen vor mir aufreihten. Ich hörte jenes sonderbare Raunen, und mir brach wieder der Schweiß aus.

Mit dieser Angst entwickelte sich in mir zugleich ein starkes Gefühl von Mitleid. Ich begann damals die materielle Wirklichkeit des Lebens zu erkennen. Meine Empfindung, anders als die anderen zu sein, löste sich auf, und so wurde ich zu einem Teil der Menschheit. Für mein ungewöhnlich stark entwickeltes Mitgefühl, das mich später von Zeit zu Zeit den Menschen entfremden sollte, möchte ich hier ein Beispiel anführen.

An einem Freitag brachte unser Lala uns in den Park von Ihlamur. Dort spielten schon viele als Miniaturpaschas ausstaffierte Jungen und in Seidenkleidern herausgeputzte Mädchen. Die Spielwarenverkäufer liefen umher mit Spielwaren aus Eyüp, die sie in großen Körben auf ihren Rücken trugen. Wasserverkäufer priesen ihre Ware an, indem sie die Gläser aneinanderschlugen. Und die Lutschbonbonverkäufer sagten, genau wie heute, ihre Reime auf. Ich war fasziniert von all dem Geklingel, Gerassel und Gepfeife. Doch dann geschah etwas,was diese lebendige Szene in das vielleicht schmerzhafteste Bild meiner Erinnerung verwandelte.

Unser Lala machte uns plötzlich auf ein schreckliches Heulen aufmerksam, das von irgendwo aus den Narzissenfeldern kam. Er spitzte die Ohren. Nachdem er sich sorgfältig nach allen Seiten umgesehen hatte, führte er uns schließlich auf einen von dornigem Gestrüpp bewachsenen Pfad. An dessen Ende stießen wir auf eine eingestürzte Mauer, die einen Hund zur Hälfte begraben hatte. Das schmerzerfüllte Geheul kam also von diesem Tier, das sich vergeblich aus den Steinmassen zu befreien versuchte.

Fast sechzig Jahre liegt dieser Vorfall nun zurück, doch jene herzzerreißende Szene

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