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Biografie, Tagebuch, Briefe von Espedal, Tomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.04.2017
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Biografie, Tagebuch, Briefe

Ein Buch wie ein Vermächtnis. Tomas Espedal schreibt in seinem bislang intimsten Buch über die Orte, an denen er lebte, die Frauen, die er begehrte, die Gesichter derer, die er als junger Boxer zertrümmerte, die Bücher, die er las, und über die Liebe zu seiner sterbenden Mutter. Espedal lotet die Grenzen von fiktionalem und autobiografischem Schreiben aus : In jedem der in sich eigenständigen Texte 'Biografie', 'Tagebuch' und 'Briefe' gibt er schmerzvoll preis, wie er wurde, was er ist, bis am Ende der Schriftsteller über die Privatperson siegt. Tomas Espedal wurde 1961 in Bergen geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet. Er veröffentlichte zahlreiche preisgekrönte und in viele Weltsprachen übersetzte Romane und gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller Norwegens. Zuletzt erschien 'Wider die Kunst' (2015).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 347
    Erscheinungsdatum: 10.04.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957574251
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Originaltitel: Biografi, Dagbok, Brev
    Größe: 642 kBytes
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Biografie, Tagebuch, Briefe

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Die neue Wohnung, und mehr als das: eine neue Wohnung denken, die Freude dabei, die neue Wohnung zu schreiben, eine Dreizimmerwohnung mit Balkon, Wohn- und Arbeitszimmer. Das Bett steht mitten im Zimmer, eingerahmt von vier zwei Meter hohen Pfosten und quergelegten Kanthölzern aus Buchenholz, daran zwei weiße Baumwollgardinen, die den Schlaf einschließen. Die in helle Stoffe eingedruckten lichten Muster, wie ein Wasserzeichen, ein Brief, den man im Bett öffnet. Er schreibt: Rue d'Amsterdam, und ich spüre die rastlose Müdigkeit bei dem Gedanken an das Reisen. Er hat die Reise ins Schlafzimmer geschickt, die fast unlesbare Handschrift im Licht der Nachttischlampe, ein Aufblitzen von Ungeduld, und ich bin getroffen und liege wach und ich denke nicht an dich.

Die Wände sind mit Büchern tapeziert, in Leder gebundene, geheftete, gelbe und schwarze Rücken, all die schönen und jämmerlichen Titel, Ledereinbände mit abgeschabten Buchstaben, sie ähneln Tierspuren, du siehst es und liest die Landschaft, die sich in einem Hochregal einfangen lässt, in einem Wohnzimmer, in Büchern aller Art; sie bedecken den Wohnzimmerboden, Bücher über und unter den Tischen, in einer langen Reihe im Fensterrahmen, auf den Sesseln, holterdipolter im Bett. Ein Bett voller Bücher, so auch der Garderobenschrank, auf alten und neuen Borden, in Regalen und hinter Glas: ein Traum von Büchern.

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Die Wände des Arbeitszimmers sind mit Blumen bedeckt, wie das Hotelzimmer im Hôtel de Lille in der Rue Mazarin, wo ich beim offenen Fenster mit ihr schlief, sie schrie über die Köpfe derer hinweg, die unten durch die Straßen gingen. Ich habe immer gerne hoch über der Erde gewohnt. Sie saß nackt im Fensterrahmen. Nachdem sie eingeschlafen war, saß ich rauchend am Fenster und dachte, wie unerreichbar und schön du wohl von der Straße aus wirktest.

Der Schreibtisch in diesem Zimmer ähnelt einem anderen, die Aussicht über die Straßen des Stadtzentrums, eine Lampe, Aschenbecher, Stifte, Bücher, ich sehe selten hinaus.

Wie sehr die Tischplatte einer Karte ähnelt, und wie unnötig es ist zu reisen.

Das Zimmer ist eine Nachahmung, und genau diese Nachahmung macht mir Lust zu arbeiten. Vielleicht, weil ich das Zimmer mit einem anderen verbinde, das dir ähnelt. Sie steht in der Tür und sieht mich am Schreibtisch sitzen. Ich sehe sie im Spiegel. Du sagst: Was für ein unanständiges Zimmer das doch ist, dein Arbeitszimmer hier.

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Dem Leser gegenüber werden im Moment der Lektüre die einfachen Worte des Verses in die Höhe gehoben, wo sie in einem vielleicht dünnen, doch durchdringenden Licht stehen. Ich lese dies auf dem Balkon. Ich habe immer in der Höhe gewohnt, schon seit das Kind sich im zehnten Stockwerk aus dem Fenster lehnte, hinunterblickte und sich fallen ließ, sich fallen ließ und hinunterblickte. Angst habe ich nie gehabt. Lesen ist eine Vorliebe für Höhen. Ich wünschte wirklich, es wäre möglich, in der Literatur zu wohnen.

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In der Höhe ein dünnes und durchdringendes Licht, in der Nähe der Nacht; dies muss der Ort des Lesens sein, ein stilles Zimmer im freien Fall, hier sitze ich und falle, dort liegst du und liest.

Die Aussicht vom Balkon: der Tod meiner Mutter.

Ein sich stets wandelndes Dach aus Erde und Wolken. Der Geruch von Dunkelheit und Sonne, das Beerdigungszimmer. Es vergingen über zwei Monate, bevor ich den Tod meiner Mutter beweinte, es war in einem Auto, wir fuhren von Oslo nach Stockholm, und völlig unvermittelt begann ich zu weinen - mag sein, weil es regnete, mag sein, weil der Regen aufhörte und das scharfe Frühlingslicht die Windschutzscheibe traf wie ein schöner Unfall. Ich musste bremsen und anhalten. In jenem Moment fiel mir ein, dass ich nie, nicht ein einziges Mal, deinen Namen ausgesprochen hatte, dass ich ihn nicht mochte und ihn nicht ertrug

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