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Der Geschmack von Laub und Erde Wie ich versuchte, als Tier zu leben von Foster, Charles (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.01.2017
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Der Geschmack von Laub und Erde

Was fühlt ein Tier, wie lebt es und wie nimmt es seine Umwelt wahr? Um das herauszufinden, tritt Charles Foster ein faszinierendes Experiment an. Er schlüpft in die Rolle von fünf verschiedenen Tierarten: Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler. Er haust in einem Bau unter der Erde, schnappt mit den Zähnen nach Fischen in einem Fluss und durchstöbert Mülltonnen auf der Suche nach Nahrung. In die scharfsinnige, witzige Schilderung seiner skurrilen Erfahrungen lässt er wissenswerte Fakten einfließen – und letztlich geht es auch um eine philosophische Frage: Was bedeutet es, Mensch zu sein?

Charles Foster ist ausgebildeter Tierarzt und Anwalt, unterrichtet Ethik und Rechtsmedizin in Oxford. Er ist Fellow der Royal Geographical Society sowie der Linnean Society, ist auf Skiern zum Nordpol vorgestoßen und hat am Marathon de Sable teilgenommen. Er hat Bücher zu diversen Reise- und Wissenschaftsthemen publiziert; dies ist das erste, das auch auf Deutsch erscheint.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 12.01.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492958769
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 807kBytes
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Der Geschmack von Laub und Erde

Erde 1

Dachs

Wenn Sie sich einen Wurm in den Mund stecken, nimmt er die Hitze darin als etwas Bedrohliches wahr. Man sollte meinen, dass er dann einen Ausbruchversuch in die Tiefe unternimmt, in die schwärzere Dunkelheit, die normalerweise Heimat und Geborgenheit bedeutet, und in Richtung Ihrer Speiseröhre kriecht. Aber das tut er nicht. Er hat es auf die Lücken zwischen Ihren Zähnen abgesehen. Und in meinem Gebiss gibt es viele davon, im Sheffield der Siebzigerjahre trug niemand eine Zahnspange. Der Wurm macht sich so dünn wie ein Faden und zwängt sich hindurch. Falls ihm das misslingt, wie es bei gut gemachten Brücken der Fall ist, dreht er durch: Er schlägt wild hin und her, schleudert das Ende seines Körpers kreisförmig um seine Mitte und peitscht Ihr Zahnfleisch. Letztlich rollt er sich frustriert an der feuchtesten Stelle neben dem Zungenbändchen zusammen und überdenkt seine Lage. Aber sobald Sie den Mund wieder öffnen, prescht er los, er presst seinen Schwanz gegen den Boden Ihrer Mundhöhle wie ein Läufer, der sich vom Startblock abstößt. Das ist alles ziemlich eklig. Und ein gutes Argument für eine Feuerbestattung.

Wenn Sie zum ersten Mal in einen Wurm beißen, erwarten Sie eine Reaktion von der Art, wie sie jeder Angler kennt und hoffentlich hasst: Der Wurm krümmt und windet sich und versucht, vom Haken loszukommen.

Doch es geschieht etwas anderes. Selbst wenn Sie sich, so wie ich, nicht überwinden können, den Wurm zwischen den Backenzähnen zu zermalmen, sondern behutsam mit den Schneidezähnen daran knabbern, wird der Wurm trotzdem zerquetscht. Darin scheint der Unterschied zu liegen. Zerquetschte Tiere rühren sich nicht, sie scheinen nichts zu spüren. Als sich einmal ein ansehnliches Stück Schottland löste und auf meinen Arm krachte, tat es mir kein bisschen weh. In meinem Fall lag das daran, dass Endorphine in meinen Körper gepumpt wurden, die mich mit einem schummrigen Hochgefühl beglückten wie nach Opiumgenuss, und dass mich der Anblick der Knochensplitter und durchtrennten Nerven völlig in den Bann schlug. Möglicherweise haben Ringelwürmer ja ein krudes, auf Opiaten basierendes Schmerzregulierungssystem. Was ich aber bezweifle: Es wäre ein absurder evolutionärer Aufwand. Wie auch immer, beide Hälften des Wurms kapitulieren. Und dann kann ich den Wurm zwischen die Backenzähne schieben und zerkauen.

Regenwürmer schmecken nach Schleim und der Erde, aus der sie kommen. Sie sind der Inbegriff eines regionalen Nahrungsmittels und haben, wie Weinkenner sagen würden, ein sehr ausgeprägtes Terroir. Der Wurm aus Chablis hat einen langen, mineralischen Abgang. Sein Artgenosse aus der Picardie schmeckt muffig, nach Fäulnis und gesplittertem Holz. Würmer aus dem High Weald von Kent schmecken frisch und schnörkellos; man könnte sie zu gegrillter Seezunge empfehlen. Hingegen zeichnet den Wurm aus der Küstenebene von Somerset sein dumpfes, unzeitgemäßes Stout-Bier- und Lederaroma aus. Der Wurm aus den Black Mountains in Wales wiederum lässt sich kaum klar bestimmen; er wäre bei einer Blindverkostung eine echte Herausforderung. Ich bin nicht Angeber genug, um mich an seine Beschreibung zu wagen.

Im Allgemeinen ist der Geschmack des Körpers vorherrschend. Der Schleim schmeckt anders und kann rätselhafterweise variieren. Zum Terroir des Körpers steht er in keinem offensichtlichen Zusammenhang. Man kann den Schleim ablutschen, und beim Chablis-Schleim lässt sich zumindest im Frühjahr eine Note von Zitronengras und Schweinekot feststellen. Der Schleim des Weald hingegen erinnert an überhitzte Schleifscheiben und Mundgeruch.

Auch ändert sich der Geschmack je nach Jahreszeit, allerdings weniger stark, als man annehmen würde. Abhängig von der Saison stechen vielmehr einzelne Geschmackselemente stärker heraus: Es findet eine Verlagerung der Hauptnote statt. In Norfolk dominiert Windeleinlage gegenüber Paraffin im August stärker als im Jan

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