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Das Angst-Buch für Pflege- und Gesundheitsberufe Praxishandbuch für die Pflege- und Gesundheitsarbeit.

  • Erscheinungsdatum: 09.06.2015
  • Verlag: Verlag Hans Huber
eBook (ePUB)
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Das Angst-Buch für Pflege- und Gesundheitsberufe

Angst- und Panikstörungen nehmen weltweit stark zu: Neben den Depressionen gelten Angst-Erkrankungen als ein Phänomen der heutigen Zeit. In Deutschland sind 10% der Bevölkerung betroffen. Ängste begleiten zudem eine Fülle anderer psychiatrischer Erkrankungen und Pflegephänomene. Patienten im Krankenhaus fühlen sich mit ihren Sorgen und Ängsten allein gelassen.

Pflegende sind als die größte Berufsgruppe des Gesundheitswesens nicht nur Schlüsselfiguren im professionellen Umgang mit diesen Problemen. - In Zeiten der Ökonomisierung und wachsender Belastungen werden gerade sie einer Fülle von Stressoren bzw. potenziellen Angstauslösern ausgesetzt. Dieser Umstand wird kaum kommuniziert, da Ängste von Pflegenden und weiteren Berufsgruppen im Gesundheitswesen als Tabu gelten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 360
    Erscheinungsdatum: 09.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783456754147
    Verlag: Verlag Hans Huber
    Größe: 6175kBytes
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Das Angst-Buch für Pflege- und Gesundheitsberufe

[20] [21] 1 Gesellschaft in Angst - Angstgesellschaften

1.1 Panorama gegenwärtiger Lebensängste

Gerhard Bliersbach

1.1.1 Einleitung

Um die Dimensionen heutiger Belastungen für den modernen Menschen aufzuzeigen, bietet es sich an, bestimmte Lebenskontexte zu betrachten. In der Addition entsteht das Panorama heutiger Lebensängste. Pflegende bzw. Menschen in Gesundheitsberufen werden in zweifacher Hinsicht gefordert: Sie haben sich den unmittelbaren Angstkontexten im Krankenhaus zu stellen und sind zugleich - gewissermaßen als Privatpersonen - eingebunden in den Lebenskampf außerhalb ihrer Arbeitsstätte.

Den Impuls für den Titel dieses Beitrags gab ein Leserbrief in der Süddeutschen Zeitung Nr. 164 vom 18.07.2013, Seite 15.

1.1.2 Der Alltag Tag für Tag

"Alles klar?" - "Alles klar." Das ist der kommunikative Austausch einer Kurzbegegnung, der in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts bei uns aufkam (Bliersbach, 1997: 46-48). "Alles klar?" ersetzte die andere, alte Formel: "Wie geht's?" Darauf konnte man vielfältig antworten: "Es geht", "Gut", "Naja" oder "Prima". Auf "Alles klar" nicht - es sei denn, man nimmt die Anstrengung auf sich und relativiert das einschüchternde Alles mit einer gewundenen Einschränkung: "Naja, es geht so, aber mein Rücken, mein Job, meine Kinder machen mir Sorgen." "Alles klar?" erwartet eine Antwort: die uneingeschränkte, zweifellose Zustimmung. Die Frage dient der Selbstvergewisserung - sie gehört zum Ritual und zu unseren Techniken der Selbstberuhigung; ein Dialog ist unerwünscht, Nachfragen sind nicht gestattet. So hält man sich den, dem man begegnet, vom Leib und schützt sich. Wovor? Vor der lästigen, schwierigen und schmerzvollen Erörterung dessen, was eben nicht klar werden soll, nämlich unsere Sorgen, Nöte, Befürchtungen, Ängste um - pathetisch gesagt - unser Leben: unsere Hoffnungen, Sehnsüchte, Fantasien und Wünsche. Das machen wir lieber allein mit uns aus, tragen es lieber allein mit uns herum - sagt dieser Kurzdialog, der mit den schlimmsten Befürchtungen spielt und den anderen auffordert, sie zu beruhigen. Würden wir sie aussprechen, müssten wir lange sprechen; die Liste unserer Befürchtungen ist lang, kompliziert und in manchen Passagen unverständlich. Das Problem ist, dass wir sie als Gefühle mit uns herumtragen, mit denen wir auf unklare Weise eingestimmt sind auf den Prozess der Bewältigung und Bearbeitung unserer Lebensaufgaben und auf den Prozess der Realisierung unseres Lebensentwurfs. Die Gefühle, könnte man sagen, geben uns gewissermaßen unklare, sprachlose, empfundene Auskunft über den Stand dieses komplexen Projekts, das wir Leben nennen.

Leider, das ist unsere tägliche Erfahrung, haben wir unser Leben nicht so in der Hand, wie wir es uns wünschen (oder fantasieren). Christopher Bollas, der nordamerikanische Psychoanalytiker, hat einmal gesagt, dass wir unsere Tage ähnlich wie unsere Träume gestalten (Bollas, 2000). Damit meinte er nicht, dass wir gewissermaßen schläfrig durch unser Leben gehen, sondern, dass wir uns - bewusst und nicht bewusst - in vielen Kontexten bewegen, deren Übergänge und Wahlen träumerisch (wie automatisch) initiiert werden. Ein Beispiel: Auf der Fahrt zur Arbeit im eigenen Wagen treffe ich in Sekundenbruchteilen die Wahl, ob ich das Radio, den CD-Player oder den iPod einschalte, [22] telefoniere oder ohne kommunikative Begleitung nur im inneren Dialog mit mir beschäftigt bleibe. Wie immer ich mich entscheide: Ich reguliere meine Verfassung und stelle oder stimme mich auf die Fahrt und auf die Arbeit ein. "Jeder Tag", so Bollas (2000: 44), "ist die potenzielle Artikulation meines Idioms." Das Idiom ist ein sprachwissenschaftlicher Begriff; für den früheren Anglisten Bollas lag es nahe, das Idiom als den Stil und den Wunsch des Selbst, sich auszudrücken (seinem Lebensentwurf zu folgen), psychoanalytisch auszule

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