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Der gesunde Adipöse Das Kontinuum zwischen gesunder und kranker Adipositas - Aspekte der Gesundheitsförderung, Prävention, Diagnostik und Therapie

  • Erscheinungsdatum: 29.05.2015
  • Verlag: Verlag Hans Huber
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Der gesunde Adipöse

Epidemiologische Studien konnten zeigen, dass übergewichtige und adipöse Personen mit einer guten kardiorespiratorischen Kapazität ein geringeres Risiko für assoziierte Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen aufwiesen als Normalgewichtige mit geringer körperlicher Fitness. Manche adipösen Erwachsenen und Kinder können sogar als "stoffwechselgesund" angesehen werden. Vor diesem Hintergrund scheint die interdisziplinäre Debatte über gesunde oder ungesunde Adipositas, günstige und ungünstige Steuerungen des Ess- und Bewegungsverhaltens höchst aktuell und nötig. Diagnostik, Interventionen und deren Evaluation dürfen sich nicht mehr nur am Gewicht oder gar dem erhofften - und empirisch nicht zu begründenden - Gewichtsverlust orientieren, sondern müssen inter- und intradisziplinar durchgeführt werden. Interdisziplinär bedeutet Implementierung von theoretischen und praktischen Konzepten der Ernährungswissenschaft, Genetik, Medizin, Pädagogik, Physiotherapie, Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaft. Die Komplexität der Planung und des Vorgehens zeigt sich darin, dass die angeführten Disziplinen Fächerbündel darstellen. Intradisziplinär im Bereich der Medizin hieße also etwa Innere Medizin, Orthopädie, Pädiatrie, Chirurgie, Gynäkologie oder im Falle der Psychologie: Klinische und Gesundheitspsychologie, aber auch Sozialpsychologie, um Informationen Gesetzen zu vermitteln, nach denen Menschen im Sinne einer optimalen Gesundheit beeinflussbar sind.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 29.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783456754956
    Verlag: Verlag Hans Huber
    Größe: 3146 kBytes
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Der gesunde Adipöse

[14] [15] Einleitung

Elisabeth Ardelt-Gattinger, Susanne Ring-Dimitriou und Daniel Weghuber

Adipositas erreicht weltweit endemische Ausmaße mit steigender Prävalenz. Maßnahmen gegen Adipositas betreffen daher immer mehr Menschen und stellen für die Gesundheitssysteme eine enorme organisatorische und finanzielle Herausforderung dar.

Adipositas, so könnte man dieses Klagen über ständig steigende Adipositasraten unterbrechen, ließ sich lange Zeit und lässt sich auch heute noch als eine gute Botschaft interpretieren. Sie enthält die Information, dass man ausreichend zu essen hat und die dafür nötigen Mittel nicht mit harter, oft lebensverkürzender körperlicher Arbeit verdienen muss. Die Träger dieser Botschaft gehörten zudem in den Urzeiten der Menschheit zu den Siegern, die ausreichend Fett als Energieträger für Hungerzeiten speichern konnten. Möglicherweise stellt heute das Schönheitsideal DÜNN, an dem man bereits normalgewichtige Personen misst und als zu dick befindet, systemtheoretisch gesehen ein sinnvolles Gegengewicht zu unseren Überflussgesellschaften dar, das nun auch in weniger reichen Ländern über Vorbilder aus den Medien übernommen wird. Dieses Ideal führt aber aufgrund rigider energieerhaltender Regelkreise zu Verlust von Hunger und Sättigung, zu übermäßigem Diätieren, zur Zunahme von vorklinischen und klinischen Essstörungen, und es begünstigt die Entstehung von Übergewicht und Adipositas.

Das heißt, dass Adipositas, genetisch mitbedingt, auch gekennzeichnet ist von ungünstigen, teilweise sogar paradoxen kognitiven Steuerungsmechanismen des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens. Adipöse Kinder und Erwachsene weisen zudem zweierlei auf, nämlich sowohl das in manchen Studien genannte Sweet- oder Fat-Craving als auch eine Sucht nach übermäßigem Essen , die mit den übrigen im ICD 10 genannten Abhängigkeiten vergleichbar und von den jeweiligen Nahrungsmitteln meist unabhängig sind.

Die von rezenten Forschungen unberührten, bisweilen archaisch anmutenden Schuldzuweisungen von "Fraß, Völlerei und Faulheit" bedingen, dass Adipöse heute zu einer der am meisten diskriminierten Gruppen geworden sind - mit stark negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität. Insbesondere bei Kindern [16] ist diese schlechter als etwa bei Krebspatient/innen. Die allgegenwärtige Abwertung des "Fetten", sein Anders-Sein, macht es schwierig, sich in Schwimmbädern, auf Spielplätzen und an anderen Sportstätten zu zeigen. Das wiederum führt bei vielen zum Rückzug. Langeweile begünstigt Essen auch zwischen den Mahlzeiten. Was bleibt, ist speziell bei Kindern und Jugendlichen ein von geringer körperlicher Aktivität geprägtes Freizeitverhalten wie Computerspielen und ein hoher TV-Konsum, der wiederum mit dem Schönheitsideal DÜNN konfrontiert. Es dreht sich die Spirale von Rat- und Hilflosigkeit angesichts des steigenden Körpergewichts. Die Motivation und die Hoffnungen auf starke Gewichtsabnahme sind extrem hoch; durch Werbung und leichtfertige Aussagen von Berater/-innen aller Disziplinen werden sie gestützt; die Realität ist, was eine grundlegende Umstellung des Lebensstils anbetrifft, eine ganz andere.

Bisherige Präventions- und konservative Therapiemaßnahmen bei adipösen Menschen jeden Alters erwiesen sich nur kurzfristig als erfolgreich für Gewichtsabnahmen; in Bezug auf eine langfristige Gewichtsreduktion (länger als 48 Monate) werden sie übereinstimmend als sehr begrenzt effektiv bezeichnet.

Angesichts dieser Tatsachen wiegt die Stigmatisierung noch schwerer und ist noch ungerechter. Es erschien daher als die Lösung schlechthin, dass Adipositas auf der Grundlage der internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme unter den "Endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)" aufgeführt ist und sich immer häufiger - und exkulpierend - als schwere chronische Krankheit mit progressivem Verlauf b

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