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Die Arzt-Patient-Beziehung

  • Erscheinungsdatum: 28.01.2010
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (PDF)
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Die Arzt-Patient-Beziehung

Die Begegnung zwischen Arzt und Patient ist komplex. Dies betrifft die grundlegende Asymmetrie in der Arzt-Patient-Beziehung, die, je nach Zeitgeist, von paternalistischen oder partizipativen Vorstellungen geprägt ist. Aber sie steht auch in institutionellen, bürokratischen und wirtschaftlichen Kontexten. Dieses praxisorientierte Buch ermöglicht die Reflexion der eigenen Position und die Annäherung an ein gemeinsames Behandlungsziel von Arzt und Patient. Durch Beispiele u. a. aus Gynäkologie, Psychiatrie und Onkologie werden konkrete Behandlungssituationen aus soziologischer Sicht aufgearbeitet, wodurch Spannungsfelder und Auswirkungen von Asymmetrien auf die Arzt-Patient-Beziehung erkennbar werden. Dr. Jutta Begenau, Medizinsoziologin an der Charité Berlin. Dr. Cornelius Schubert, Soziologe am Institut für Soziologie der TU Berlin. PD Dr. Werner Vogd, Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 162
    Erscheinungsdatum: 28.01.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170266650
    Verlag: Kohlhammer Verlag
    Größe: 1075 kBytes
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Die Arzt-Patient-Beziehung

1 "Es gibt so viele Klippen": Die Ärztin-Patientin-Beziehung 1 in der Gynäkologie

Jutta Begenau
1.1 Einleitung

Diese Feststellung "Es gibt so viele Klippen" kommt von einer Frauenärztin, als sie gebeten wird, sich zur Bedeutung von Intimität in der gynäkologischen Praxis zu äußern. Was sie unter einer Klippe versteht, versucht sie am Beispiel einer Kinderwunschpatientin, die zu ihr in die Praxis mit dem Befund "sekundäre Sterilität" kommt, verständlich zu machen:

"Da überlege ich: Frage ich sie jetzt danach? [...] Sie waren ja schon einmal schwanger, wie ist denn diese Schwangerschaft verlaufen? 'Ach, da war ich ganz jung, da habe ich einen Abbruch gehabt.' Oder: 'Das ist vermutlich die Strafe, dass ich jetzt durch die vielen Behandlungen nicht schwanger werde.' War's richtig, spricht man das an? Macht man wieder ein schlechtes Gewissen? Ist das unangenehm für die Patientin? Muss sie das noch einmal verarbeiten? Oder geht man darüber hinweg. Das sind auch immer diffizile Dinge."

Der Begriff der Klippe wird von ihr als Metapher für problematische Situationen, für Konfliktfelder, in denen sich Frauenärztinnen und Patientinnen bewegen, verwendet. Dabei vermag der von ihr gewählte Ausschnitt ihres Erfahrungsraumes zu verdeutlichen, was sie damit meint, wenn sie von "so vielen" Klippen spricht. Er macht sichtbar, dass schon eine einfache Frage nach dem Verlauf einer vorangegangenen Schwangerschaft klippenreich sein kann. Dann etwa, wenn damit bei der Patientin alte Konflikte aktualisiert werden. Wichtig scheint auch die mit dem Zitat verbundene Aussage, dass in der Gynäkologie die Beziehung zwischen Frauenärztin und Patientin nicht selten mit einer problematischen Situation eröffnet wird. Zudem legt das Zitat nahe, Klippen auch im Zusammenhang mit dem ärztlichen Selbstverständnis zu diskutieren. Denn unsicher wird die Frauenärztin ja nur deshalb, weil sie sich in ihre Patientin einfühlt, sich auf deren Seite begibt, oder anders gesagt, es für selbstverständlich hält im "Modus von Respekt und Verständnis" zu handeln.

Thema des folgenden Kapitels sind solche und andere für die Gynäkologie typischen Situationen und potenziellen Konfliktfelder. Zuvor aber soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass auch für die Ärztin-Patientin-Beziehung in der Gynäkologie vier soziologische Tatsachen gelten. Auch hier begegnen sich Ärztin und Patientin erstens in einer prinzipiellen Asymmetrie. Das heißt, dass auch in der gynäkologischen Sprechstunde die Ärztin das Problem definiert, den weiteren diagnostischen und therapeutischen Weg bestimmt und das Geschehen kontrolliert. Die Patientin dagegen ist die Laiin. Sie ist die Passive, die Verletzliche. Sie folgt in der Regel den Entscheidungen der Ärztin.

Beide haben aber auch Gemeinsamkeiten, beispielsweise diejenige, möglichst schnell Gewissheit zu erhalten. Aber Gewissheit worüber? Diese Frage führt zu einer zweiten sozialen Charakteristik, nämlich der, dass zwischen beiden eine prinzipielle Perspektivendivergenz besteht (vgl. Klusmann et al. 1998). Für Patientinnen steht ihr Leben im Zentrum. Sie beurteilen ärztliche Entscheidungen daran, wie gut diese ihnen helfen, ihren Alltag, ihr Leben wieder zu bewältigen. Währenddessen handeln Gynäkologinnen aus der Arbeitsperspektive und an einem Behandlungsauftrag orientiert. Sie sehen täglich viele Frauen mit ähnlicher Symptomatik und vergleichbaren gesundheitlichen Fragestellungen. Entsprechend routiniert ist ihr Blick auf vor allem regelwidrige Symptome gerichtet. Evident sind für sie ihre Entscheidungen dann, wenn sie ärztlichen Standards entsprechen. Wegen dieser Perspektivendifferenz, meint Uexküll (1990, S. 1280), sei es in der Begegnung zwischen Ärztin und Patientin zunächst wichtig, eine gemeinsame Wirklichkeit aufzubauen. Gadamer hält fest, dass es "zu dem Bestand solchen Abstandes gehört, dass Arzt und Patient

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