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Gehirn und Moral Ethische Fragen in Neurologie und Hirnforschung von Frings, Markus (eBook)

  • Verlag: Georg Thieme Verlag KG
eBook (ePUB)
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Gehirn und Moral

In der Neurologie und Hirnforschung wurden in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvolle Fortschritte gemacht: Neurologische Krankheitsbilder wie Schlaganfall, Morbus Parkinson, Epilepsie oder Multiple Sklerose können inzwischen gut behandelt werden. Viele Patienten leiden aber an bleibenden Defiziten. Die Auswirkungen von Erkrankungen des Gehirns auf unsere Wahrnehmung, auf unser Denken, Fühlen und Verhalten werden zwar immer weiter erforscht, viele Aspekte werden jedoch noch nicht verstanden, und es stellen sich schwierige Grundsatzfragen: - Was nimmt ein Mensch im sogenannten Wachkoma wahr und welche Konsequenzen hat das für die Behandlung? - Wie gehen wir würdevoll mit Demenzkranken um? - Sind Hirntote wirklich tot, darf man ihnen Organe entnehmen? - Was sind die Chancen und Risiken genetischer Untersuchungen? - Was tun bei Zufallsbefunden? - Dürfen wir unser Gehirn 'dopen'? - Wie gehen wir mit technischen Entwicklungen wie Neuroprothesen und tiefer Hirnstimulation um? Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht - hier 'richtig' zu handeln erfordert ethische Reflexion, Dialog und Verantwortung. Professor Dr. Markus Frings ist Facharzt für Neurologie und hat Philosophie studiert, Privatdozent Dr. Dr. Ralf J. Jox ist Facharzt für Neurologie und promovierter Philosoph. Die Autoren schildern in diesem Buch Schicksale ganz unterschiedlicher Patienten. Sie erörtern neben medizinischen und neurowissenschaftlichen auch philosophische, ethische, historische, rechtliche und soziale Aspekte. Das vermittelte Wissen hilft in Situationen, denen sich viele Menschen stellen müssen - ein Buch nicht nur für Ärzte, Pflegende oder Patienten, sondern für jeden von uns.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 296
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783131989819
    Verlag: Georg Thieme Verlag KG
    Größe: 3230 kBytes
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Gehirn und Moral

2 Kann man ohne Sprache sein Einverständnis erklären? Forschung an Nichteinwilligungsfähigen

Markus Frings
2.1 Schlaganfallstudien

Es war ein wunderschöner Spätsommertag. Dr. Jung konnte leider noch nicht Feierabend machen, da er heute Bereitschaftsdienst in der neurologischen Klinik hatte. Damit lag noch einiges vor ihm. Er war auf dem Weg auf die Schlaganfallstation zur Übergabe, um über die Patienten dieser Station für seine Dienstzeit informiert zu sein. Doch als er dort ankam, wurde er sofort in die Notaufnahme weitergeschickt. Es war gerade ein Patient mit einem frischen Schlaganfall angekommen, und als Diensthabender musste er sich jetzt direkt darum kümmern. Eine Übergabe war sowieso nicht möglich, weil der Stationsarzt mit einem anderen Patienten beschäftigt war, der wenige Minuten zuvor gekommen war. Das waren die besten Dienste: keine geregelte Übergabe, nur spärliche Informationen, die man sich später zusammenklauben musste und keine Möglichkeit, sich kurz mit Kollegen zu unterhalten.

In der Notaufnahme wusste Dr. Jung sofort, dass es jetzt sehr schnell gehen musste: Der Notarzt teilte ihm mit, dass der siebzig Jahre alte Herr Weber vor etwa einer halben Stunde bei der Gartenarbeit plötzlich zusammengesackt sei. Seine rechte Körperhälfte war gelähmt und er konnte nicht mehr richtig sprechen. Der Freund, in dessen Garten der alte Herr mitgeholfen hatte, hatte sofort die Feuerwehr verständigt, die ihn in Rekordzeit in die Klinik gebracht hatte. Ein typischer Fall für die sogenannte Lysetherapie: Wenn bei einem Schlaganfall ein Gefäß verschlossen ist, kann man mit einer Infusion des stark blutverdünnenden Medikamentes rtPA versuchen, dieses Gefäß wieder zu eröffnen. Der Erfolg dieser Maßnahme ist umso höher, je schneller das Medikament gegeben wird. Dauert es länger als 4,5 Stunden, überwiegt das Risiko einer Einblutung in den Infarkt den möglichen Nutzen. Weil man aber aufgrund der klinischen Symptome nicht unterscheiden kann, ob es sich um einen Gefäßverschluss mit einer Durchblutungsstörung handelt oder von Beginn an eine Einblutung in das Gehirn die Ursache ist, muss eine Computertomografie durchgeführt werden.

Dr. Jung konnte den klinischen Befund des Notarztes bestätigen. Herr Weber sprach unzusammenhängend, vertauschte Worte und Silben und verstand keine Aufforderungen: eine Aphasie infolge einer Störung des Sprachzentrums, das sich in der linken Gehirnhälfte befindet. Aufgrund der spontanen Bewegungen und anhand dessen, wie Herr Weber auf leichtes Kneifen reagierte, erkannte Dr. Jung, dass der rechte Arm und das rechte Bein weniger beweglich waren als die linke Körperhälfte. Dr. Jung nahm dem Patienten Blut ab, um auszuschließen, dass er eine Gerinnungsstörung hatte, und schob zusammen mit dem Krankenpfleger das Bett des Patienten zu dem Raum, in dem das Computertomografie-Gerät stand.

Während der Untersuchung hatte er kurz Zeit, mit dem Bekannten von Herrn Weber zu sprechen. Dieser war zum Glück dem Krankenwagen in die Klinik gefolgt und konnte nun hoffentlich Genaueres über die Begleitumstände berichten: Herr Weber und er hatten sich wohl beim Tragen schwerer Platten etwas zu sehr angestrengt. Plötzlich sei Herr Weber zusammengesackt, auf den Rasen gefallen und habe nur noch Kauderwelsch gesprochen. Über Vorerkrankungen wusste der Bekannte nicht viel, nur dass Herr Weber unter erhöhtem Blutdruck litt und von Sport und gesunder Ernährung nicht so viel hielt. Er habe schon versucht, Herrn Webers Ehefrau zu erreichen, aber bisher sei sie nicht ans Telefon gegangen.

Mit diesen spärlichen Informationen wandte sich der Neurologe wieder dem Patienten zu. Der Kollege der Radiologie erwartete ihn bereits, um ihm die Aufnahmen zu zeigen. Es war eine primäre Einblutung in die sogenannten Stammganglien und das umliegende Hirngewebe zu sehen. Mit größter Wahrscheinlichkeit war diese Blutung durch den hohen Blutdruck

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