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Handbuch Pflegeethik Ethisch denken und handeln in den Praxisfeldern der Pflege

  • Erscheinungsdatum: 10.11.2011
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (ePUB)
30,99 €
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Handbuch Pflegeethik

Die Gesundheitsversorgung ist durch eine zunehmende ethische Komplexität gekennzeichnet, die insbesondere auch pflegerisches Handeln betrifft. Daraus entsteht der Bedarf an einer eingehenden ethischen Reflexion. Doch welche Lösungsansätze gibt es für die Praxis? Internationale Expertinnen und Experten leisten im Handbuch einen Beitrag zu aktuellen pflegeethischen Diskussionen - so etwa zu Rationierung, Forschung, Management, Pädagogik und interdisziplinärer Entscheidungsfindung. Der einheitliche Aufbau ermöglicht eine systematische Vertiefung theoretischer und praktischer Aspekte. Mit Geleitworten von Silvia Käppeli und Verena Tschudin.

Settimio Monteverde ist Dozent an der Berner Fachhochschule im Fachbereich Gesundheit sowie Lehrbeauftragter an diversen Hochschulen in Deutschland und in der Schweiz.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 238
    Erscheinungsdatum: 10.11.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170279520
    Verlag: Kohlhammer Verlag
    Größe: 8167 kBytes
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Handbuch Pflegeethik

2.2.1 Fehlende Kontextorientierung

Autonomie ist ein ethischer Leitwert für alle helfenden Berufe. Sie ausüben zu können, setzt voraus, dass die Person Intentionen entwickeln und Ziele verfolgen kann. Sie muss sich in ein Verhältnis zu sich selbst setzen, ihre gegenwärtige Situation betrachten und Folgen ihrer Entscheidungen und ihres Handelns antizipieren können ( vgl. Bobbert 2002). Eine schwere gesundheitliche Krise schränkt als Widerfahrnis die Souveränität ein, die für eine ideale Autonomie erforderlich ist. Im Fallbeispiel hinterfragt die Pflegefachperson nicht die wörtlichen Äußerungen der Patientin oder sucht nach deren kontextueller Bedeutung: Die alte Frau könnte überfordert sein in dieser Situation, in die sie aus einem stabilen Alltag infolge eskalierender Symptome der Verstopfung, Übelkeit oder Schmerzen geraten ist. In dieser für sie neuen Umgebung mit einem klar vorgegebenen Organisations- und Interaktionssystem kennt sie sich nicht aus. Die fremde Situation könnte ihr Angst machen. Ihre kognitive Leistungsfähigkeit könnte durch den Situationswechsel eingeschränkt sein, erst recht dann, wenn sie während ihrer akuten Erkrankung dehydriert ist.

Kontextuelle Bedeutung

Der folgende Fragenkatalog eignet sich, die Ebenen der kontextuellen Bedeutung in der geschilderten Situation sichtbar zu machen:

Könnten die Äußerungen der Patientin Ausdruck ihrer Überforderung in der Krise sein? Stehen sie für Angst und Verzweiflung?

Klagt sie, weil sie keine Selbstwirksamkeit mehr erfährt?

Erlebt sie die in aktiven Rollen funktionierenden Personen in ihrer Umgebung nicht als helfend?

Ruft sie zu Gott, weil sie es vor Schmerzen oder Übelkeit nicht mehr aushält und nur von ihm noch Hilfe erwartet?

Ist sie in ihrer sinngebenden Existenz so erschüttert, dass sie keine Hoffnung mehr für sich sieht?

Und schließlich: Worauf richtet sich ihr Wille - sofern er von einer fremden Person allein aufgrund ihres Verhaltens auf dieser Krankenhausstation in einer akuten körperlichen und emotionalen Krise beurteilt werden kann: Will sie sterben oder kann sie so nicht leben?

Pflegeanamnese, Pflegediagnose, Pflegeassessment

Diese Ebene der Reflexion erreicht die Pflegefachperson nicht. Sie ist selbst überfordert in dieser Situation. Methodisch steht ihr wenig mehr als Zuschauen und Mitleiden zur Verfügung. Der Versuch, der Patientin Mut zuzusprechen, wird nicht erwähnt. Ein pflegeanamnestisches Gespräch scheint nicht stattgefunden zu haben, was auch mit der momentanen Situation der emotionalen und körperlichen Krise der Patientin erklärbar ist. Ebenso wenig ist ein pflegediagnostischer Prozess erkennbar. Ein Pflegeassessment zu den Selbstpflegedefiziten, zu Belastbarkeit, Mobilität, Atmung, Schmerzen und Delir erfolgt nicht. Sie plant keine Information oder Beratung, auch keine Absprache mit weiteren in die Versorgung eingebundenen Personen und Institutionen.
2.2.2 Fehlende Verlaufsorientierung, fehlender Präventionsfokus

Weiter fällt auf, dass die Pflegefachperson die aktuelle Situation nicht in einen Krankheits- und Pflegeverlauf einzuordnen versucht und nicht ergründet, wie es zu dem Ileusverdacht kommen konnte. Hatten sich ihre Ernährungsgewohnheiten geändert? Hatte sie Zahnprobleme, Schmerzen? Oder liegen Veränderungen im sozialen Bereich vor, wie z. B. der Verlust einer Bezugsperson, die ihr den Alltag bewältigen half und Besorgungen für die Patientin gemacht hat? Trauert sie? Gab es ein Sturzereignis? Zeichnet sich eine beginnende Demenz ab? Wenn die Pflegende klären könnte, wie es zu der Krise gekommen war, könnte sie an der Rehabilitation in eine postkritische und in eine möglichst stabile Phase mitwirken und z. B. präventiv darauf hinwirken, eine erneute Krise zu vermeiden. Sie

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