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Sterben lassen Über Entscheidungen am Ende des Lebens von Jox, Ralf J. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.12.2014
  • Verlag: edition Körber-Stiftung
eBook (ePUB)
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Sterben lassen

Es gibt Fragen, die sich niemand gern stellt: Wann dürfen wir Sterben zulassen? Wie wahrt man die Würde des Menschen bis zum Schluss? Doch wir müssen Antworten darauf finden - als Individuen und als Gesellschaft. Zwei Drittel aller Menschen in den reichen Ländern sterben nicht mehr unerwartet, sondern absehbar, unter ärztlicher Begleitung. Ralf J. Jox hat die Sterbepraxis auf deutschen Intensivstationen untersucht und eine große Verunsicherung festgestellt. Denn Ärzte und Angehörige müssen über die "Therapiebegrenzung" entscheiden, wenn der Sterbende dies nicht mehr selbst kann. Aus seiner eigenen Erfahrung als Palliativmediziner und auf wissenschaftlicher Grundlage entwickelt Ralf J. Jox Kriterien für ethisch vertretbare Entscheidungen am Sterbebett. Er plädiert für einen intensiven Dialog aller Beteiligten als besten Weg, der Selbstbestimmung des Patienten gerecht zu werden. Eine ethische Fallberatung, mehr Rechtssicherheit, eine bessere Ausbildung in der Sterbebegleitung und vor allem ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel können dazu beitragen, die Entscheidungen am Lebensende erträglicher zu machen. Ralf J. Jox ist Facharzt für Neurologie und Palliativmediziner, erwarb Doktorgrade der Medizin und der Medizinethik (München und Basel) sowie den Mastergrad in Medical Ethics & Law (London). Seine medizinethische Dissertation wurde 2009 mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Zurzeit leitet er als Akademischer Oberrat den Bereich "Klinische Ethik" an der LMU München.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 268
    Erscheinungsdatum: 15.12.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896844880
    Verlag: edition Körber-Stiftung
    Größe: 2556 kBytes
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Sterben lassen

Angst vor dem Sterben

Es ist bemerkenswert, dass in den öffentlichen Diskussionen um das Ende des Lebens fast nie vom Tod die Rede ist, sondern beinahe ausschließlich vom Sterben und von der Angst davor. Auch auf Palliativstationen wird am meisten Sorge darauf verwandt, das Sterben vorzubereiten und zu gestalten. Höchstens der Seelsorger mag die Angst vor dem Tod ansprechen. Aber auch bei den Patienten dominieren meist die Ängste vor dem Sterben.

Werden Menschen gefragt, wie sie sterben wollen, so antworten sie in aller Regel: schnell und schmerzlos, vielleicht sogar im Schlaf. Das Gegenteil wird gefürchtet, das langsame und schmerzvolle Sterben bei wachen Sinnen. Ein anderes, früher oft gebrauchtes Wort für dieses Schreckensbild ist die "Agonie". Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet Kampf, Wettkampf, Angst. 26 Man denkt an einen Menschen, der mit dem personifizierten Tod eine Art Ringkampf führt, der sich nach Kräften wehrt, der schmerzhafte Schläge einstecken muss und am Ende trotz aller Gegenwehr unterliegt. Diese kulturelle Vorstellung vom Sterbeprozess mag zum Teil dadurch bestimmt sein, dass Menschen früher nicht selten an Verletzungen, durch Gewalt oder sogar auf dem Schlachtfeld starben und dabei natürlich entsetzliche Schmerzen litten. Zudem waren die Möglichkeiten der Schmerzlinderung lange nicht so effektiv, wie sie es heute sind. Wissenschaftliche Erhebungen zu den Symptomen während der Sterbephase zeigen, dass Schmerzen heutzutage gar nicht so häufig und so schlimm sind wie befürchtet. 27 Die Angst folgt einer anderen Logik, denn Menschen müssen im Laufe ihrer zum Tode führenden Krankheit in der Tat oft starke und zuweilen unzureichend behandelte Schmerzen erleiden. Sowie die Erkrankung fortschreitet, verstärken sich meist auch die Schmerzen. Dies erzeugt dann die absolut nachvollziehbare Angst, die Schmerzen würden einen unerträglichen Höhepunkt erreichen, sobald die Erkrankung schließlich das Leben beendet. Doch das ist ein Trugschluss. Während intensive Schmerzen eher die letzten Lebensenergien eines Schwerkranken hervorrufen, beginnt der Sterbeprozess oft dann, wenn die Schmerzen nachgelassen haben und sich der Patient, erschöpft vom Aushalten der Schmerzen, entspannt. Hinzu kommt, dass der Sterbeprozess seine eigene Analgesie, also Schmerzlinderung, mit sich bringt. Es ist bekannt, dass die natürliche Dehydrierung durch weniger Flüssigkeitsaufnahme in den letzten Lebenstagen bewirkt, dass im Gehirn vermehrt schmerzlindernde Botenstoffe, Endorphine genannt, freigesetzt werden, welche ähnlich wie Morphin wirken. Und noch ein Zweites unterstützt die Analgesie im Sterben: Durch das zunehmende Nieren- und Leberversagen werden im Körper befindliche Medikamente langsamer abgebaut, sodass der Wirkspiegel von Analgetika steigt und die Schmerzlinderung effektiver wirkt.

Wer an einem Lungenkrebs, einer chronischen Lungen- oder Herzerkrankung oder einer anderen Krankheit mit Beeinträchtigung der Atmung leidet und voraussichtlich daran sterben wird, hat fast immer auch Angst vor dem Ersticken. Ich habe einige Jahre in einer Ambulanz für Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) gearbeitet. Bei dieser Erkrankung kommt es aus unerfindlichen Gründen zu einer fortschreitenden Lähmung aller willkürlich bewegbaren Muskeln des Körpers. Nach und nach verlieren die Betroffenen ihre Beweglichkeit, die Gehfähigkeit, die Möglichkeit, ihre Hände zu benutzen, aber auch die Schluck- und Sprechfähigkeit sowie, oft zuletzt, die Fähigkeit zur eigenständigen Atmung. Oft sammelt sich Speichel im Mund, der nur mühsam oder gar nicht mehr geschluckt werden kann; er rinnt über die Luftröhre in die Lunge und verursacht Hustenreiz, Luftnot und Erstickungsangst. Da der Hustenstoß meist zu schwach ist, um Speichel oder Schleim abzuhusten, geraten die ALS-Patienten in Panik und befürchten zu ersticken. Es kommt zwar so gut wie nie zu einer lebensbedrohliche

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