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Welche Medizin wollen wir? Warum wir den Menschen wieder in den Mittelpunkt ärztlichen Handelns stellen müssen von Ridder, Michael de (eBook)

  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
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Welche Medizin wollen wir?

Patientenwohl und Empathie statt Cash flow, Fallpauschale und Bettenpolitik Die Medizin ist einem Wandel unterworfen. Das Wohl des Patienten ist aus dem Blickfeld geraten, stattdessen wird ärztliches Handeln mehr und mehr von ökonomischen Vorgaben geleitet. Auf der Strecke bleibt dabei vor allem die Zeit: Zeit für ein Gespräch, Zeit für Zuspruch in der Einsamkeit schwerer Krankheit, Zeit für die Erläuterung von Eingriffen, Zeit für die Bewältigung von Angst. Michael de Ridders eindringliche Schilderungen - auch der Erlebnisse in Zusammenhang mit seiner eigenen Erkrankung - führen uns den eklatanten Mangel an Menschlichkeit im Patientenalltag vor Augen. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Arzt kann er den bedenklichen Zustand der Medizin und des Gesundheitssystems genau aufzeigen. Aber er weist auch den Weg in eine patientenfreundlichere Zukunft und macht deutlich, wie das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient wiederhergestellt werden kann. Michael de Ridder ist seit mehr als dreißig Jahren im ärztlichen Beruf tätig, zuletzt als Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses und als Geschäftsführer des von ihm mitbegründeten Vivantes Hospiz. Als Vorsitzender einer Stiftung für Palliativmedizin befasst er sich seit vielen Jahren kritisch mit dem Fortschritt in der Medizin und Fragen der Gesundheitspolitik und erörtert dies immer wieder in den Medien, unter anderem in "Die Zeit", "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Cicero". Für sein medizinisches Wirken wurde er vielfach ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641123574
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Größe: 1274 kBytes
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Welche Medizin wollen wir?

Kapitel 1

"Das überleben Sie schon!" - Erste Schritte im weißen Kittel

"Sterben ist noch nicht!" - als Praktikant auf der Geschlossenen und als frischgebackener Arzt auf der Inneren erlebt der Autor unmenschliche und sinnlose Behandlungsmethoden, eine Medizin, unnachgiebig und selbstbezogen. Er selbst muss sich seine Machtlosigkeit eingestehen, kollabiert, zweifelt an der eigenen Berufswahl, schämt sich. Eine erfahrene Schwester ist es, die seinen ersten Nachtdienst nicht zur Katastrophe werden lässt.

Der wehrlose Alte

Mit einem entschlossenen Handgriff, der Ungeduld und zugleich Gnadenlosigkeit verriet, hatte Pfleger Troska den von alten Blutergüssen und Kratzspuren übersäten und von Muskelschwund gezeichneten Arm des verwirrten Greises auf die Bettdecke niedergedrückt und mir wortlos zu verstehen gegeben, nun meinerseits den Arm des sich heftig sträubenden Alten auf der Unterlage zu fixieren, um ihm ungestört eine neue Infusion anlegen zu können. "Der braucht Flüssigkeit. Der rutscht uns sonst ins Delir 6 und krepiert ... hat sie sich schon zum dritten Mal rausgerissen, die verdammte Braunüle 7 ! Später legen wir seine Handgelenke in Riemen, damit der Unfug hier mal ein Ende hat! Woll'n doch mal sehen, ob wir den nicht zur Räson kriegen! Nicht so widerspenstig sein, Alterchen! Anordnung von ganz oben: Sterben ist noch nicht! Ist doch alles nur zu deinem Besten, nicht wahr? Und jetzt schön stillhalten, mein Gutster!"

Troska umschloss nun mit seiner linken Hand die rechte des Greises, um mit seinem quer über dessen fragilen Handrücken liegenden Daumen die papierne, ein bläulich zartes Venennetz überziehende Haut zu straffen und mit Nitrospray, das üblicherweise zur Behandlung von Angina-Pectoris-Anfällen eingesetzt wird, zu besprühen: "Hat mir mal ein Kardiologe verraten", murmelte er mir gönnerhaft zu, "das Zeug weitet die Gefäße und so lassen sich bei liegender Stauungsmanschette am Oberarm die Venen besser tasten." Für deren Punktion war nun alles vorbereitet.

Ein letztes Mal versuchte der gequälte Alte, dessen von Warzen und Pigmentflecken übersäter Oberkörper sich jetzt zitternd und unter heftiger Anspannung halb aufrichtete - "Lazarus-Syndrom!" 8 schoss es mir durch den Kopf -, mit einer rotierenden Armbewegung dem drohenden Stich doch noch zu entkommen. Aber schon hatte Troska ebenso routiniert wie unnachgiebig und mit dem Kommando "Stillhalten, Opa, sonst tut's weh!" die Braunüle in einer Vene seines Unterarms platziert.

Meine erste Stelle als Medizinalassistent in einem Kreiskrankenhaus nahe Hamburg, die ich am 4. April 1979 antrete; mein dritter Tag auf der Inneren Abteilung. Bewusst hatte ich mich für diese "Klitsche in der Pampa" - so hatte einer meiner Kommilitonen verächtlich mein Vorhaben kommentiert, ein kleines Krankenhaus für meinen beruflichen Einstieg zu wählen - entschieden. Denn, so hatte mir einer meiner Tutoren während des Studiums verraten: "Wenn du deine erste Stelle antrittst, such dir eine kleine Klinik. Da wirst du gebraucht, da lernst du mehr und schneller als in der Anonymität einer Großklinik. Und halt dich an die Schwestern und Pfleger! Von denen profitierst du gerade in den ersten Monaten mehr als von den Ärzten, die eifersüchtig auf ihrem Wissen und ihren Fertigkeiten hocken, weil sie in dir schon den künftigen Konkurrenten wittern." Dies beherzigend hatte ich heute Morgen den Pflegekräften ein Frühstück spendiert. Und Pfleger Troska hatte mich in seiner jovialen Art gleich unter seine Fittiche genommen.

Jetzt stand ich ihm gegenüber auf der anderen Seite des Bettes und drückte halbherzig den Arm des winselnden Greises gegen die Matratze. Flackernden Blicks schaute er Hilfe heischend zu mir empor. Seinen Blick zu erwidern, brachte ich nicht fertig. Ich spürte, dass mit ihm etwas Grausames und Sin

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